Die Geschichte der niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


XVIII. Wilhelm III., Ludwig XIV. und das europäische Mächtesystem

Der Aufstieg Wilhelms III. von Oranien zum Kopf der antifranzösischen Allianz (1672 – 1688)

König Wilhelm III
König Wilhelm III, Porträt von 1680, Quelle: Sir Godfrey Kneller
Die Katastrophe des Jahres 1672 läutete eine neue Epoche der niederländischen Politik im Inneren wie nach außen ein. Der Oranier Willem Hendrik wurde als Wilhelm III. eilends zum Statthalter in Holland und Zeeland ernannt, verbunden mit dem Oberbefehl über Heer und Flotte. Wilhelm gelang es nicht nur, den militärischen Widerstand zu organisieren, sondern auch in aller Kürze wichtige Bündnispartner zu finden, etwa Kaiser und Reich. Außerdem konnten die niederländischen Diplomaten die französische Allianz sprengen und mit England, Münster und Köln separate Friedensverträge schließen, sodass seit 1674 keine französischen Truppen mehr auf niederländischem Boden standen. Für die zuvor von Frankreich besetzten Provinzen Utrecht, Gelderland und Overijssel waren die Folgen des Krieges besonders einschneidend. Man betrachtete sie mehr oder weniger als Verräter und wollte sie zunächst nicht mehr in die Generalstände aufnehmen, was den Verlust ihrer Souveränität bedeutet hätte. Wilhelm III., wohl auch besorgt über die dadurch noch wachsende Übermacht Hollands, setzte sich dann jedoch erfolgreich für die Wiederaufnahme ein. Indes war diese an Bedingungen geknüpft, die den Handlungsspielraum der drei Provinzen erheblich einengte, denn durch sogenannte „Regierungsreglements“ wurde der Statthalter autorisiert in die personelle Zusammensetzung aller Regierungsorgane einzugreifen. Darüber hinaus wurde die Statthalterschaft nun erneut für erblich erklärt. Ansonsten ließ der Oranier das politische System klugerweise weitgehend unangetastet, denn die veränderte internationale Lage und seine in der Krise erworbene Autorität reichten völlig aus die niederländische Politik nach seinen Vorstellungen zu bestimmen.

Mit vereinten Kräften gegen französische Expansionspolitik

Mit dem Auftreten Ludwigs XIV. vollzog sich ein Wandel im europäischen Mächtesystem und damit auch der Rolle der Republik. Hatte im 16. und in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts der Kampf gegen die habsburgische Übermacht das Konzert der Mächte bestimmt, so war es nun Frankreich, das das Gleichgewicht bedrohte. Wilhelm III. und mit ihm die Vereinigten Niederlande stellten sich daraufhin an die Spitze der Allianzen gegen die drohende französische Hegemonie. Wilhelm hatte nach dem Abzug der französischen Truppen zunächst noch gegen inneren Widerstand den Krieg gegen Ludwig XIV. bis 1678 fortgeführt und war zur Stärkung des antifranzösischen Bündnisses eine Ehe mit Maria, einer englischen Stuartprinzessin, eingegangen. Den Frieden von Nijmegen (1678) konnte er zwar nicht verhindern, doch sorgte Ludwig XIV. selbst für die Stärkung seines mächtigsten Gegners. Die ursprünglichen Ziele seiner Kriegführung hatte er nicht erreicht, war aber dennoch gestärkt aus seinen Unternehmungen hervorgegangen, indem er Gebietsgewinne vor allem auf Kosten des Heiligen Römischen Reiches und Spaniens erzielt hatte. Ohne einen weiteren großen europäischen Krieg heraufzubeschwören, setzte Ludwig XIV. seine Expansionspolitik in kleinen Schritten fort und annektierte beispielsweise 1681 die Stadt Straßburg. All dies verstärkte bei Wilhelm III. die Überzeugung dem französischen König Einhalt gebieten zu müssen. Drei Ereignisse waren es dann vor allem, die es dem Oranier ermöglichten die Leitung der europäischen Politik gegenüber Ludwig XIV. zu übernehmen:

1. 1683 erlitt vor Wien das von Frankreich unterstützte osmanische Reich eine schwere Niederlage und in der Folgezeit konnte ein antitürkisches Bündnis, die Heilige Liga, weite Teile Südosteuropas erobern. Die Bedrohung des Heiligen Römischen Reiches aus dem Osten war damit vorläufig zurückgedrängt und der Kaiser sah sich nun in der Lage, gegenüber Frankreich energischer aufzutreten.

