Die 70er Jahre: Niederlande und Deutschland im Vergleich


I. Einleitung

Den Uyl Schmidt 1974
J. den Uyl und H. Schmidt 1974, Quelle: NA (927-5565)

„Jede Bewegung von innen nach außen
entspringt einer Ungenügsamkeit.
Metaphysisch gesehen, ist diese
Ungenügsamkeit der Ursprung der Zeit.“
Franz Werfel

Gesellschaftlicher Aufbruch, Terror und Demokratie, Ölkrise und wirtschaftlicher Aufschwung, neue Lebensformen. Die 70er Jahre waren ein einzigartiges Jahrzehnt, ein bewegendes vor allem. Die Vergangenheit, die so lange unaufgearbeitet geblieben war, rückte in den Vordergrund und kehrte den Unmut der Gesellschaft nach außen. Sowohl in den Niederlanden als auch in Deutschland sollte dieser innere Aufbruch die 70er Jahre in ihrem Ursprung prägen.

Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mündete 1968 in Deutschland in der Studentenrevolte, die den Anfang des Wandels markierte und zugleich seinen Höhepunkt darstellte. Hieraus sollten sich in den folgenden Jahren auch Frauen- und Umweltbewegungen entwickeln, eine Folge der Emanzipation der Gesellschaft und des Widerwillens sich der staatlichen Autorität zu unterwerfen. Neben diesen eher friedlichen Bewegungen entwickelte sich in Deutschland aus dieser obrigkeitswidrigen Mentalität eine radikale Form des Protestes, der antikapitalistische RAF-Terrorismus.

In den Niederlanden vollzogen sich vor dem Hintergrund der entsäulten Gesellschaft ähnliche Protestbewegungen. Neben den massiven gesellschaftlichen Umstrukturierungen äußerte sich diese Aufbruchsstimmung auch im kulturellen Sektor. Ein Beispiel hierfür ist die Actie Tomaat, die sich gegen die traditionellen Strukturen der Theatergesellschaften und Regisseure richtete. Fernab der kulturellen Revolte blieb vielen bis heute insbesondere die Abtreibungsfrage als eines der wichtigsten Ereignisse in Erinnerung.

Das Echo der Politik sollte in beiden Ländern nicht lange auf sich warten lassen. Im Zuge der gesellschaftlichen Konflikte konnten sich erstmals sozialdemokratische Regierungen als führende Kräfte und strategische Schlichter etablieren. Bedeutend für diese politische Phase sind Persönlichkeiten wie Joop Den Uyl, Willy Brandt und später Helmut Schmidt. Jeder dieser Politiker brachte eigene für die jeweilige politische Situation notwendige Eigenschaften mit, die für den Umgang mit diesen Herausforderungen entscheidend waren.

Auch international betrachtet waren die 70er Jahre ein Jahrzehnt der Herausforderungen. Insbesondere die Ölkrise rückte ins Bewusstsein, dass der Wohlstand in den Industriestaaten nicht unbegrenzt ist und zudem von weltweiten Entwicklungen beeinflusst werden kann. Die Abhängigkeit zu den Ölförderländern hatte man in Deutschland und den Niederlanden bis zu diesem Zeitpunkt nicht wahrhaben wollen.

All dies zeigt wie unterschiedlich und vielseitig die Entwicklungen der 70er Jahre waren. Während die Bildformung über das Jahrzehnt vor allem durch die neuen sozialen Bewegungen, durch sozialdemokratische Reformpolitik und durch heftige Konfrontationen bezüglich des Rechtsstaates geprägt sein dürfte, zeichnete sich unter der Oberfläche ein tiefgreifender wirtschaftlicher Strukturwandel ab. Gleichzeitig begann eine Ära, in der sich der Sozialstaat der Nachkriegszeit entscheidend veränderte. Neue historische Untersuchungen fanden heraus, dass in diesem so genannten roten Jahrzehnt gerade die Christdemokraten an Kraft zulegten und sich für einen starken Auftritt in Deutschland und den Niederlanden bereit machten.

Bis heute kontrovers diskutiert wird die Frage, ob es sich um die „langen 60er“ oder die „langen 70er Jahre“ handelt. Vieles, was mit den 70er Jahren assoziiert wird, fand bereits in den 60er Jahren statt. Die 70er Jahre weisen jedoch gleichermaßen wichtige politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungen auf. So schwer eine eindeutige Bezeichnung für jene Zeit auch fallen mag, so ist eines klar: Die 60er und 70er Jahre waren zwei lange Jahrzehnte, die in den Niederlanden und Deutschland durch große Ereignisse geprägt waren.

Die folgenden Artikel sind im Rahmen des Seminars “De jaren zeventig als omslagpunt in de naoorlogse geschiedenis: een Nederlands-Duitse vergelijking” bei Drs. Frans Becker am Zentrum für Niederlande-Studien entstanden. Die Studierenden haben sich auf eine Reise durch die 70er Jahre begeben, „Ungenügsamkeiten“ aufgedeckt, sich mit einigen der bedeutendsten Ereignisse dieser Zeit in den Niederlanden und Deutschland auseinandergesetzt und somit den „Ursprung dieser Zeit“ ergründet.

Autoren: Lara Neumann, Sanne Scheike, Maike Schober, Lena Stielow, Linda Wagner
Erstellt:
März 2011


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