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Joop den Uyl

*Hilversum, 9. August 1919 - † Amsterdam, 24. Dezember 1987 - niederländischer Politiker (PvdA) und Ministerpräsident

Den Uyl 1973
J. den Uyl, Quelle: NA (926-4426)

Der sozialdemokratische Politiker Joop den Uyl verkörpert wie kein anderer niederländischer Politiker die radikale Seite der 1970er Jahre. Als Ministerpräsident einer links dominierten Regierungskoalition prägte er das Bild dieses Jahrzehnts, das von politischer Polarisierung, wirtschaftlichen Turbulenzen und gesellschaftlichen Unruhen gekennzeichnet war.

Johannes Marten (Rufname: Joop) den Uyl wuchs in einer reformierten Mittelstandsfamilie in Hilversum auf, wo er am 9. August 1919 geboren worden war. Der kleine Joop fiel durch seine beschauliche Art auf und wurde als etwas "verträumt" bezeichnet. In Poesie und Geschichten aus der Bibel fand der jugendliche Den Uyl einen Ausweg aus dem Alltag. Als Heranwachsender erlebte er auch, welche Leiden die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre verursachte. Er hatte Schwierigkeiten, seinen reformierten Glauben mit dem Leid und dem Unrecht, das er in der Welt sah, in Einklang zu bringen. Seine rebellischen Gefühle sah er kurzzeitig durch die autoritäre rechte Bewegungen bestätigt, an die er sich in einigen Schulaufsätzen anlehnte. Dieser kurze "Flirt" war bereits wieder vorbei, als er nach dem Abitur Volkswirtschaftslehre an der städtischen Amsterdamer Universität studierte. Er interessierte sich für Karl Barths dialektische Theologie, die seine Abneigung gegen die "versäulte" niederländische Politik, die auf eine strikte Aufteilung weltanschaulicher Gruppen in eigene politische Parteien aufbaute, stärkte. Auch mit Literatur und mit Politik beschäftigte er sich während seiner Studienzeit intensiv.

Als die Niederlande im Mai 1940 vom deutschen Heer besetzt wurden, studierte der 20-jährige Den Uyl noch. Er entwickelte bald eine Abneigung gegen die "neue Ordnung" der Besatzung. In Beiträgen für Studentenzeitungen bezog er gegen die Gleichschaltung Stellung und kritisierte diejenigen, die mit dem Besatzer kollaborierten. Unter diesen Umständen entwickelte er auch seine eigene politische Auffassung weiter. Diese baut auf soziale Gerechtigkeit auf, die aber nicht auf Kosten der persönlichen und politischen Freiheit des Einzelnen herbeigeführten werden darf. In kurzer Zeit übernahm er immer mehr sozialdemokratisches Gedankengut, gleichzeitig entfernte er sich von seinem reformierten Hintergrund und seinem persönlichen Glauben. 1943 machte er seinen Magisterabschluss. Er nahm daraufhin eine Stelle am niederländischen Wirtschaftsministerium in Den Haag an. Hier lernte er auch seine spätere Ehefrau Liesbeth van Vessem kennen. Noch während der Besatzungszeit, im August 1944, heirateten sie. Das junge Ehepaar ließ sich in Amsterdam nieder, wo Den Uyl sich mehr auf den Widerstand als auf seine Arbeit für das Ministerium konzentrierte.

Als die Besatzung 1945 zu Ende ging, hatte sich Den Uyl zu einem engagierten Sozialdemokraten entwickelt, der sich mit der Tat für eine neue Gesellschaft engagieren wollte. Er übernahm eine Stelle als Wirtschaftsredakteur bei der aus dem Widerstand hervorgegangen Zeitung "Het Parool", wechselte aber bald zu der ebenfalls aus dem Widerstand stammenden Zeitschrift "Vrij Nederland". Im Namen dieser Zeitschrift engagierte sich Den Uyl für einen "Durchbruch" in der niederländischen Politik. Ziel war es, die alte segmentierte Ordnung aufzubrechen und verschiedene  weltanschauliche Gruppen um einen demokratischen Sozialismus herum zu vereinen. Er trat der Partei, die diesen Durchbruch umsetzen wollte, der "Partij van de Arbeid" (PvdA), sofort nach ihrer Gründung bei. Den Uyl hoffte auf eine Zweiteilung der niederländischen Politik in einen progressiven und einen konservativen Block. Allerdings kam es in den nächsten Jahren nicht zu einer solchen Zweiteilung. Der Durchbruch konnte sich nicht durchsetzen, die alten weltanschaulichen Blöcken etablierten sich erneut. Nach einigen Jahren journalistischer Tätigkeit strebte Den Uyl einen Wechsel zu einer Funktion in der PvdA an. 1949 wurde er zum Direktor der wissenschaftlichen Stiftung der Partei, der "Wiardi Beckman Stichting", ernannt. Damit war der noch nicht mal Dreißigjährige in das Herz der PvdA vorgedrungen.

