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Henri Polak

*Amsterdam, 22. Februar 1868 - † Laren, 18. Februar 1943 - Gewerkschaftsgründer

Polak, Henri
Henri Polak, Quelle: J. G. van Caspel

Henri Polak gilt als bedeutender Gründungsvater der niederländischen Gewerkschaftsbewegung. Er gründete zunächst eine Gewerkschaft für Diamantschleifer, dann den Gewerkschaftsbund "Nederlands Verbond van Vakverenigingen" (NVV). Beide Gewerkschaften dienten der Entwicklung der niederländischen Arbeiterbewegung als Vorbild zeitgemäßer Organisation.

Das Licht der Welt erblickte Henri Polak am 22. Februar 1868 in Amsterdam. Nachdem der Sohn eines jüdischen Diamantenschleifers einige Jahren in der Grundschule verbracht hatte, fing er mit 13 selbst eine Lehre zum Diamantschleifer bei seinem Onkel an. Ab 1887 arbeitete er für drei Jahre als Diamantschleifer in London, wo er seine spätere Ehefrau Emily Nijkerk kennenlernte. In England kam er auch zum ersten Mal mit dem Sozialismus in Berührung. Seinem Interesse für diese Lehre konnte er, nachdem er seit 1890 wieder in Amsterdam arbeitete, weiter nachgehen. Er freundetete sich mit einem führenden Mitglied der sozialdemokratischen Partei, Frank van der Goes, an. Zudem trat er dem "Sociaal-Democratisch Bond" (SDB) bei.

Polak machte innerhalb der Amsterdamer SDB rasch Karriere. Er las viel und übersetzte alsbald auch englische sozialistische Autoren ins Niederländische. Der Diamantschleifer trat als Verfechter eines parlamentarischen Sozialismus in Erscheinung, zu dessen Programm eine allmähliche Reform der Gesellschaft gehörte. Deshalb setzte sich Polak das Ziel, der Arbeiterschaft eine angemessene Vertretung zu beschaffen. Diese sollte im Parlament vertreten sein, um durch Gesetzgebung die Lebensverhältnisse zu verbessern. Gleichzeitig sollten Gewerkschaften höhere Löhne und bessere Arbeitsverhältnisse erzwingen.

1894 trat die Diamantschleifergewerkschaft bei einer sehr disziplinierten Streikaktion besonders in Erscheinung. Unter Anführung unter anderem von Henri Polak gelang es den Arbeitern, erhebliche Lohnerhöhungen zu erzwingen. Die Erfolge nutzten die Anführer der Streikbewegung, um alle Diamantschleifer in einer Gewerkschaft zu vereinigen. Polak wurde zum Vorsitzenden dieser neuen Gewerkschaft, des "Algemeene Nederlandsche Diamantbewerkersbond" (ANDB), gewählt. Man organisierte die Gewerkschaft hochmodern: sie hatte ein eigenes Büro, eine eigene Zeitung und bezahlte Funktionäre. Die Mitglieder zahlten feste Beiträge, um diesen Organisationsaufwand zu ermöglichen. Die Gewerkschaft beschäftigte sich hauptsächlich mit der wirtschaftlichen Vertretung der Arbeiterschaft. Denn obwohl die Gewerkschaftsführung sich vornehmlich aus Sozialisten zusammensetzte, hatte die Gewerkschaft den Anspruch, politisch und weltanschaulich neutral zu sein.

Als Vorsitzender des ANDB wuchs Polak zu einer bedeutenden Persönlichkeit heran. Er machte es sich zum Ziel, die Arbeiterschaft sowohl materiell als auch geistig zu erheben. Zudem versuchte er gute Tarifverträge abzuschließen und kürzere Arbeitstage zu erzwingen. Er schrieb des Weiteren bildende Beiträge für die Gewerkschaftszeitschrift und hielt viele Vorträge. Daneben engagierte sich Polak in der neuen sozialdemokratischen Partei SDAP. Er trat dem nationalen Vorstand bei und kandidierte für den Amsterdamer Stadtrat. Allerdings war ein Teil der Partei mit dem Auftreten Polaks unzufrieden: Er sei zu versöhnlich und konstruktiv und betätige sich nicht genug als Propagandist der Partei.

Mehr Erfolg hatte Polak bei seinen Versuchen, die gesamte niederländische Arbeiterbewegung zu reformieren. Nach dem Vorbild seines ANDB wollte er auch andere Teile der Arbeiterschaft organisiert sehen. Dazu gründete man 1905 den "Nederlandsch Verbond van Vakvereenigingen" (NVV), einen Dachverband, der verschiedene Gewerkschaften vereinte. Polak war ihr erster Vorsitzender. Er kombinierte zu diesem Zeitpunkt außerdem den Vorsitz von ANDB und NVV mit dem Vorsitz des internationalen Bundes der Diamantschleifer. Auch in der sozialdemokratischen Partei engagierte er sich weiterhin. Trotz eines sich verschlimmernden Gehörschaden blieb er lange aktiv. Weiterhin hatte er die geistige Erhebung der Arbeiterschaft im Visier, weshalb er sich auch für den Erhalt von Kulturgut und Natur interessierte. Seine Kulturarbeit belohnte die Amsterdamer Universität 1932 gar mit der Ehrendoktorwürde. Da war die glorreiche Zeit des ANDB bereits vorbei: die wirtschaftliche Krise hatte viele Diamantschleifer in die Arbeitslosigkeit getrieben, die Diamantindustrie in Amsterdam bot immer weniger Arbeitsplätze. 1958 sollte der Bund schließlich aufgelöst werden. Der NVV hingegen wuchs zu dem Dachverband der sozialdemokratischen Richtungsgewerkschaften heran.

Polak selbst machte sich in den 1930er Jahren vor allem über den Nationalsozialismus Sorgen. Er schrieb viele Beiträge gegen die neue politische Bewegung. Auch in seinen politischen Ämtern versuchte er den Nationalsozialismus zu bekämpfen. Nachdem der Besetzung der Niederlande durch die deutschen Truppen wurde Polak verhaftet. Er verbrachte anderthalb Jahre in einsamer Gefangenschaft. Schließlich erreichten einflussreiche Freunde seine Freilassung. Gesundheitlich erheblich geschwächt, kehrte Polak nach Hause zurück, wo er im Februar 1943 an einer Lungenentzündung starb.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: August 2008


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Geschichte finden Sie unter Bibliographie

Agtmaal, W. van/ Heijden, M. van der: Henri Polak. Grondlegger van de moderne vakbeweging 1868-1943, Amsterdam 1991.

Bloemgarten, S.E.: Henri Polak. Sociaal democraat 1868-1943, Den Haag 1993.

Links

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