2. Die Aufhebung des Toleranzediktes von Nantes durch Ludwig XIV. (1685) und die daraus resultierende Flucht tausender Hugenotten aus Frankreich empörte nicht nur das gesamte protestantische Europa, sondern überzeugte auch die Kriegsgegner unter den niederländischen Regenten von der Notwendigkeit Ludwig entgegentreten zu müssen.

Den letzten und wahrscheinlich wichtigsten Schritt bildete schließlich die „Glorious Revolution“ in England. König Karl II. und sein Bruder und Nachfolger Jakob II. hatten dort eine Politik betrieben, die ganz klar auf eine Rekatholisierung des Landes und auf die Errichtung eines absolutistischen Regimes nach französischem Vorbild zielte. Unterhändler des englischen Parlaments hatten daraufhin mit Wilhelm III., der ja der Abstammung nach ein halber Stuart war, Verhandlungen zur Übernahme des englischen Thrones begonnen. 1688 setzte Wilhelm III. nach sorgfältiger Vorbereitung und mit voller Unterstützung der Generalstände nach England über und wurde, ohne auf nennenswerten Widerstand zu stoßen, zum englischen König gekrönt.

Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688 – 1697)

Der Sonnenkönig ging in dieser für ihn ungünstigen Lage in die Offensive. 1688 fiel er in das Reich ein und eröffnete damit den Pfälzischen Erbfolgekrieg. Ziel dieses vorgeblich aus dynastischen Gründen geführten Militärschlages war vor allem die Schwächung eines seiner Hauptgegner, nämlich des Kaisers. Die schnellen Erfolge auf dem Schlachtfeld hatten jedoch fatale Folgen auf diplomatischer Ebene, denn nun fanden die Gegner Ludwigs XIV. sehr schnell zusammen. In der Großen Haager Allianz (1689) verbündeten sich fast alle bedeutenden Mächte Europas gegen den Sonnenkönig: Kaiser und Reich, die Niederlande, England, Spanien, Savoyen und Brandenburg. Der Pfälzische Erbfolgekrieg wuchs sich zu einem neunjährigen Ringen in weiten Teilen Europas aus. Gekämpft wurde nicht nur auf dem Kontinent, sondern auch in Irland. Dort unterstützte Frankreich den abgesetzten englischen König, Jakob II., der für kurze Zeit die Chance sah, die Ergebnisse der „Glorious Revolution“ rückgängig zu machen. Der entscheidende Sieg des Oraniers in der Schlacht am irischen Boynefluß (1690) zeigt bis heute Wirkung, denn es ist der Gedenktag an diese Schlacht, den die nordirischen Protestanten alljährlich begehen und der regelmäßig zu Unruhen in Nordirland führt.

Auf dem Kontinent konnte der Krieg jedoch erst 1697 mit dem Frieden von Rijswijk beendet werden. Für die Republik und England bedeutete dieser Frieden vor allem eine Bestätigung des Status quo – größere Zugeständnisse musste Frankreich gegenüber anderen Mächten machen. Wilhelm III. profitierte jedoch persönlich von dem Friedensvertrag, denn Ludwig XIV. erstattete ihm das zwischenzeitlich eingezogene Fürstentum Orange zurück und erkannte sein englisches Königtum an.

Der Spanische Erbfolgekrieg (1701 – 1714)

Allen Beteiligten war jedoch klar, dass der Frieden von 1697 nur eine Atempause einläutete, denn ein entscheidendes Problem war in Rijswijk nicht gelöst worden, nämlich die Regelung der spanischen Erbfolge. Der kinderlose spanische König Karl II. hatte als seinen Alleinerben einen Enkel Ludwigs XIV., Philipp von Anjou, eingesetzt. Damit drohte die Verbindung der Kronen Spaniens und Frankreichs, was natürlich auf eine Störung des europäischen Gleichgewichts hinauslief, die die übrigen Mächte nicht akzeptieren konnten. Eine andere Alternative wäre die Vererbung der spanischen Krone an einen Verwandten Karls, Kaiser Leopold I., gewesen, doch eine solche Lösung war wiederum für die französische Diplomatie unannehmbar, drohte doch damit erneut eine ‚Umklammerung‘ Frankreichs durch das Haus Habsburg. Da beide Seiten keinen Abstand von ihren Prätentionen nahmen, war eine militärische Auseinandersetzung unausweichlich.

