Die Geschichte der niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


III. Die Niederlande unter spanischer Herrschaft - Philipp II.


Philipp II. war, anders als sein Vater , der Prototyp eines absolutistischen Fürsten. Viele Herrschaftsinstrumente, die man normalerweise Ludwig XIV. von Frankreich zuschreibt, hatte Philipp in Spanien schon erfolgreich angewandt, etwa die Entmachtung des Hochadels, die Schaffung zentraler Beratungsgremien oder die Unterordnung der Kirchenorganisation unter die Krone. Vieles verdunkelt bis heute das Bild dieses spanischen Königs, so die Vertreibung der Juden und der Mauren oder der Einsatz der Heiligen Inquisition, übrigens recht eigentlich eine Einrichtung der Krone, nicht der Kirche. Dennoch darf nicht vergessen werden, dass Philipp II. ein ernster und äußerst pflichtbewusster Fürst war, der in mancherlei Hinsicht sogar modern erscheint. Viele der von ihm durchgeführten Reformen müssen als sehr rational bezeichnet werden und er formulierte lange vor Friedrich dem Großen, dass ein Herrscher für sein Volk da zu sein habe und nicht umgekehrt. Wenn trotzdem die „leyenda negra“, die schwarze Legende, den Eindruck der Nachwelt bestimmt, so ist dies nicht zuletzt die Folge einer der schwersten Niederlagen Philipps, nämlich des Aufstandes in den Niederlanden.

Philipp II. hatte, als er seine Herrschaft in den Niederlanden antrat, ein ähnliches Problem wie knapp hundert Jahre zuvor Maximilian von Habsburg, denn er wurde als Fremder empfunden. In Spanien geboren und erzogen, hatte er nur wenige Jahre am Brüsseler Hof verbracht und entsprach so, anders als Maria von Burgund, Philipp der Schöne oder Karl V. , nicht dem Ideal des „natürlichen Fürsten“ („Seigneur naturel“). Genauso wie Maximilan fehlte es auch Philipp am Verständnis der niederländischen Verhältnisse und anstatt mit Bedacht vorzugehen, versuchte er die in seinen südeuropäischen Besitzungen erfolgreichen Maßnahmen auch im Nordwesten des europäischen Kontinents durchzusetzen. Dabei bedachte er nicht, dass Adel und Städte nur auf einen Vorwand warteten, die unter Karl V. gewachsene herzogliche Macht wieder einzuschränken.

König Philipp II von Spanien
König Philipp II von Spanien Porträt von 1557, Quelle: Anthonis Mor

Ausgangspunkt des nahezu zwangsläufig aufziehenden Konfliktes war ein im frühneuzeitlichen Europa alles andere als ungewöhnliches Problem. Nach dem Frieden von Cateau-Cambrésis mit Frankreich lagerten noch große spanische Truppenkontingente in den Niederlanden, was für die Bevölkerung eine große Belastung darstellte. Anstatt diese Truppen jedoch zu entlassen oder abzuziehen, behielt die spanische Regierung diese weiter im Dienst, weil sie auf Grund eines Staatsbankrottes nicht in der Lage war den ausstehenden Sold zu bezahlen – auch dies eine übliche Vorgehensweise. Für die Bevölkerung bedeutete die Anwesenheit dieser großen Anzahl an Soldaten jedoch eine Belastung, die als unerträglich empfunden wurde. Zugleich begann Philipp II. mit einer Reform der niederländischen Bistümer, die für sich genommen sehr rational anmutet. Die Kirchenorganisation in den Niederlanden war ausgesprochen unübersichtlich. Neben den vier bestehenden Bistümern Tournai, Cambrai, Arras und Utrecht waren für manche Provinzen Bischöfe im Heiligen Römischen Reich oder in Frankreich zuständig. Philipp wollte nun für jede Provinz ein eigenes Bistum einrichten, an dessen Spitze ein Einheimischer stehen sollte. Während die Generalstände ihre Zustimmung zu dem Vorhaben vom Abzug der Truppen abhängig machten, rührte sich im niederländischen Adel sogleich heftiger Widerstand, denn die Stiftsstellen der Domkapitel waren eine der wichtigsten Pfründen des Adels. Zugleich konnte kein Zweifel daran bestehen, dass die neuen Bischöfe Kirchenfürsten von Philipps Gnaden sein würden. Hinzu kam die Furcht vor der Einführung der spanischen Inquisition, die von dem um seine Pfründe bangenden Adel geschürt wurde, aber auch durch die Politik Philipps Nahrung erhielt. Philipp tat zwar nichts anderes, als die Politik Karls V. fortzusetzen, doch waren die Ketzergesetze bei allen Bevölkerungsschichten ausgesprochen unpopulär und wurden in der Praxis kaum beachtet. Der Kampf um ihre Aufhebung diente der sich formierenden Adelsopposition daher als willkommenes Propagandainstrument, um die Macht des Königs zu schwächen.

