Die Geschichte der niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


XV. Die Herrschaft der Regenten

Der Friedensschluss von Münster löste in der Republik eine Krise aus, die der von 1617/18 nicht unähnlich war. Schon vor der Unterzeichnung der Friedensverträge hatte die Provinz Holland gegen den Widerstand des Statthalters damit begonnen, massiv Truppen abzubauen. Zudem hatten schon längere Zeit Spannungen zwischen der statthalterlichen Familie und vor allem Holland bestanden, die sich unter anderem aus der Ablehnung der Friedenspolitik ergaben. Friedrich Heinrich und sein Sohn und Nachfolger, Wilhelm II., mussten diese Situation als bedrohlich ansehen, verdankten sie ihr politisches Gewicht doch wesentlich ihrer militärischen Autorität. Wie den überlieferten Tagebüchern des friesischen Statthalters Willem Frederik von Nassau zu entnehmen ist, herrschte im Oranierhaus die ernsthafte Befürchtung die Familie könnte nach dem Frieden als überflüssig betrachtet und die Statthalterschaft abgeschafft werden. Um einer schleichenden Entmachtung zuvorzukommen und fest entschlossen den Krieg gegen Spanien wiederaufzunehmen, unternahm der politisch unerfahrene Wilhelm II. einen Staatsstreich. Er nahm in Den Haag sechs führende holländische Regenten gefangen und setzte sie im Schloss Loevestein fest (Die antistatthalterliche Partei in den Niederlanden wurde seither auch als „Loevesteiners“ bezeichnet). Anschließend belagerte er Amsterdam. Überrascht von diesen Ereignissen gaben die Amsterdamer zunächst in einigen Punkten nach, doch der plötzliche Tod des Oraniers beendete die kritische Lage vorzeitig.

Schloss Loevestein 1621
Schloss Loevestein 1621, Quelle: Künstler unbekannt
Das unkluge Vorgehen des Statthalters hatte genau die Konsequenzen, die man im Oranierhaus zuvor befürchtet hatte. Die Stände Hollands beriefen unter dem Eindruck der Ereignisse 1651 alle anderen Provinzialstände zu einer außerordentlichen Versammlung zusammen, die als „Große Versammlung“ („Grote Vergadering“) bezeichnet wurde. Auf der Tagesordnung stand nicht weniger als eine Neuorganisation der Republik und der wichtigste Punkt war dabei die Abschaffung des Statthalteramtes.

Damit und mit einer dadurch notwendig gewordenen Neuregelung der Zuständigkeiten für das Militär konnte Holland sich durchsetzen und es begann die sogenannte erste statthalterlose Periode. Auch wenn diese nur zwanzig Jahre dauerte, wird sie doch heute oft als charakteristisch für die frühneuzeitliche Geschichte der Niederlande angesehen. Die Männer, die nun die niederländische Politik allein bestimmen konnten, werden als Regenten bezeichnet. Diese Herrschaftselite bietet bei näherem Hinsehen ein äußerst heterogenes Bild. Wie in allen protestantisch beherrschten Staaten war in den nördlichen Niederlanden der Klerus als Machtelite verschwunden. Der Adel hatte schon in habsburgisch-burgundischer Zeit sein Interesse auf das Zentrum Brüssel ausgerichtet und darum auch meist seine Familiensitze im Süden. Die in späterer Zeit hinzugekommenen Provinzen, vor allem Gelderland und Overijssel, wurden jedoch von den dort ansässigen Adelsgeschlechtern dominiert.

Anders sah es in den wichtigsten Provinzen Holland und Zeeland aus. Dort standen einem zahlenmäßig geringen Adel zahlreiche Städte gegenüber, deren Eliten auch die Ständeversammlungen dominierten. Den meisten dieser Eliten war gemein, dass sie sich von der übrigen Stadtbevölkerung stark abschotteten, was in diesen beiden Provinzen schon im späten Mittelalter zu beobachten ist. Der Aufstand und innere Krisen, etwa 1617/18 oder 1672 , führten zwar unter Umständen zu einer Ergänzung der städtischen Führungsschichten, was jedoch an der Grundtendenz nichts änderte. Es trifft übrigens für die längste Zeit der Geschichte der Vereinigten Niederlande nicht zu, dass es sich bei diesen Patriziern überwiegend um Kaufleute oder andere erfolgreiche Unternehmer gehandelt hat – auch dies gilt nur für die Anfangsjahrzehnte der Republik. Vielmehr war Reichtum zwar eine wichtige Voraussetzung der Zugehörigkeit, jedoch nicht die einzige, denn analog zum Prädikat „alter Adel“ wurde das Kriterium „altes Geld“ im Laufe der Zeit immer wichtiger. Dahinter stand einerseits natürlich die (von den Regenten zu ihrer Rechtfertigung auch gerne angeführte) pragmatische Überlegung, dass die Ausübung eines Regierungsamtes die ganze Zeit seines Inhabers erforderte und dieser daher nicht zur Sicherung seines Lebensstandards auf andere Tätigkeiten angewiesen sein sollte. Daneben galten nur ausreichend begüterte Amtsträger als gegen Korruption gefeit. Viel wichtiger war jedoch die in Alteuropa bedeutsame Unterscheidung zwischen „otium“ (Muße) und „negotium“ (Arbeit): Die Eliten zeichneten sich dadurch aus, dass sie nicht arbeiten mussten (und Regierungsgeschäfte galten nicht als Arbeit). Daraus ergab sich wie von selbst, dass die Eliten ihre Einkünfte nicht nur aus Zinsen, Renten und Ähnlichem bezogen, sondern in zunehmendem Maße von den Ämtern lebten, die sie bekleideten. Dies förderte natürlich wiederum den Abschottungsprozess, denn um die Einkünfte aus den zu besetzenden Ämtern für die eigene Familie zu sichern, war man bestrebt den Kreis der herrschenden Familien möglichst klein zu halten. In Friesland trifft man schließlich auf eine weitere Form einer Herrschaftselite, nämlich den dort dominierenden Großbauern, die zuweilen auch als bäuerliches Patriziat bezeichnet werden. Auch hier vollzog sich im Laufe der Zeit ein Abschottungsprozess, analog zu dem in den Städten.

