Die Geschichte der niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


V. Das Scheitern der königlichen Gewalt – Der Herzog von Alba in den Niederlanden


Trotz ihres Erfolges wurde Margarete von Parma 1567 abberufen. Philipp II. sah nun die Gelegenheit gekommen den unbotmäßigen Adel zu entmachten und seine politischen Vorstellungen zu verwirklichen. Zu diesem Zweck ernannte er einen erfahrenen Militär, Fernando Álvarez de Toledo, Herzog von Alba, zum neuen Generalstatthalter. Dessen Aufgaben waren klar umrissen: 1. Bestrafung der Aufständischen, 2. Stärkung der königlichen Macht, 3. Reform des Steuersystems zugunsten des Landesherrn.

Fernando Alvarez von Toledo, Großherzog v. Alba
Fernando Alvarez von Toledo Großherzog von Alba (1507-1582), Quelle: Tizian

Alba erfüllte wenigstens den ersten Auftrag, und zwar unerbittlich. Unter seiner Führung wurde ein „Rat der Unruhen“ („Raad van beroerte“, „Conseil des troubles“) eingerichtet, der Tausende des Aufruhrs Verdächtige zum Tode verurteilte. Die bekanntesten unter ihnen und später von Goethe literarisch verewigt waren die Grafen van Egmont und van Hoorne, die im Juni 1568 hingerichtet wurden. Wilhelm von Oranien hingegen hatte diesen Gang der Dinge wohl geahnt und das Land rechtzeitig verlassen. Vom Stammschloss seiner Familie, dem nassauischen Dillenburg, aus bereitete er einen militärischen Gegenschlag vor. Die Grafen von Nassau-Dillenburg, allen voran Graf Johann VI., Wilhelms Bruder, entspannen eine hektische diplomatische Aktivität vor allem unter den reformierten Territorien des Heiligen Römischen Reiches, doch die herrschende Befürchtung den erst 1555 geschlossenen Augsburger Religionsfrieden zu gefährden, ließ die Suche nach Verbündeten fast als aussichtslos erscheinen. Die nassauischen Grafen waren daher weitgehend auf sich selbst gestellt. Sie verpfändeten fast ihren gesamten Besitz um Kriegsvolk zu werben, mit dem Wilhelm von Oranien und andere Grafen aus dem Hause Nassau 1568 in die Niederlande zogen. Doch dieser Kriegszug erwies sich militärisch und politisch als Desaster, denn dem gut geübten spanischen Heer waren die Söldner des Oraniers weit unterlegen, und die erhoffte Unterstützung durch die Bevölkerung blieb aus. Dem Oranier blieb nur die Flucht nach Frankreich.

Herzog Alba beging nach der Niederlage des Oraniers zwei entscheidende Fehler, die den Auseinandersetzungen eine dramatische Wendung verliehen. Das Jahr 1568 gilt daher in der niederländischen Geschichtsschreibung als der Beginn eines der längsten Kriege der Neuzeit, nämlich des Achtzigjährigen Krieges, der in Deutschland gerne (wenn auch nicht unbedingt korrekt) als niederländischer Freiheitskampf bezeichnet wird. Nach dem militärischen Sieg über die Truppen Wilhelms von Oranien und der Wiederherstellung der königlichen Position unterließ es der Herzog von Alba auf die Anliegen der Stände einzugehen, wie es seine Vorgänger getan hatten. Vielmehr setzte er die eingeschlagene Linie unbeirrt fort, indem etwa die Ketzerverfolgung weiterging. Die Maßnahmen Albas hatten fatale Folgen für die Einwohner, denn eine Flüchtlingswelle bis dahin nicht gekannten Ausmaßes setzte ein, was auch einschneidende ökonomische Konsequenzen hatte. Darüber hinaus belastete die Anwesenheit der spanischen Armee die Bevölkerung außerordentlich.

