Die Geschichte der Niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


I. Einführung: Die ‚burgundische Hochzeit‘ 1477 und der Eintritt Habsburgs in die niederländische Geschichte

Am 19. August 1477 heiratete der spätere Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Maximilian I. von Habsburg, in Brüssel Maria, die Tochter Karls des Kühnen, des Herzogs von Burgund. Damit trat das wenig später bedeutendste europäische Fürstengeschlecht, das Haus Habsburg, in die niederländische Geschichte ein, deren Weichen dadurch in einer Weise gestellt wurden, die zu dieser Zeit kaum absehbar war. Gleichwohl sind zahlreiche Konfliktlinien, die später zur Abspaltung der nördlichen Provinzen aus dem burgundisch-habsburgischen Herrschaftskomplex führen sollten bereits deutlich erkennbar.

Maria von Burgund
Maria von Burgund 1457-1482, Quelle: Künstler unbekannt

Die Herzöge von Burgund, eine Nebenlinie des französischen Königshauses der Valois, hatten seit dem 14. Jahrhundert ihren Besitz und Einfluss vom Herzogtum Burgund (das später wieder an die französische Krone fiel) in die Gebiete der heutigen Staaten Niederlande, Belgien und Luxemburg ausgedehnt. Dabei bedienten sie sich der zeitgenössischen Mittel der Heirat, des Krieges und des Kaufs. Die Erweiterung ihrer Herrschaft auf die wohlhabenden urbanen Regionen vor allem der südlichen Niederlande versahen die Herzöge mit einem für diese Zeit unermesslichen Reichtum und der Brüsseler Hof wurde zum kulturellen Maßstab des spätmittelalterlichen Europa.

In ihren niederländischen Besitzungen sahen sich die Burgunderherzöge mit selbstbewussten Ständen konfrontiert, bestehend vor allem aus dem Adel und den zahlreichen mächtigen Städten. Unmittelbar vor der Hochzeit zwischen Maximilian und Maria wurde dies sehr deutlich. Herzog Karls Bemühungen zur Stärkung seiner Herrschaft waren stets auf den erbitterten Widerstand der Stände gestoßen. Vor allem die Besteuerung und die Gerichtsbarkeit als wichtigste Mittel moderner Herrschaft waren die Gründe für die Auseinandersetzungen. Nach dem Tod Karls des Kühnen in der Schlacht bei Nancy (1477) traten die Generalstände, die Vertretung aller Stände der burgundischen Niederlande, in Gent zusammen und erkannten Maria als Herzogin an. Die kritische Lage des Herzogtums, das noch im Krieg mit Frankreich stand, nutzten sie jedoch um ihrer Fürstin Zugeständnisse abzutrotzen, die im Wesentlichen in der Anerkennung und Wiederherstellung ihrer althergebrachten Rechte bestanden. Im sogenannten Großen Privileg Marias (1477) sowie weiterer Urkunden wurden die Rechte der Stände fixiert. Dabei wurde festgehalten, dass alle Untertanen das Recht besaßen ihren Herrschern den Dienst zu verweigern, falls diese die Privilegien verletzten. Damit stellt das Große Privileg gewissermaßen den ersten bedeutenden Verfassungstext der Niederlande dar, in dem die charakteristische Form des Ständestaates mit fürstlichem Oberhaupt erkennbar ist.

Nach der Heirat Marias und Maximilians huldigten die Stände auch dem jungen Habsburger, der alle von Maria verliehenen Privilegien anerkannte. Der fortdauernde Krieg gegen Frankreich und die damit verbundenen finanziellen Aufwendungen ließen jedoch sehr schnell die alten Konflikte um die Besteuerung wieder aufleben, nunmehr verschärft durch eine schwere ökonomische Krise. Letztendlich trugen die Stände auch hier den Sieg davon, denn nach dem Tod Marias (1482) musste Maximilan, um als Regent im Namen seines Sohnes Philipp anerkannt zu werden, einen von den Generalständen ausgehandelten Frieden mit Frankreich akzeptieren. Wenig später setzten die Stände sogar einen Regentschaftsrat für Philipp ein und nahmen diesen als Geisel, was praktisch eine Entmachtung des Habsburgers bedeutete. Damit herrschte ein offener Krieg zwischen dem Regenten und den Ständen, der erst nach rund zehn Jahren, 1492, beendet werden konnte. Zwar ging Maximilan letztendlich als militärischer Sieger hervor; an der Macht der Generalstände änderte dies jedoch nichts, denn seit 1494 regierten Maximilans Kinder, Philipp der Schöne und Margarete. Beide waren in den Niederlanden aufgewachsen und kannten die dortigen Verhältnisse besser als der in Wien geborene Römische König. Darum setzte nun eine Periode der Kooperation zwischen Regenten und Ständen ein.

Autor: Dr. Christoph Schäfer
Erstellt: April 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Blockmans, W.: Prevenier - The Promised Lands. The Low Countries under Burgundian Rule 1369 – 1530, Philadelphia 1999.

Blockmans, W.: Maximilian und die burgundischen Niederlande, in: Kaiser Maximilian I. Bewahrer und Reformer, Ausstellungskatalog Reichskammergerichts- museum Wetzlar 2002, Ramstein 2002

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Text des Großen Privilegs von Maria von Burgund Universität Leiden


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