Europäisches Gleichgewicht durch den Frieden von Utrecht

Als Karl II. 1700 starb, rief Ludwig XIV. sogleich Philipp von Anjou zum Thronfolger aus. Im nächsten Jahr ging er diplomatisch wie militärisch in die Offensive. Die Truppen der Republik wurden aus ihren Garnisonen in den südlichen Niederlanden vertrieben. Zudem erklärte er angesichts des nahenden Todes des kinderlos gebliebenen Oraniers den in Frankreich lebenden Sohn Jakobs II. zum englischen König und setzte sich damit über die im „Act of Settlement“ vom englischen Parlament getroffene Thronfolgeregelung hinweg. Die daraufhin geschlossene zweite Große Haager Allianz bildete sich nahezu zwangsläufig und es begann der Spanische Erbfolgekrieg, dessen Dimensionen alles bis dahin gekannte sprengten. Gekämpft wurde in fast ganz Europa und in Übersee, zu Lande und zu Wasser. Wilhelm III. sollte das Ende des Krieges nicht mehr erleben, denn er starb 1702, doch führte eine Gruppe niederländischer Regenten, allen voran der holländische Ratspensionär Anthonie Heinsius, die Politik in seinem Sinne fort. Als 1713 der Krieg durch den Frieden von Utrecht beendet wurde, galt das europäische Gleichgewicht als gesichert, denn durch die vertraglichen Regelungen waren weder Habsburg noch Bourbon in der Lage künftig eine hegemoniale Stellung einzunehmen.

Der Preis der Großmachtpolitik: Staatsverschuldung und Positionsverlust

Auch wenn sich für die Republik durch den Friedensschluss formell wenig änderte, wurde ihre Politik im 18. Jahrhundert wesentlich vom Ausgang des Spanischen Erbfolgekrieges bestimmt. Zunächst betrifft dies die außenpolitische Orientierung. Spätestens seit der Krönung Wilhelms III. war deutlich, dass der ‚natürliche‘ Bündnispartner der Republik fortan England sein würde. Ebenso deutlich war freilich auch die absehbare Dominanz des Inselreiches in diesem Bündnis, denn die englische Diplomatie hatte es geschafft den Niederlanden fast die gesamten Kosten des vergangenen Krieges aufzubürden und sie damit erheblich zu schwächen. Ein solch enges Verhältnis zu einem Staat, der auf den Weltmeeren gleichzeitig der schärfste Konkurrent war, stellte natürlich in der Republik niemanden zufrieden, jedoch hatten die niederländischen Politiker nur die Wahl zwischen Pest und Cholera, denn die einzige Alternative wäre eine Anlehnung an Frankreich gewesen. Diese stand jedoch nicht zur Diskussion, hatte die Vergangenheit doch allzu deutlich gezeigt, dass das Königreich im Zweifelsfall auf die Souveränität der Vereinigten Provinzen keine Rücksicht nahm. Auch dieses Problem bestimmte die Kriegspolitik um 1700 ebenso wie die Diplomatie im 18. Jahrhundert, denn um die eigene Sicherheit zu erhöhen, strebten die niederländischen Politiker nach einer sogenannten Barriere. Darunter verstand man eine Kette von Festungen in den südlichen Niederlanden, die, besetzt mit Truppen der Republik, einen französischen Angriff schon weit vor den eigenen Grenzen aufhalten sollten. Erste Überlegungen in dieser Richtung gab es zwar schon zu Beginn des 17.Jahrhunderts, doch das Trauma des Jahres 1672 ließ die Barrierefrage zu einem Kernproblem der niederländischen Außenpolitik werden.

Der mit dem Utrechter Frieden besiegelte Positionsverlust der Republik gegenüber den beiden Großmächten England und Frankreich wurde durch Entwicklungen im Inneren verstärkt. Die enorme Schuldenlast aus den Kriegen gegen den Sonnenkönig machte die Niederlande während des 18. Jahrhunderts beinahe handlungsunfähig. Da fast alle Anstrengungen der Tilgung der Schulden dienten, blieb kaum finanzieller Spielraum für die notwendigen Investitionen in die Instrumente des modernen Machtsstaates, nämlich Heer und Flotte. Der letzte Auftritt der Republik als Großmacht hatte somit auch das Ende der Großmachtzeit zur Folge.

Autor: Dr. Christoph Schäfer
Erstellt: April 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Baxter, S.B.: William III and the defense of European liberty, 1650-1702, Westport, Connecticut 1976.

Hatton, Ragnhild (Hrsg.): Louis XIV and Europe, London 1977.

Japikse, N.: Willem III de Stadhouder-Koning, 2 Bde., Amsterdam 1930/33.

Lademacher, Horst: Wilhelm III. von Oranien und Anthonie Heinsius, in: Rheinische Vierteljahresblätter 34 (1970).

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