Die Geschichte der niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


XI. Löwe, Kuh und Orangenbaum - politische Symbolik in der Republik

Wer heute den Begriff ‚politische Symbolik‘ vernimmt, denkt dabei zuerst an Nationalflaggen oder die beliebtesten Wappentiere Adler und Löwe. Das Feld der politischen Symbolik ist jedoch weitaus reichhaltiger und in der Frühen Neuzeit überraschend vielfältig. Dies trifft auch auf die Republik der Vereinigten Niederlande zu. Wie in ihrem politischen System auch griff die Republik auf ältere Symbole zurück und ergänzte ihr Repertoire den neuen Umständen entsprechend. Der Löwe verkörperte das ganze Land und stand für Mut und Wehrhaftigkeit. Die besondere geographische Lage des Landes erlaubte Künstlern sogar, eine Löwengestalt mit Karte der Niederlande zu füllen. Dabei handelte es sich um ein sehr beliebtes Motiv, das als „Leo Belgicus“ in vielen Varianten existiert und eine weite Verbreitung erfuhr.

1578 beschlossen die Generalstände, einen stehenden Löwen zum Wappentier zu machen, der in einer seiner Klauen zunächst siebzehn, später sieben Pfeile hielt. Die Pfeile symbolisierten dabei die einzelnen Provinzen. Der Wappenspruch lautete knapp „Concordia“ („Eintracht“), womit der Löwe auch zum Symbol der Einheit des neuen Staates wurde.

Der Löwe ist in allegorischen Darstellungen der Vereingten Niederlande sehr häufig mit anderen charakteristischen Symbolen zu sehen. Sehr beliebt war dabei die Darstellung der Niederlande bzw. Hollands, das in diesem Fall für die gesamte Republik stand, als Garten. Auch das Motiv des „Hollandsche Tuin“ (Holländischer Garten) ist schon im Mittelalter anzutreffen, wurde aber später den neuen Umständen angepasst. Die nachstehend abgebildete Radierung von Willem Buytewech aus der Mitte des 17. Jahrhunderts ist mitnichten die Darstellung einer ländlichen Idylle, sondern eine allegorische Darstellung der Republik.

Der Holländische Garten ist hier mit einem dichten geflochtenen Zaun umgeben und der Eingang wird von dem niederländischen Löwen bewacht. Damit wurde die Wehrhaftigkeit der Republik versinnbildlicht ebenso wie ihre defensive Haltung, denn tatsächlich war ihr Expansionsdrang zu diesem Zeitpunkt bereits beendet. Vor dem Zaun befindet sich eine Frauengestalt, die einen Leoparden an der Leine führt. Diese symbolisiert Spanien, das in Gestalt der Frau freundlich, möglicherweise sogar verführerisch daherkommt, aber in Wahrheit nur eine Hinterlist (symbolisiert durch den Leoparden) plant. Daher schleichen im Rücken der Frau auch schon spanische Soldaten heran. Das Gebäude im Hintergrund wird von einem Giebel geziert, wie er für niederländische Patrizierhäuser typisch ist. Im Zentrum des Giebels steht das Wappen der Oranier, um das sich die Wappen der einzelnen Provinzen gruppieren. Die Übermacht Hollands wird durch die sitzende Frauengestalt „Hollandia“ dargestellt. Im Zentrum des Gartens befindet sich ein Orangenbaum, der für die oranische Dynastie steht. Dies ist neben dem Löwen das zweite wichtige politische Symbol in der Republik. Dabei hat das Motiv des Orangenbaums zwei Wurzeln. Die Orange steht für das Fürstentum Oranien (Orange) in Frankreich, das sich im Besitz der Oranier befand und dem sie ihren Fürstenrang verdankten. Das Motiv des Baumes ist schließlich auf Moritz von Oranien zurückzuführen, der als Wappenspruch den lateinischen Satz „tandem fit succulus arbor“ („Endlich wird aus dem Zweig ein Baum) wählte. In der politischen Publizistik des 17. Jahrhunderts ist schließlich noch ein weiteres Motiv anzutreffen, das die Rolle der Niederlande im internationalen System versinnbildlichen sollte, nämlich das der Kuh. War die Kuh einerseits ein Sinnbild der Friedfertigkeit, so wurden andererseits die Niederlande oder wahlweise auch nur Holland oft als gemolkene Kuh dargestellt. Die Personen, die versuchten die Kuh zu melken und um sie stritten, waren je nach internationaler Konstellation immer andere, doch das Motiv selbst veränderte sich kaum. Auf dem nachstehend abgebildeten deutschsprachigen Druck aus dem Jahr 1587 sind es (von links nach rechts) Philipp II. von Spanien , der versucht, die Kuh, die er als sein Eigentum betrachtet, am Schwanz zu sich zu ziehen; der Earl of Leicester , der die Kuh „bis an das blut“ melkt; der Herzog von Anjou , der zwar beträchtliche Gelder von den Aufständischen bezog, politisch aber nicht in Erscheinung trat; ein ‚Deutscher‘, und zwar entweder Wilhelm von Oranien oder Erzherzog Matthias von Österreich .

Die Kuh wurde daneben auch verwendet um die Verteilung der ökonomischen Gewichte innerhalb der Republik zu versinnbildlichen. So war es tatsächlich meist Holland, das die rückständigen Beiträge der übrigen Provinzen zu den Generalitätsausgaben ausgleichen musste. Der Publizist van Domselaar schrieb in diesem Zusammenhang: „Hollandt [was] de vette Melk–Koe, en Amsterdam de volle Gelt–uyer, die altijdt gewoon was/ de eerste/ gereedste/ en meeste Penningen, te verschaffen” („Holland war die fette Milchkuh und Amsterdam der volle Geld-Euter, der immer daran gewöhnt war, als Erstes, am schnellsten und das meiste Geld herbeizuschaffen“). Die heutige niederländische Flagge hat ihren Ursprung in der Zeit des Aufstandes und stammt nicht, wie die meisten anderen Trikoloren, aus einer modernen Revolution. Die niederländischen Nationalfarben sind auf die Wappenfarben Wilhelms von Oranien zurückzuführen, die wiederum auf das Wappen des Hauses Nassau, goldener Löwe auf blauem Grund, zurückgehen. Zur Zeit des Aufstandes wurden diese Farben vor allem von den Geusen übernommen und als Erkennungszeichen verwendet. In dieser Zeit war eine Trikolore noch selten in Gebrauch, sondern es wurden bis zu neun Streifen verwendet. Auch wurden die Farben zuweilen kreisförmig oder über Kreuz angeordnet. Bis ins 17. Jahrhundert scheint sich aber die Trikolore durchgesetzt zu haben, denn die zahlreichen zeitgenössischen Abbildungen von Schiffen zeigen diese fast immer mit der bis heute üblichen Flagge. Für den Übergang von Orange nach Rot gibt es übrigens keine politische oder heraldische Erklärung. Man vermutet, dass Rot einfach der besseren Sichtbarkeit wegen gewählt wurde. Das Orange war deshalb jedoch nicht verschwunden, denn in der Regel wurde die niederländische Trikolore zusätzlich von einer orangefarbenen Schleife geschmückt.

Autor: Dr. Christoph Schäfer
Erstellt: April 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Boogman, J.C.: The Union of Utrecht. Its Genesis and Consequences, in: Bijdragen en Mededelingen betreffende de Geschiedenis der Nederlanden 94 (1979), S. 377–407.

Parker, Geoffrey: Der Aufstand der Niederlande. Von der Herrschaft der Spanier zur Gründung der Niederländischen Republik, 1549 – 1609, München 1979.

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