Die Geschichte der niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


XIII. Die Republik am Rande des Bürgerkrieges - Moritz und Oldenbarnevelt

Im Inneren kam das Land auch nach der militärischen Sicherung der Unabhängigkeit nicht zur Ruhe. Zahlreiche Probleme harrten nach wie vor ihrer Lösung. Hierzu gehörten insbesondere die Position der Statthalter , der Kurs in der Außenpolitik sowie die Religionsfrage. Zusammen bildeten diese Probleme ein explosives Gemisch, das die Republik an den Rand eines Bürgerkrieges führte. Die Statthalter waren formell nach der Absetzung des Landesherrn nicht mehr Diener des Königs, sondern der Stände. Da jedoch in den meisten Provinzen ein Sohn Wilhelms von Oranien, Moritz, das Amt bekleidete, der zudem Oberbefehlshaber des Heeres und der Flotte war, musste ihm nahezu zwangsläufig eine gewichtige Position im politischen Gefüge der jungen Republik zugewiesen werden. Wie weit sein Einfluss jedoch gehen sollte, war umstritten, denn eine geschriebene Verfassung gab es selbstverständlich nicht. Vor allem an zwei Punkten entzündete sich der Konflikt zwischen Moritz und den Ständen, repräsentiert von dem holländischen Landesadvokaten Johan van Oldenbarnevelt.

Johan van Oldenbarnevelt
Johan van Oldenbarnevelt (1547-1619), Quelle: Michiel Jansz. van Miereveld

Der eine war die Religionsfrage, die genauso wie für König Philipp natürlich auch eine politische war. Innerhalb der Gruppe der niederländischen Reformierten, die nach wie vor eine Minderheit darstellten, herrschte ein heftiger Richtungsstreit über das Verhältnis von Kirche und Staat. Auf der einen Seite standen die „preciezen“, die eine ähnlich intolerante Haltung einnahmen wie Philipp II. auf der anderen Seite. Ihre Gegner, die „rekkelijken“, vertraten hingegen eine tolerante Linie. Beide Lager besaßen für ihre Standpunkte gute Argumente. Die „preciezen“ konnten anführen, dass die so teuer erkaufte Unabhängigkeit bei einer Tolerierung des Katholizismus in Gefahr war, solange die herrschenden calvinistischen Eliten eine mehrheitlich katholische Bevölkerung regierten. Den „rekkelijken“ standen hingegen die Gewaltexzesse der Bilderstürme und das Schreckbild der Inquisition vor Augen, die sie für Toleranz plädieren ließen. Der lange schwelende Konflikt erhielt durch einen zunächst rein theologischen Disput neue Nahrung. An der Universität Leiden stritten die Professoren Jacobus Arminius und Franciscus Gomarus über die Prädestinationslehre Calvins. Während Gomarus Calvin sehr streng auslegte und dem Menschen jegliche Möglichkeiten zur Erlangung des Heils absprach, räumte Arminius dem menschlichen Willen noch einen gewissen Spielraum ein. Im Gegensatz zu anderen akademischen Meinungsverschiedenheiten wurde diese Auseinandersetzung von einem großen Publikum rezipiert, verbanden sich doch die gelehrten Gegensätze mit denen zwischen „preciezen“ und „rekkelijken“. Die Anhänger des Arminius legten den holländischen Ständen 1610 eine Denkschrift („Remonstratie“) vor, in der sie ihren Standpunkt erläuterten und um Schutz baten. Im folgenden Jahr reagierte die andere Seite, indem sie ihrerseits eine Schrift („Contraremonstrantie“) übergab, in der die Abhaltung einer nationalen Synode zur Klärung der strittigen Fragen gefordert wurde. Seitdem bezeichnete man daher die beiden Parteien als Arminianer oder Remonstranten bzw. Gomaristen oder Kontraremonstranten.

Schließlich gab es noch ein drittes Problem, das das Land spaltete, und zwar überwiegend entlang jener Scheidelinie, die auch im kirchlich-religiösen Bereich existierte, nämlich die Diskussion um den Waffenstillstand . Auch dieser war höchst umstritten, denn gerade die calvinistische Orthodoxie und mit ihr südniederländische (reformierte) Flüchtlinge wurden nicht müde die Eroberung des gesamten Südens und die Auslöschung des Katholizismus zu fordern. Die Gemäßigten gaben sich in richtiger Einschätzung der militärischen Möglichkeiten und der Probleme, die sich aus einer solchen Eroberung ergeben würden, mit dem Status quo zufrieden. An dieser Stelle kam nun wieder die Rolle der Statthalterschaft ins Spiel, denn Moritz von Oranien, dessen Autorität zu wesentlichen Teilen von seinen militärischen Fähigkeiten abhing, musste als Konsequenz einer Waffenruhe oder gar eines Friedensschlusses um sein politisches Gewicht fürchten. Obwohl wie sein Vater in religiösen Dingen eher indifferent, schlug sich Moritz daher auf die Seite der Kontraremonstranten. Die genauen Hintergründe dieses Schrittes werden wohl immer ungeklärt bleiben, aber es ist offensichtlich, dass Moritz die religiösen Gegensätze nutzte, um seine Position gegenüber Oldenbarnevelt zu stärken. Letzterer hatte den lokalen Obrigkeiten erlaubt selbst Truppen anzuwerben, um ausbrechende Unruhen notfalls mit eigenen Mitteln niederschlagen zu können. Für Moritz bedeutete dies natürlich eine Unterminierung seiner militärischen Autorität und er begann seinerseits damit, eine Mehrheit in den Generalständen für die Position der Kontraremonstranten zu bilden. Schließlich war das von Oldenbarnevelt repräsentierte Holland, das die Position der Orthodoxie und die Abhaltung einer nationalen Synode stets abgelehnt hatte, isoliert. Derart gestärkt ließ Moritz den Landesadvokaten und einige seiner Anhänger 1618 verhaften. Oldenbarnevelt wurde wegen Hochverrats zum Tode verurteilt. Wenig später erklärte eine in Dordrecht abgehaltene Synode die Position der Gomaristen in der reformierten Kirche für verbindlich.

Man kann das Vorgehen des Oraniers mit einigem Recht als Staatsstreich bezeichnen, denn die rechtlichen Grundlagen für das Vorgehen gegenüber Oldenbarnevelt waren mehr als fragwürdig, doch immerhin erreichte Moritz damit die entscheidende innere Befriedung der Provinzen. Dies gelang jedoch nur, weil sowohl der Statthalter als auch die Stände und Magistrate in der Folgezeit eher eine Politik im Sinne der Gemäßigten betrieben und sowohl den orthodoxen Geistlichen enge Grenzen setzten als auch religiöse Toleranz übten.

Autor: Dr. Christoph Schäfer
Erstellt: April 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Geyl, Pieter: The Netherlands in the Seventeenth Century, Bd. 1: 1609 – 1648, New York 1961.

Tex, J. den: Oldenbarnevelt, 5 Bde., Haarlem 1966 ff..

Personen

Informationen zu Personen im Bereich Geschichte Personen A-Z

Informationen zu Personen im Bereich Monarchie Personen A-Z

Links

Wichtige geschichtliche Institutionen finden Sie unter Institutionen


  • RSS-Feed
  • Facebook
  • Twitter
  • RSS-Feed

Impressum | © 2017 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel: +49 251 83285-16 · Fax: +49 251 83285-20
E-Mail: