Die Geschichte der niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


XVII. Kurswechsel in der Außenpolitik – die Republik unter der Führung Johan de Witts (1651 – 1672)

Rivalität auf den Weltmeeren: England und die Niederlande

Seefahrt Goldenes Zeitalter WikiIn der Außenpolitik der Vereinigten Niederlande änderten sich die Koordinaten nach dem Westfälischen Frieden. Vor allem das Interesse an kontinentalen Angelegenheiten ließ erheblich nach, und das mit gutem Grund. Von dem geschwächten Spanien ging keine Gefahr mehr aus und durch die Scheldesperrung drohte von den Städten der südlichen Niederlande keine Konkurrenz mehr. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation hielt die Republik eine Zahl von Festungen besetzt und übte gerade in einigen angrenzenden Territorien erheblichen Einfluss aus, sodass von der Landseite her vorläufig keine Bedrohung mehr auszugehen schien. Dafür gewann die Konkurrenz der Seemächte an Bedeutung. Die niederländische Politik nach innen wie nach außen wurde zwischen 1650 und 1672 von dem holländischen Ratspensionär Johann de Witt bestimmt. De Witt wusste sich mit den meisten holländischen Regenten einig, wenn er darauf bedacht war kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden, um deren negative Auswirkungen auf die Wirtschaft zu verhindern. Gleichzeitig war sich de Witt bewusst, dass angesichts der erstarkenden Macht der einstigen Bundesgenossen England und Frankreich ein bewaffneter Konflikt nicht auszuschließen war.

Die erste Auseinandersetzung dieser Art musste mit England geführt werden, denn nach der englischen Revolution wurde 1651 im englischen Parlament die sogenannte Navigationsakte angenommen, die die Niederländer vom englischen Zwischenhandel ausschließen sollte. Die Folge war der erste englisch-niederländische Seekrieg (1652 – 54), in dem sich die Unterlegenheit der niederländischen Flotte gegenüber der englischen deutlich zeigte. Zudem war in diesem Krieg klar geworden, dass auch die niederländische Republik sich den Gesetzmäßigkeiten des dynastischen Europa nicht entziehen konnte. Noch mehr als die niederländische Konkurrenz fürchtete Oliver Cromwell nämlich eine Stärkung der Oranierpartei und in ihrem Gefolge die Unterstützung für die mit den Oraniern verwandten Stuarts in England. Der Frieden von Westminster (1654), der den Krieg beendete, konnte daher nur geschlossen werden, nachdem de Witt mit der Seklusionsakte („Acte van Seclusie“) festschreiben ließ, dass das Haus Oranien für alle Zeit von der Statthalterschaft in Holland ausgeschlossen bleiben würde.

Viertagesschlacht, 2. niederl-engl Seekrieg
Viertagesschlacht während des 2. niederländisch-englischen Seekriegs, Quelle: Abraham Storck

Zunächst stand jedoch die Aufrüstung der Flotte im Vordergrund, die de Witt nun energisch vorantrieb. Das erwies sich als richtig, denn nachdem 1660 mit der Thronbesteigung Karls II. das republikanische Experiment auf der Insel beendet war, führten die Niederlande und England 1665 – 1667 einen zweiten Seekrieg. Diesen Krieg konnte die Republik militärisch für sich entscheiden, doch de Witts Forderungen bei den anschließenden Friedensverhandlungen waren sehr zurückhaltend. Auch dies hatte einen guten Grund, denn inzwischen war klar, dass der französische König Ludwig XIV., der 1661 die Regierungsgeschäfte übernommen hatte, in der Zukunft eine Gefahr darstellen konnte. Die Republik war also zukünftig auf England als Bundesgenossen angewiesen. 1667 war Ludwig XIV. in die Spanischen Niederlande eingefallen und erst die sogenannte Tripelallianz (1668) zwischen der Republik, England und Schweden vermochte ihm Einhalt zu gebieten. In der Folge des Frankreich aufgezwungenen Friedens von Aachen im gleichen Jahr begann die Reihe fataler Fehleinschätzungen der internationalen Situation seitens de Witt. Der Ratspensionär betrieb die Diplomatie nach rein rationalen Gesichtspunkten, immer orientiert an der Staatsräson („interest van staat“) der Republik bzw. Hollands und er war wohl der Meinung, dass andere Staaten ihre Außenpolitik ebenso an reinen Nützlichkeitserwägungen orientierten. Dabei übersah er völlig die zuweilen anders gelagerte Interessenlage der gekrönten Häupter Englands und Frankreichs.

Die Republik auf dem Weg in die Isolation

Die Bedrohung, die von Ludwig XIV. ausging, war de Witt zwar nicht entgangen, aber den persönlichen Groll des Königs, der 1668 von der Republik gedemütigt worden war, unterschätzte er wohl. Erst recht stand das Verhalten des englischen Königs nicht im Kalkül de Witts. Karl II. hatte, geplagt von ständigen Geldsorgen und dem Vorbild des französischen Absolutismus nacheifernd, 1670 mit Ludwig XIV. in Dover einen Geheimvertrag geschlossen, dem noch ähnliche Absprachen der französischen Diplomatie mit Schweden und dem Kaiser folgten. Spät, viel zu spät nahm de Witt die völlige Isolation der Republik wahr und 1672 attackierten Frankreich, England und der Fürstbischof von Münster gemeinsam die Republik. War die gut ausgerüstete Flotte zur See durchaus erfolgreich, so hatte man dem Angriff von der Landseite nichts entgegenzusetzen. In kürzester Zeit drangen französische Truppen nach Holland vor und nun rächte es sich, dass man die Festungen hatte verwahrlosen lassen und das Heer vor allem als Versorgungsinstitut für Sprösslinge aus Regentenfamilien betrachtet hatte. Erst die Öffnung der Schleusen und die Flutung weiter Gebiete Hollands konnte den französischen Vormarsch zum Stehen bringen. Die Ereignisse des Jahres 1672, das als Katastrophenjahr („rampjaar“) in die niederländische Geschichte eingegangen ist, brachten das Gebäude der Regentenherrschaft mit einem Schlag zum Einsturz. Unruhen brachen aus und schnell war die Rede vom Verrat der Regenten, allen voran Johan de Witts. Dieser legte sein Amt nieder, während der inzwischen volljährige Willem Frederik von Oranien als Wilhelm III. zum Statthalter und zum Oberbefehlshaber von Heer und Flotte ernannt wurde. Damit nicht genug, wurden Johan de Witt und sein Bruder Cornelis von einer aufgebrachten Menge in Den Haag ermordet und ihre entstellten Leichen öffentlich zur Schau gestellt.

Autor: Dr. Christoph Schäfer
Erstellt: April 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Informationen zu Personen im Bereich Monarchie Personen A-Z

Links

Wichtige geschichtliche Institutionen finden Sie unter Institutionen


  • RSS-Feed
  • Facebook
  • Twitter
  • RSS-Feed

Impressum | © 2017 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83285-16 · Fax: +49 251 83285-20
E-Mail: