Die Geschichte der niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


X. Glaube, Kirche, Toleranz


Im Gegensatz zum Heiligen Römischen Reich, der Eidgenossenschaft oder Skandinavien hatte das Auftreten Martin Luthers und anderer Reformatoren für die Niederlande kaum einschneidende Konsequenzen für das Zusammenleben oder gar die Politik. Zwar wurde die Lehre Luthers auch in den Niederlanden verbreitet und hatte vor allem in den Nordprovinzen durchaus auch einigen Zulauf, doch die überwiegende Mehrheit der Niederländer blieb zunächst der alten Lehre treu. Neben politischen Konstellationen wie dem Fehlen eines Territorialfürstentums, das als Bündnispartner der Lutheraner auftreten konnte, kann man auch spezifisch niederländische Rahmenbedingungen ausmachen.

Devotio Moderna und Täufer

Die verbreitete Kritik an den kirchlichen Zuständen war auch in den Niederlanden nicht ausgeblieben und einer der profiliertesten humanistischen Kirchenkritiker, Erasmus von Rotterdam, stammte sogar aus der Region. Doch anstatt sich von der Kirche zu lösen, waren viele Bewohner der niederländischen Provinzen schon im 14. Jahrhundert zu einer weniger an der Kirche als am Leben Jesu orientierten Frömmigkeit übergegangen. Nächstenliebe, Fleiß, Fröhlichkeit, Gelassenheit kennzeichneten diese unter dem Begriff „Devotio moderna“ zusammengefasste Art des gelebten Glaubens. Darauf aufbauend war eine in Deutschland häufig nur als eine Art Nebenlinie der lutherischen Reformation wahrgenommene Glaubensrichtung in den Niederlanden wesentlich erfolgreicher als das Luthertum, nämlich die Täufer. Ursprünglich aus Süddeutschland und der Eidgenossenschaft stammend, fand das Täufertum auch in den Niederlanden starken Zuspruch. Die Täufer traten für ein radikales Christentum ein. Sie lehnten den Kriegsdienst oder eine Eidesleistung ab. Vor allem aber betrieben sie die Erwachsenentaufe, da ihrer Meinung nach die Entscheidung für die christliche Religion ein bewusster Akt sein sollte. War das Täufertum im Kern auch friedlich, so verbanden sich sehr schnell radikale politische Strömungen mit ihm, die religiöse und gesellschaftliche Utopien gewaltsam durchsetzen wollten. Das sogenannte ‚Täuferreich‘ von Münster, in dem fanatisierte Täufer für anderthalb Jahre die Herrschaft über die Stadt übernahmen und ein Schreckensregime errichteten, gehört zu jenen Auswüchsen des Täufertums, die seinen Ruf nachhaltig schädigten. Zudem zogen die Exzesse der radikalen Täufer ihre Verfolgung auch in den Niederlanden nach sich. Erst dem Friesen Menno Simons (1496 – 1561) gelang es, das niederländische und norddeutsche Täufertum zu erneuern und auf eine friedfertige und weltabgewandte Basis festzulegen. Damit war den „Stillen im Lande“, die in den Niederlanden auch im 17. Jahrhundert noch einen beträchtlichen Anteil der Bevölkerung ausmachten – man schätzt bis zu 20 Prozent -, jedoch auch die politische Wirksamkeit genommen. In einer Zeit, in der die entstehenden Konfessionen Bündnisse mit der weltlichen Obrigkeit eingingen, entsagten die Täufer bewusst jeder aktiven Teilnahme am politischen Leben.

Calvin und die reformierte Konfession

Calvin
Johannes Calvin, Quelle: Hundred Greatest Men von 1885

Einige Aspekte der „Devotio moderna“ und des Täufertums, etwa die weltliche Askese, der Arbeitseifer oder die Gemeindeautonomie, begünstigten schließlich das Vordringen der dritten Konfession neben Katholizismus und Luthertum, des Calvinismus. Johannes Calvin alias Jean Cauvin (1509 – 1564) vertrat eine auch im zeitgenössischen Vergleich radikale Theologie. Calvins Gott ist nicht der zornige Gott der Katholiken oder der gnädige Gott Luthers, sondern schlicht eine Allmacht, die sich dem menschlichen Zugang völlig entzieht. Den Christen jener Zeit stellte sich vor allem die Frage, wie sie Gottes Gnade erlangen konnten. Für Calvin war diese Frage irrelevant. In seiner Lehre von der doppelten Prädestination machte er klar, dass der allmächtige, übermächtige Gott schon festgelegt hatte, wer erwählt und wer verworfen sein würde. Anders als im Katholizismus oder im Luthertum hatte der Einzelne keine Möglichkeit mehr, sein Schicksal zu beeinflussen. Das klingt trostlos und man sollte meinen, die Anhänger Calvins hätten eine resignative Haltung einnehmen müssen, doch das genaue Gegenteil trat ein. Die Gläubigen suchten nämlich Anzeichen ihrer Erwähltheit im Diesseits und zum Maßstab wurden beispielsweise ein besonders sittsamer Lebenswandel oder der wirtschaftliche Erfolg. Mochte das auch nicht mehr im Sinne Calvins sein, für den die Prädestinationslehre auch keineswegs im Zentrum seiner Theologie gestanden hat, so bestimmte diese Interpretation doch die Mentalität vieler reformierter Gesellschaften. In den Vereinigten Staaten von Amerika ist dies bis heute festzustellen.