Die erste statthalterlose Periode der Republik wurde von den Zeitgenossen gerne als die Zeit der „Wahren Freiheit“ („ware vrijheid“) bezeichnet, doch hatte diese Freiheit genauso wenig mit moderner Freiheit oder Demokratie zu tun wie die von den Fürsten im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation immer wieder beschworene ständische Freiheit. Sie bedeutete lediglich, dass die Regenten nun in der Politik und bei der Ämtervergabe keine Rücksicht mehr auf die Interessen eines Statthalters nehmen mussten. Gegenüber ihren Untertanen betrachteten sie sich jedoch genauso wie ein Fürst als gottgewollte Obrigkeit. Ein Unterschied lag lediglich in der räumlichen Nähe von Herrschern und Beherrschten, denn gerade die städtischen Regenten fürchteten häufig das Volk, weshalb sie in ihrer Regierungspraxis meist bedächtig vorgingen. Das hatte sie jedoch nicht daran gehindert, ältere Formen der politischen Partizipation nach und nach abzuschaffen und beispielsweise die Schützengilden („schutterijen“) nicht mehr anzuhören. Die größere Nähe zur Obrigkeit bewirkte aber auch, dass die städtische Bevölkerung die Regenten eher als Unterdrücker wahrnahm, während die oranischen Fürsten vielfach als Garanten größerer Freiheiten angesehen wurden. Die Frage der Statthalterschaft blieb daher als Thema der Innenpolitik virulent. Mochte es zunächst für die Regenten ein Leichtes sein, dem zum Zeitpunkt der „Grote Vergadering“ erst ein Jahr alten Sohn Wilhelms II. die Ämter seiner Vorfahren zu vorzuenthalten, so würde sich dies mit der Volljährigkeit des Fürsten ändern. Hinzu kam, dass man 1651 der provinzialen Souveränität absoluten Vorrang eingeräumt hatte. In der Praxis wurden die Vereinigten Niederlande jedoch von Holland regiert und die Beschlüsse der Generalstände wurden in der Regel in den holländischen Provinzialständen vorweggenommen. Es verwundert nicht, dass dies den Unmut der übrigen Provinzen hervorrief, die ohnehin den Beschlüssen zur Abschaffung des Statthalteramtes nur auf holländischen Druck zugestimmt hatten. Der Ruf nach einer vermittelnden Person, dem Statthalter eben, war daher nicht abwegig. Ähnlich wie Jahrzehnte zuvor in der Religionsfrage gab es nach 1650 in den Niederlanden zwei Parteiungen, Faktionen genannt, die entweder für die Wiederherstellung der Statthalterschaft waren („prinsgezinde“) oder die Auffassungen der entschiedenen Verfechter der reinen Ständeherrschaft teilten („staatsgezinde“). Auch dieser schwelende Konflikt sollte letztendlich nur gewaltsam gelöst werden.

Autor: Dr. Christoph Schäfer
Erstellt: April 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Aalbers, Johan/ Prak, Maarten (Hrsg.): De bloem der natie. Adel en patriciaat in de Noordelijke Nederlanden, Amsterdam 1987.

Dillen, J.G. van: Van rijkdom en regenten. Handboek tot de economische en sociale geschiedenis van Nederland tijdens de Republiek, Den Haag 1970.

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Informationen zu Personen im Bereich Monarchie Personen A-Z

Links

Wichtige geschichtliche Institutionen finden Sie unter Institutionen

Projekt Europäische Friedensverträge Universität Mainz


  • RSS-Feed
  • Facebook
  • Twitter
  • RSS-Feed

Impressum | © 2017 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83285-16 · Fax: +49 251 83285-20
E-Mail: