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Ferdinand Domela Nieuwenhuis

*Amsterdam, 31. Dezember 1846 - † Hilversum, 18. November 1919 - Sozialistisch-anarchistischer Politiker

Ferdinand Domela Nieuwenhuis
Ferdinand Domela Nieuwenhuis, Quelle: Wikipedia

Ferdinand Domela Nieuwenhuis wurde 1846 als Sohn des evangelisch-lutherischen Pastors und Professors Ferdinand Jacobus (Domela) Nieuwenhuis und seiner Frau Henrietta Frances Berry geboren. Er selbst war im Lauf seines Lebens vier Mal verheiratet. Nach seiner Schulzeit studierte er in Utrecht und Amsterdam Theologie und war von 1870 bis 1879 als lutherischer Pastor tätig, bis er sein Amt nach einer Glaubenskrise niederlegte und Atheist wurde.

Domela Nieuwenhuis’ Interesse an sozialen Fragen bestimmte seine weitere Karriere. 1879 übernahm er die Redaktion der ersten sozialistischen Wochenzeitschrift „Recht voor Allen“. Er war eine eindrucksvolle Persönlichkeit, dessen Propagandaaktivitäten unter den Arbeitern auf große Resonanz stießen. 1881 führte er lokale Gruppen im Sociaal Democratische Bond (SDB) zusammen, der in den kommenden Jahren zur ersten sozialistischen Massenbewegung in den Niederlanden wurde. Zu den zentralen Programmpunkten gehörten die Anprangerung sozialer Missstände und der Einsatz für das allgemeine Wahlrecht.

Nachdem Domela Nieuwenhuis 1887 noch wegen Majestätsbeleidigung eine mehrmonatige Haftstrafe hatte verbüßen müssen, wurde er 1888 als erster sozialistischer Abgeordneter ins niederländische Parlament gewählt. Allerdings blieb er bis zum Ende seiner Amtszeit 1891 bei seinen politischen Initiativen in der Zweiten Kammer isoliert. Dagegen erreichten seine Propagandabroschüren und die seiner Mitstreiter im SDB Auflagen von bis zu 100.000 Exemplaren. Außerdem verfügte er über enge Kontakte zu den führenden internationalen Sozialisten seiner Zeit, publizierte in ausländischen Zeitungen und besuchte in den 1890er Jahren die großen europäischen Sozialistenkongresse.

Da die Revolutionserwartungen des SDB sich bisher nicht erfüllt hatten, stellte sich in den 1890er Jahren die Frage nach der zukünftigen politischen Taktik. Mit der Sociaal-Democratische Arbeiderspartij (SDAP) formierte sich 1894 eine konkurrierende Partei, die ganz auf eine parlamentarische Strategie zur Erreichung ihrer Ziele setzte. Domela Nieuwenhuis neigte dagegen zunehmend radikalen anarchistischen Positionen zu und kritisierte in seinem theoretischen Hauptwerk „Le Socialisme en Danger“ (1897) die Vorstellung einer Aussöhnung von Staat und Sozialismus.

Nachdem der SDB 1894 verboten worden war, verließ Domela Nieuwenhuis die Partei drei Jahre später und gab seinen Redakteursposten bei „Recht voor Allen“ auf. Stattdessen erschien unter seiner Leitung ab 1898 die anarchistische Zeitschrift „De Vrije Socialist“, neben seinen Büchern und Broschüren das wichtigste Forum für seine individualistische, anarchistische, gegen jede Form von übergeordneter Organisation gerichtete Vorstellung von Sozialismus. Er bemühte sich unermüdlich um die politische Erziehung der Arbeiter, unterstützte Streiks und bekämpfte die SDAP. Er engagierte sich gegen den Militarismus, besuchte Kongresse im Ausland und gehörte 1904 zu den Mitbegründern der Internationale Anti-Militaristische Vereniging (IAMV). Wie viele Sozialisten schockte ihn der Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die Bereitschaft der Arbeiter, sich ― nach seinem Verständnis ― als Soldaten für die Interessen des Kapitals einspannen zu lassen. Nach seinem Tod 1919 wurde das Gedächtnis an ihn durch das 1925 eröffnete Ferdinand Domela Nieuwenhuis Museum und ein 1931 in Amsterdam aufgestelltes Standbild wach gehalten.

Ferdinand Domela Nieuwenhuis war neben dem Sozialdemokraten Pieter Jelles Troelstra die wichtigste Figur der frühen niederländischen Arbeiterbewegung. Kennzeichnend für ihn waren seine charismatische Persönlichkeit, sein unerschütterlicher Glaube an die Richtigkeit seiner Ideale und sein bedingungsloser Einsatz für sie, auch wenn der anarchistischen Richtung des Sozialismus in den Niederlanden keine politischen Erfolge beschieden waren.

Autor: Dr. Christoph Strupp
Erstellt: Juni 2007


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Geschichte finden Sie unter Bibliographie

Altena, Bert: „Gruß aus Holland, dem Lande der Freiheit und Revolution“. F. Domela Nieuwenhuis und die deutsche Sozialdemokratie 1889-1919, in: Walter Mühlhausen u.a. (Hrsg.): Grenzgänger. Persönlichkeiten des deutsch-niederländischen Verhältnisses, Münster 1998, S. 69-101.

Altena, Bert (Hrsg.): 'En al beschouwen alle broeders mij als den verloren broeder'. De familiecorrespondentie van en over Ferdinand Domela Nieuwenhuis, Amsterdam 1997.

Frieswijk, J./ Kalma, J. J./ Kuiper, Y. (Hrsg.): Ferdinand Domela Nieuwenhuis. De apostel van de Friese arbeiders, Drachten 1988.

Jong, Albert de: Domela Nieuwenhuis, Den Haag 1966.

Linden, Wilhelmus Hubertus van der (Hrsg.): Domela Nieuwenhuis in 219 politieke prenten, Amsterdam 1990.

Meyers, Jan: Domela, een hemel op aarde. Leven en streven van Ferdinand Domela Nieuwenhuis, Amsterdam 1993.

Nabrink, Gé: Bibliografie van, over en in verband met Ferdinand Domela Nieuwenhuis, Teil 1-2, Leiden 1985; Teil 3-4, Amsterdam 1992.

Zandstra, Evert: Vrijheid. Het leven van F. Domela Nieuwenhuis, Amsterdam 1968.

Links

Wichtige geschichtliche Links finden Sie unter Institutionen

Biographisches Lexikon des Sozialismus und der Arbeiterbewegung in den Niederlanden F. Domela Nieuwenhuis

Ferdinand Domela Nieuwenhuis Museum


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