War die Fortsetzung der Politik der Härte der erste schwere Fehler Albas, so erscheint der zweite im Nachhinein als noch folgenreicher. Um König Philipp auftragsgemäß von der Steuerbewilligung der Stände unabhängiger zu machen, aber auch um seine Probleme bei der Bezahlung der Armee zu lösen, führte er eine einheitliche Steuer in allen Provinzen ein, den sogenannten „Tiende Penning“. Diese Maßnahme musste zwangsläufig den energischen Widerstand der Stände hervorrufen und tatsächlich war Alba zur Durchsetzung seiner Steuerpolitik auf die Armee angewiesen. Damit trieb er auch die bisher eher der Krone zugeneigten Städte auf die Seite der Aufständischen. Hinzu kam, dass Alba nicht in der Lage gewesen war alle Provinzen zu befrieden. In Holland und Zeeland konnten nämlich einzelne Städte wie Leiden dem spanischen Militär erfolgreich Widerstand leisten. Dabei kam diesen Provinzen ihre einzigartige Lage zugute, denn da weite Teile unter dem Meeresspiegel lagen, war es möglich große Gebiete unter Wasser zu setzen und so den feindlichen Vormarsch zu stoppen. Weitaus mehr Probleme bereiteten Alba jedoch die sogenannten Geusen.

Die Bezeichnung Geusen leitet sich vom französischen „gueux“ (Bettler) ab. Margarete von Parma hatte angeblich den protestierenden Adel abschätzig mit diesem Wort bezeichnet. Nach der Niederschlagung des Aufstandes zogen sich zahlreiche Verfolgte aufs Meer („watergeuzen“, Wassergeusen) und in die Wälder („bosgeuzen“, Waldgeusen) zurück und setzten mit Hilfe von Piraten und Räubern den Widerstand fort. In Holland und Zeeland gelang es ihnen einige Städte zu gewinnen und auf diese Weise die scheinbar hoffnungslose Position Wilhelms von Oranien wieder zu stärken, denn in vielen Städten des Nordens flammte der Widerstand erneut auf und Verwandte des Oraniers errangen einige bedeutende militärische Erfolge.

Die neue Dynamik des Aufstandes lässt sich nicht nur aus niederländischer Perspektive erklären, sondern muss im europäischen Kontext gesehen werden. Hierzu gehört etwa das ideologische Moment. 1571 hatten sich in Emden Vertreter der niederländischen Calvinisten zu einer Synode zusammengefunden und dort mit der „Confessio Belgica“ ein gemeinsames Fundament ihrer Konfession gelegt. Neben der religösen Festigung der Minderheit war in diesem Zusammenhang der Einfluss hugenottischer Lehren von Bedeutung, denn in Frankreich, wo sich die Reformierten ebenfalls bedroht sahen, hatte sich eine für den Aufstand in den Niederlanden höchst bedeutsame Widerstandslehre entwickelt, nämlich die der Monarchomachen. In Verbindung mit den überkommenen Rechten der Stände in den Niederlanden wurde diese Lehre soweit zugespitzt, dass auch die Absetzung des Fürsten als legitim erschien. Frankreich spielte jedoch auch in anderer Hinsicht eine Rolle, denn der französisch-habsburgische Gegensatz ließ die französische Krone, manchmal offen, manchmal verdeckt, zu Gunsten der Aufständischen agieren. Auf diese Weise entwickelte sich Frankreich zum wichtigsten Bündnispartner der späteren Republik bis zum Jahr 1672. Auch England sah in dem Aufstand die Möglichkeit seine eigene Position auf Kosten der Kontinentalmächte zu stärken, weshalb Königin Elisabeth I. zunächst im Verborgenen, später offen die Rebellen unterstützte. Nicht zu vergessen sind die reformierten Territorien im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, allen voran Nassau und die Kurpfalz, denn deren Konfession war nicht in den Augsburger Religionsfrieden aufgenommen worden. Die Unterstützung der aufständischen Calvinisten in den Niederlanden diente daher auch der Stärkung der eigenen unsicheren Position.

Autor: Dr. Christoph Schäfer
Erstellt: April 2004


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Duke, A.: Reformation and Revolt in the Low Countries, London 1990.

Parker, Geoffrey: Der Aufstand der Niederlande. Von der Herrschaft der Spanier zur Gründung der Niederländischen Republik, 1549 – 1609, München 1979.

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