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Meinoud Marinus Rost van Tonningen

*geb. 19. Februar 1894 in Surabaya (Niederländisch-Ostindien) - † 06. Juni 1945 in Scheveningen, NSB-Politiker, Kollaborateur, Himmler-Intimus

M.M. Rost Van Tonningen
Meinoud Marinus Rost van Tonningen, Quelle: NA (934-7365) 

Der Name Rost van Tonningen symbolisiert für viele Niederländer auch heute noch die Schrecken der Besatzungszeit und skrupelloseste Kollaboration mit dem Nationalsozialismus und seiner völkisch-rassistischen Ideologie.

Geboren als Sohn eines Generals der Königlich-Niederländisch-Indischen Armee (KNIL) in Niederländisch-Ostindien siedelte Rost van Tonningen fünfzehnjährig in die Niederlande, wo er in Den Haag ein Gymnasium zu besuchen. Nach dem Abitur und einem abgebrochenen Ingenieurstudium an der Technischen Universität Delft meldete sich Rost van Tonningen im August 1914 freiwillig zum Armeedienst. Er durchlief die Offiziersschulen in Amsterdam und Leiden und war bis zum Kriegsende als Oberleutnant im südniederländischen Nordwijk (Provinz Südholland) stationiert. Nach dem Krieg wandte er sich einem Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Leiden zu. Die Promotion erfolgte 1921.

Zwischen 1921 und 1928 war Rost zunächst Angehöriger einer Schiedskommission für maritime Fragen, später wurde er erst Assistent des Generalkommissärs des Völkerbundes in Wien, Alfred Zimmermann, später dann Zimmermanns Nachfolger. Zwischen 1928 und 1931 war er bei der Amsterdamer Privatbank Hope & Co angestellt. 1931 erhielt er wiederum die Chance, für den Völkerbund tätig zu werden. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise war die Wiener Credit-Anstalt zusammengebrochen und das Land Österreich bat um internationale Finanzhilfe. Dem Gesandten des Völkerbundes Rost van Tonningen oblag die Aufklärung des Völkerbunds über die österreichische Finanz- und Wirtschaftspolitik und Beihilfe zur finanziellen Sanierung durch die Gewährung von Krediten und die Festsetzung der Verschuldungsobergrenze. In dieser Zeit erarbeitete er sich seine profunden Kenntnisse der Finanz- und Wirtschaftspolitik.

Rost van Tonningen wurde ein Freund und politischer Bewunderer von Engelbert Dollfuß, dem Begründer des austro-faschistischen Ständestaats und ab 1933 diktatorisch regierenden Bundeskanzlers von Österreich (1932-1934). Er unterstützte dessen faschistische Ausrichtung Österreichs und seinen Kampf gegen einen deutschen Anschluss, auf den die österreichischen Nationalsozialisten hinarbeiteten. Nach Dollfußs‘ Ermordung während des Juliputsches  1934 ebbte Rost van Tonningens politischer Einfluss zunächst ab, da er sich mit dem Dollfußs‘ Nachfolger im Kanzleramt, Kurt Schuschnigg (1934-38), nicht verstand.  Rost van Tonningen wandte sich daraufhin nationalsozialistischen Wiener Kreisen zu und begann, über eine nationalsozialistische Betätigung in seinem Heimatland nachzudenken. Nach ersten Gesprächen mit Anton Mussert, dem Anführer der niederländischen nationalsozialistischen Partei Nationaal Socialistische Beweging (NSB) kehrte er 1936, nach der Scheidung von seiner ersten Frau und der Aufgabe seines österreichischen Postens, in die Niederlande zurück.

Rost van Tonningen wurde am 10. August 1936 Mitglied der NSB, die den erfahrenen Finanzpolitiker gut gebrauchen konnte. Innerhalb der Partei gesellte er sich schnell dem pro-deutschen, aggressiv völkisch-rassistischen Flügel zu, der den Anschluss der Niederlande an das Deutsche Reich favorisierte, während der gemäßigte Flügel um Parteiführer Mussert eher zu einer Art großniederländischem Faschismus tendierte.