Ein zweiter zentraler Aspekt der Lehre Calvins ist die Kirchenorganisation. Anders als die Weltorganisation der Römischen Kirche oder das lutherische Landeskirchentum konstituierte sich die reformierte Kirche von unten. Die mit Abstand wichtigste Organisationsform war dabei die Gemeinde, die mit vollem Recht als Kirche bezeichnet werden durfte. Die Leitung der Gemeinde oblag nicht dem Pfarrer, einem Bischof oder gar einem weltlichen Herrn, sondern dem Presbyterium, einem Gremium aus Theologen und Laien. Hier wurden alle die Gemeinde betreffenden Beschlüsse gefällt. An diesem Punkt zeigt sich im Übrigen eine weitere Besonderheit der reformierten Konfession, denn Mitglied einer Gemeinde wurde man nicht ohne weiteres, etwa durch die Taufe. Vielmehr bedurfte es der – permanenten – Bewährung durch einen vorbildlichen Lebenswandel, um aufgenommen zu werden und auch zu bleiben. Diese Vorstellungen lassen sich auf die starke Beeinflussung Calvins durch das Alte Testament erklären, denn für ihn waren die Gemeinden nicht weniger als die Nachfolge des Volkes Israel. „Das neue Israel“ lautet denn auch die Bezeichnung, die sich zahlreiche reformierte Gemeinden gaben. In Bezug auf die Kirchenorganisation ist weiterhin erwähnenswert, dass Calvin die Trennung von Staat und Kirche vorsah. Die Obrigkeit sollte keinerlei Einfluss auf Kirchen- und Religionsangelegenheiten haben und war selbst der göttlichen Gewalt untergeordnet. Daraus haben Nachfolger Calvins schließlich Widerstandsrechte der Untertanen gegenüber ungerechten Herrschern und Tyrannen abgeleitet. Die bekannteste calvinistische Widerstandslehre ist dabei die der Monarchomachen, die in Frankreich am Ende des 16. Jahrhunderts von den Hugenotten entwickelt wurde.

Calvinismus in den Niederlanden

In den Niederlanden fasste die Lehre Calvins zunächst kaum Fuß. Die Indifferenz der Einwohnerschaft in religiösen Fragen mag dazu ebenso beigetragen haben wie die verbreitete Toleranz, die den Landesherren die Durchsetzung der Ketzerverfolgung fast unmöglich machte. Eine solche Gesellschaft war gegenüber den Ansprüchen und Forderungen der Calvinisten ebenso wenig aufgeschlossen wie gegenüber denen der radikalen Täufer. Jener Toleranz ist es aber auch zu verdanken, dass sich einige calvinistische Zentren bilden konnten, und zwar vor allem im Süden. Der Aufstand sorgte schließlich für den entscheidenden Aufschwung des Calvinismus in den Niederlanden, denn die autonomen Gemeinden hatten abseits der Obrigkeiten eigene Kommunikationskanäle aufgebaut. Da die Reformierten fast überall eine Minderheit darstellten, waren diese Kanäle zudem international, was dem Aufstand letztendlich zugute kommen sollte. Zudem waren sie durch ihre Konfession auch legitimiert, denn während die Römische Kirche und Luther den Gehorsam lehrten und die Täufer weltlichen Dingen ablehnend gegenüberstanden, sahen die Reformierten in den Handlungen des spanischen Königs einen Grund zum Widerstand. Somit wurde die Position der Stände, die sich auf überkommene Rechte stützten, um eine religiös-ideologische Komponente erweitert.

Der Aufstand in den Niederlanden wurde daher wesentlich von einer vergleichsweise kleinen, aber entschlossenen Gruppe reformierter Adliger und Patrizier bestimmt. Dennoch bedeutet dies keineswegs, dass man die frühneuzeitlichen Niederlande ohne weiteres als calvinistisches Land bezeichnen könnte. Wilhelm von Oranien stand der reformierten Religion zunächst skeptisch gegenüber und bekannte sich erst zu ihr, als die Trennung in Nord und Süd nicht mehr zu vermeiden war. Seine Konversion fand also aus rein politischen Gründen statt. Zudem war der Calvinismus in weiten Teilen der Bevölkerung außerordentlich unpopulär. Dazu hatten die Exzesse der Bilderstürme ebenso beigetragen wie die Intoleranz der Reformierten. Aber auch die offenkundige Strenge und Sinnenfeindlichkeit wirkten vielfach abschreckend. Der Calvinisierungsprozess verlief daher langsam und hat kaum jemals die Mehrheit der Bevölkerung erreicht.