In seiner Funktion als Direktor der Stiftung suchte Den Uyl Wege, die Sozialdemokratie zeitgemäß weiterzuführen. Dazu betonte er einerseits den Wert der Freiheit, andererseits das Ziel der Gleichzeit. Es sei, so betonte der von ihm mitverfassten PvdA-Plan "De weg naar de vrijheid" aus dem Jahr 1951, nötig, den Besitz und damit auch die Macht zu verteilen, um zu mehr Gleichheit unter Beibehaltung der persönlichen und politischen Freiheit zu kommen. Demokratie wurde in dem Plan groß geschrieben, um sich klar von autoritären sozialistischen Strömungen abzugrenzen. Den Uyl selbst war in dieser Zeit ständig hin und hergerissen zwischen dem Pragmatismus der alltäglichen Politik und dem Idealismus. 1953 war er in den Amsterdamer Stadtrat gewählt worden, 1956 außerdem in die Zweite Kammer. Er machte den nächsten Schritt seiner politischen Laufbahn als Beigeordneter für Wirtschaftsfragen des Amsterdam Stadtrats in den Jahren 1963-1965. Daraufhin trat er als Wirtschaftsminister der Regierung Cals (1965-66) bei. Als diese Regierungskoalition nach kurzer Zeit scheiterte, kehrte er in die Zweite Kammer zurück.

1967 wurde er zum Fraktionsvorsitzenden der PvdA gewählt. Die Partei befand sich zu dem Zeitpunkt in einer schwierigen Lage: sie war innerlich zerrissen zwischen einem konservativeren und einem lautstark aufstrebenden progressiveren Flügel, der sich als "Nieuw Links" bezeichnete. Den Uyl stand vor der schwierigen Aufgabe, diese beiden Gruppen zu integrieren, und musste gleich zu Beginn seiner Amtszeit zudem eine herbe Niederlage bei den Wahlen hinnehmen. Mit einem neuen Programm gelang ihm 1970 trotzdem weitgehend die Integration der Partei. Er kombinierte die "alte" Politik der 1950er und die "neue" Politik der 1960er in einer Politik der kleinen Schritte, hin zu einer demokratischeren Gesellschaft mit mehr Gleichheit der Bürger. Die PvdA formierte mit den neuen Parteien D66 und PPR ein Programmbündnis und wurde so 1972 zur größten Partei. Den Uyl führte daraufhin eine Regierungskoalition an, die sich aus den Parteien des Programmbündnisses und einzelnen konfessionellen Politikern der KVP und der ARP zusammensetzte. Dieses Kabinett bezeichnete sich stolz als "progressiv", war aber innerlich gespalten zwischen den "progressiven" Parteien des Programmbündnisses und den gemäßigteren konfessionellen Parteien, auf deren Unterstützung Den Uyl angewiesen war.

Die Amtszeit der Regierung war eine Aneinanderreihung aufsehenerregender Ereignisse. Den Uyl war mit großen Hoffnungen ("Gerecht teilen" und "Verteilung von Einkommen, Wissen und Macht") angetreten, musste aber angesichts der schwierigen ökonomischen Verhältnisse und der prekären Mehrheitsverhältnisse im Parlament behutsam manövrieren. Die Ölkrise, der Jom-Kippur-Krieg im Nahen Osten, Korruptionsverdächtigungen gegen Prinz Bernhard, das Unabhängigkeitsbestreben Surinams und die gewalttätigen Geiselnahmen von militanten Molukken, die sich von der niederländischen Regierung in ihrem Unabhängigkeitsbestreben im Stich gelassen fühlten, sind nur einige Beispiele für den unruhigen Ablauf der Regierungszeit. Den Uyls Auftreten in den vielen Krisensituationen wurde allseits als menschlich und führungsstark gelobt. Allerdings gelang es ihm nicht, für seine Regierung eine große Vertrauensbasis zu schaffen. Die meisten Pläne konnten daher, bis die Regierung 1977 zum Fall kam, nicht umgesetzt werden. Auch durch die lockeren Umgangsformen fiel die neue Regierung auf: Minister mussten nicht länger als "Exzellenz" angeredet werden, Joop den Uyl begab sich sogar mit mehreren Regierungsmitgliedern an die Spitze eines Demonstrationszugs.

Bei den Wahlen 1977 verbuchte die PvdA erneut einen großen Erfolg. Allerdings scheiterten die Koalitionsverhandlungen mit der neuen christdemokratischen Partei, die von Dries van Agt, dem ehemaligen Justizminister aus dem Kabinett Den Uyl, angeführt wurde. Es kam daher nicht zu einer zweiten Regierung Den Uyl, sondern zum ersten Kabinett Van Agt, eine Koalition von Christdemokraten und Liberalen. Den Uyl kehrte in die Zweite Kammer zurück und wurde Oppositionsführer. Abgesehen von einem kurzen Intermezzo als Vizeministerpräsident im kurzlebigen zweiten Kabinett Van Agt blieb er bis 1986 Mitglied der Zweiten Kammer. Die in den 1970er Jahren gewachsene Distanz zwischen Christdemokraten und Sozialdemokraten verhinderte eine Rückkehr der PvdA zur Regierungsverantwortung in den 1980er Jahren. Nachdem es Den Uyl gelungen war den Gewerkschaftsführer Wim Kok zu seinem Nachfolger wählen zu lassen, wendete er sich mehr und mehr anderen Aufgabenfeldern zu. Er widmete sich den Vereinten Nationen und der internationalen Sozialdemokratie. Lange sollte er sich aber mit diesen Aufgaben nicht beschäftigen können. 1987 stellten Ärzte bei Den Uyl einen Hirntumor fest. Eine Behandlung war aussichtslos. Am 24. Dezember starb Den Uyl im Kreis seiner Familie.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: August 2008


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Geschichte finden Sie unter Bibliographie

Bleich, A.: Joop den Uyl, 1919-1987. Dromer en doordouwer, Amsterdam 2008.

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