Konflikte zwischen dem ‚Führer‘ (nl. leider) der Partei Mussert und Rost van Tonningen, der in Hitler den eigentlichen, pangermanischen Führer der Bewegung sah, waren somit vorprogrammiert. Rost van Tonningen formte nach dem Vorbild der deutschen SA- und SS-Verbände eine parteiinterne Mussertgarde/Sturmabteilung Rost die er immer wieder zwecks gezielter Provokation und Gewaltaktionen in jüdische und sozialistische Wohnviertel führte. Seit November 1936 war er zudem verantwortlicher Chefredakteur des parteieigenen NSB-Blatts Het Nationale Blad, das er zu einem Sprachrohr seiner prodeutschen und radikal-faschistischen Linie auszubauen wusste und mit dem er sich mitunter auch gegen die Parteiführung wenden konnte. Bei den Parlamentswahlen am 02. Juni 1937 erhielt Rost van Tonningen einen Sitz in der Zweiten Kammer und wurde Fraktionsführer der NSB. Nach anfänglicher Zurückhaltung setze er innerhalb des Parlaments verstärkt auf Provokation. So wurde er zwischen 1938 und 1939 mehrfach des Saales verwiesen, mit Geldstrafen belegt und löste durch einen tätlichen Angriff auf einen anderen Abgeordneten während der Sitzung vom 28. Februar 1939 einen Tumult mit anschließender Massenprügelei aus. Diese Provokationen führten allerdings in erster Linie zu einer totalen Isolation und Ablehnung der Partei im politischen Tagesgeschäft und innerhalb weiter Teile der niederländischen Bevölkerung.

Kurz vor der Invasion der deutschen Wehrmacht wurde Rost van Tonningen am 03. Mai 1940 als ‚staatsgefährliche Person‘ interniert, um ihn, im Falle des erwarteten Angriffs, an der Kollaboration mit den Deutschen zu hindern. Bereits seit 1937 unterhielt er Kontakt und freundschaftliche Beziehungen zum Reichsführer-SS Heinrich Himmler und dem deutschen Außenminister von Ribbentrop. Zudem war er zwischen 1936 und 1938 dreimal offizieller Gast der Nürnberger Reichsparteitage und von Hitler persönlich zweimal empfangen worden.

Nach der deutschen Invasion wurde Rost van Tonningen, den man gemeinsam mit anderen Internierten auf der Flucht vor den heranrückenden deutschen Truppen über Belgien nach Frankreich evakuiert hatte, in Calais von den Deutschen befreit. Bereits am 2. Juni 1940 kehrte er nach Den Haag zurück und begann seine umfangreiche Kollaboration mit der deutschen Besatzungsmacht. Noch am Abend desselben Tages konferierte er mit Himmler und dem frisch bestellten deutschen Reichskommissar der Niederlande Arthur Seyss-Inquart über die Strategie der zurückhaltenden sanften Nazifizierung der Niederlande durch Überzeugung und Zugeständnisse, beginnend mit der Arbeiterschaft. Trotz medienwirksamen Vorgehens scheiterte Rost van Tonningens Strategie allerdings und der Zugriff auf die niederländische Arbeiterschaft blieb ihm bis auf wenige Ausnahmen verwehrt: Die Etablierung nationalsozialistischer Arbeiterverbände verlief weitgehend im Sande, da diese sich nicht widerstandslos gleichschalten lassen wollten, nazifizierte Medienerzeugnisse (Radioprogramme und Zeitungen) wurden boykottiert, Abonnements gekündigt. Auch sein parteiinterner Widersacher Mussert machte ihm schwer zu schaffen: Nach einem von Rost van Tonningen in der NS-Zeitung Het Volk lancierten, Mussert-kritischen Artikel kam es zum Bruch zwischen beiden – Rost van Tonningen musste am 30. August 1940 den Chefredakteursposten des NSB-Dagblads räumen. Auch den von Seyss-Inquart verschafften Posten als NSB-Schulungsleiter musste Rost van Tonningen aufgeben, nachdem er am 08. Februar 1941 in einer Rede vor NSB-Funktionären Hitler und die SS in höchsten Tönen gelobt und so, in den Augen der NSB, mangelnde Vaterlandsliebe gezeigt hatte. Lediglich der Posten des zweiten stellvertretenden NSB-Leiters blieb ihm erhalten.