An eine einheitliche Konfession für die gesamten Niederlande war schon aus praktischen Gründen nicht zu denken. Im Heiligen Römischen Reich war mit dem Augsburger Religionsfrieden auch das Prinzip „cuius regio, eius religio“ festgeschrieben worden, nach dem die Untertanen die Religion des Landesherren anzunehmen hatten. In den Vereingten Niederlanden, wo die Souveränität bei den Provinzen lag, ließ sich ein solches Prinzip jedoch nicht durchsetzen. Letztendlich verhielt es sich in der Religionsfrage genauso wie mit den Steuern: Man konnte und wollte nicht etwas durchsetzen, was man dem abgesetzten Landesherren verwehrt hatte. Aus diesem Grunde wurde auch Toleranz geübt und niemand wegen seines Glaubens verfolgt. Diese Toleranz hatte jedoch ihre deutlichen Grenzen, denn die öffentliche Ausübung des Glaubens war damit nicht verbunden. Die Kirchen blieben den Katholiken verschlossen, und sie mussten ihre Gottesdienste heimlich feiern. Auch der Zugang zu öffentlichen Ämtern – mit Ausnahme der Armee - blieb künftig den Angehörigen der reformierten Konfession vorbehalten. Man spricht daher auch von der calvinistischen „Öffentlichkeitskirche“ - im Gegensatz zu einer Staatskirche, die für alle Untertanen bzw. Bürger eines Staates verbindlich ist.

Die Festlegung auf die Bevorzugung einer einzigen Konfession hatte vor allem staatspolitische Gründe. Den meisten reformierten Prädikanten ging die Praxis der Obrigkeiten nicht weit genug. Die oberste Pflicht aller Obrigkeiten war jedoch die Friedenswahrung. Darum sorgten sie auch dafür, dass die Geistlichen keinen Einfluss auf die Politik erhielten. Ein gutes Beispiel liefert die Synode von Dordrecht (1618) . Mit Hilfe des oranischen Statthalters hatte die calvinistische Orthodoxie eine nationale Synode durchgesetzt, auf der sie ihre Positionen als für alle Provinzen verbindlich festschreiben ließ. In der Praxis änderte sich dadurch jedoch nicht das geringste denn Provinzen und Städte konnten sich jederzeit auf ihre Autonomie berufen und entsprechende Beschlüsse unterlaufen. Die Schaffung einer Öffentlichkeitskirche beruhte auf der Überzeugung, dass die Kirche der wichtigste Ordnungsfaktor war, ganz einfach weil die Menschen Gott mehr fürchteten als die Obrigkeit. Es gibt zahlreiche Äußerungen von Regenten, aber auch aus dem Oranierhaus, die belegen, dass dies die ganz pragmatische Auffassung der Herrschenden war und die deutlich zeigen, dass auch eine andere Konfession diese Funktion hätte übernehmen können.

Auch in der Bevölkerung war die reformierte Konfession längst nicht so verbreitet wie oft angenommen wird. Neben den zahlreichen Täufern und Angehörigen kleinerer Sekten blieb ein nicht unwesentlicher Anteil katholisch. Andere wiederum bekannten sich öffentlich zum reformierten Bekenntnis, blieben aber ihrem ursprünglichen Glauben treu. Das reichte meist aus, um in ein öffentliches Amt zu gelangen. Hinzu kam, dass der Calvinismus sich wie kaum eine andere Konfession auf die Lektüre der Bibel stützte. Neben der notwendigen Lesefähigkeit mussten Gemeindemitglieder also auch in der Lage sein eine Bibel zu kaufen. Gerade an diesen Punkten sahen sich die Gemeinden daher oft zu Kompromissen genötigt. Die Prädikanten waren auch in anderer Hinsicht zu Konzessionen gezwungen. Da Andersgläubige offiziell keine Gottesdienste mehr feiern durften, man ihnen andererseits jedoch nicht die Taufe verweigern konnte, mussten die reformierten Geistlichen eben auch Kinder von Lutheranern und Katholiken taufen. Die Ehe wurde sogar völlig aus dem kirchlichen Bereich herausgelöst und zivilen Institutionen übertragen. Insgesamt war der Calvinisierungsprozess in den Niederlanden erfolgreich, aber er hat nie die Mehrheit der Bevölkerung erreicht. Man schätzt heute, dass nur rund ein Drittel der Niederländer im 17. und 18. Jahrhundert der reformierten Konfession angehörten – freilich mit starken regionalen Unterschieden. Wenn man dennoch häufig von einem calvinistischen Staat spricht, so hat dies in erster Linie mit der Bedeutung der Öffentlichkeitskirche zu tun. Hinzu kamen internationale Konstellationen, die die niederländische Politik im konfessionellen Zeitalter vor allem im Lager der Reformierten zur Entfaltung kommen ließen.

Autor: Dr. Christoph Schäfer
Erstellt: April 2004


Literatur

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