Erstes Ziel der Opposition war der für die Bistumsreform zuständige Kardinal Granvelle, der auch tatsächlich 1564 sein Amt aufgeben musste. Dadurch beherrschte der Adel nun den Staatsrat, ein wichtiges Regierungsorgan, und diese Plattform nutzte er eifrig um immer neue Forderungen an die Generalstatthalterin, Margarete von Parma, und Philipp selbst zu richten. Diese Forderungen betrafen nicht nur die Ketzerverfolgung, sondern, und dies dürfte das eigentliche Ziel gewesen sein, die Vergrößerung des eigenen Einflusses auf Kosten der Krone. Wohl wissend, dass Philipp in diesen Punkten nicht nachgeben konnte, spitzten die Führer der Adelsopposition, allen voran die Grafen Philipp van Hoorne, Lamoral van Egmont und vor allem Wilhelm von Oranien , die Krise immer weiter zu, wobei Wilhelm von Oranien hier eine Schlüsselrolle zukam. Er war es wohl, der 1565/66 den sogenannten „Compromis des nobles“, den „Kompromiss der Adligen“, initiierte, einen Bund von rund zweitausend Mitgliedern des niederen Adels. Dieser unternahm 1566 einen Marsch auf Brüssel um von Margarete die Aufhebung der Ketzergesetze zu fordern. Margarete von Parma, obwohl durchaus zu Kompromissen bereit, konnte in diesem Punkt jedoch nicht nachgeben, geschweige denn selbst entscheiden. So versprach sie die Forderungen dem König zu unterbreiten und sagte bis zu einer Entscheidung eine vorläufige Milderung der Gesetze zu, freilich ohne genau zu definieren, was darunter zu verstehen sei. Die Zusage der Generalstatthalterin wurden daher als Aufhebung interpretiert und diese Nachricht verbreitet.

Die Konsequenzen dieser Interpretation waren für beide Seiten kaum vorhersehbar und veränderten den Lauf der Dinge nachhaltig. Vertriebene oder emigrierte Protestanten, aber auch radikale Calvinisten aus angrenzenden Ländern kamen ins Land und predigten auf offenem Feld vor bewaffneten Zuhörern den Kampf gegen die Römische Kirche. Folge dieser religiösen Agitation war der erste sogenannte Bildersturm. Heimlich unterstützt von den adligen Oppositionellen plünderten und zerstörten aufgestachelte Protestanten zusammen mit Räuberbanden rund vierhundert Kirchen. Die Generalstatthalterin sah sich außerstande, die Lage zu beruhigen, vor allem weil die adligen Provinzialstatthalter absichtlich untätig blieben. Erst als Margarete den Forderungen Egmonts, Hoornes und Oraniens nach einer Neuregelung der Religionsangelegenheiten zustimmte, beendeten sie gewaltsam die Ausschreitungen und ließen etliche Rädelsführer hinrichten.

Das Spiel der adligen Opposition sollte sich jedoch nur zu schnell gegen sie selbst richten, denn die Ereignisse führten zum Umschwung der Stimmung in den Provinzen. Die radikalen Protestanten hatten sich als nicht weniger intolerant erwiesen als der Landesherr und die Gewalttätigkeiten wurden mit Abscheu betrachtet. So konnte Margarete, die ohnehin nicht daran gedacht hatte sich an den ihr abgepressten Vertrag zu halten, mit neuen Truppen in relativ kurzer Zeit fast überall die alten Zustände wiederherstellen. Die Adelsopposition zerfiel langsam und hastig angeworbene Söldnerheere hatten den spanischen Truppen nichts entgegenzusetzen. Für die Anführer des Adelsbundes hieß es nun sich zu entscheiden, ob sie ihre Oppositionspolitik fortsetzten – was bedeutete, sich auf die Seite der Protestanten zu schlagen – oder die alten Verhältnisse zu akzeptieren. Wilhelm von Oranien beschloss, den Widerstand fortzusetzen, während Hoorne und Egmont sich unterwarfen.

Autor: Dr. Christoph Schäfer
Erstellt: April 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ferdinandy, M. de: Philipp II. Größe und Niedergang der spanischen Weltmacht, 1977.

Personen

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