Nach dem Fiasko des NSB-internen Machtkampfs meldete Rost van Tonningen sich im Februar 1941 freiwillig zum Fronteinsatz bei der Waffen-SS. Stattdessen bot Reichskommissar Seyss-Inquart ihm einen hohen Posten in der Finanzverwaltung an: Rost van Tonningen wurde Vorsitzender der niederländischen Zentralbank und Generalsekretär des Ministeriums für Finanzen und hatte somit direkten Zugriff auf staatsfinanzielle Belange aller Art, die er, abgesehen von seiner hohen Kompetenz auf diesem Gebiet, im Wesentlichen der deutschen Interessenlage unterwarf. So war er maßgeblich an der finanziellen Ausplünderung des Landes mittels von den Niederlanden selbst zu tragenden Besatzungskosten, einseitigen, nie beglichenen Krediten und Anleihen und sonstigen Transaktionen beteiligt, durch die dem niederländischen Staat zwischen 1940 und 1945 ca. 14,5 Mrd. Reichsmark entzogen wurden.

Mitte 1944, nach der alliierten Landung in der Normandie, meldete sich Rost van Tonningen ein weiteres Mal zum Dienst bei der Waffen-SS, wurde diesmal angenommen und nahm zwischen Juni und August 1944 im südniederländischen ‘s-Hertogenbosch (Provinz Nordbrabant) an einem Offizierslehrgang teil. Danach kehrte er zunächst auf seinen Posten bei der niederländischen Zentralbank zurück. Im Zuge einer NSB-internen Säuberungsaktion durch Mussert wurde Rost van Tonningen unter heftigen Protesten aus der Partei ausgeschlossen. Ab März 1945 leistete er Frontdienst und versuchte das Vordringen der Alliierten aufzuhalten, die ihn schließlich am 08. Mai 1945, dem Tag des Inkrafttretens der Kapitulation der deutschen Wehrmacht, verhafteten und im Kriegsgefangenenlager Elst internierten. Als bekannt geworden war, wer den Alliierten da ins Netz gegangen war, wurde Rost van Tonningen in ein Gefängnis in Utrecht überstellt. Nach einem ersten erfolglosen Selbstmordversuch und einer erneuten Überstellung –  diesmal in das Gefängnis von Scheveningen – nahm er sich am 06. Juni 1945 durch einen Sprung von einem Balkon das Leben.

Im Jahr 2000 erklärte der ehemalige Mitarbeiter des renommierten Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD) A. J. van der Leeuw im niederländischen Fernsehen auf der Grundlage von Nachforschungen, Rost van Tonningen sei möglicherweise durch extreme Folterungen in den Selbstmord getrieben worden. Damit stützte er die These der zweiten Ehefrau Rost van Tonningens, der bekennenden Nationalsozialistin Florentine Rost van Tonningen (1914-2007), dass ihr Mann in Wirklichkeit ermordet worden sei.  

Autor: Christian Kuck
Erstellt: November 2011


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Geschichte finden Sie unter Bibliographie

Barnouw, David: Rost van Tonningen. Fout tot het bittere eind, Zutphen, 1994

Links

Wichtige geschichtliche Links finden Sie unter Institutionen

Biographie (Parlament & Politiek) M.M. Rost van Tonningen


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