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Marga Klompé

*Arnheim, 16 August 1912 – †Den Haag, 28. Oktober 1986 – Chemikerin, Lehrerin, Politikerin (KVP)

Marga Klompé
Marga Klompé 1958: Die erste Niederländerin in einem Ministeramt, Quelle: SPAARNESTAD PHOTO/Henk Blansjaar/cc-by-sa

Margaretha Albertina Maria Klompé war von 1956 bis 1963 Ministerin für Gesellschaftliche Arbeit und damit das erste weibliche Regierungsmitglied in den Niederlanden. Klompé, die zu einer Zeit studierte, Karriere machte und dabei unverheiratet blieb als dies für Frauen noch alles andere als selbstverständlich war, sah sich selbst jedoch nie als Feministin.

Marga Klompé war die zweite von fünf Geschwistern. Sie wuchs in einer streng katholischen Unternehmerfamilie auf, die der oberen Mittelklasse angehörte. Vater Johannes Klompé hatte eine gutgehende Papierfabrik in Arnheim, Mutter Maria, die aus dem deutschen Köln stammte, kümmerte sich um Haus und Kinder. Diese Zeit der finanziellen Sicherheit und eines hohen gesellschaftlichen Status endete, als Vater Klompé Ende der 1920er Jahre geisteskrank wurde. Er hörte Stimmen, hatte Wahnvorstellungen und musste mehrfach in psychiatrische Einrichtungen eingewiesen werden. Seiner Erwerbstätigkeit konnte er nicht länger nachgehen.

Gegenüber der Außenwelt wurde diese Tatsache totgeschwiegen. Man sprach einfach nicht mehr über den Vater. Im Arnheimer Gemeindebuch von 1947 wird Maria Klompé-Verdang sogar als Witwe gelistet, obwohl ihr Mann noch sieben Jahre lang leben sollte.

Finanzielle Hilfe erhielt die Familie zunächst von Verwandten und Freunden. Gegen die Option, ihre ältesten Töchter so früh wie möglich aus der Schule zu nehmen, damit diese, zum Beispiel als Verkäuferinnen, zum Familieneinkommen beitragen konnten, verwehrte sich Mutter Klompé vehement. Alle Kinder durften das Examen der Höheren Bürgerschule ablegen, danach sollten sie erwerbstätig werden. Nur für Marga – die eine hervorragende Schülerin gewesen sein soll – machte die Mutter eine Ausnahme: Sie sollte studieren. Während also die Schwestern Berufe in der Verwaltung und Krankenpflege ergriffen und der Bruder Arbeiter bei der Algemene Kunstzijde Unie wurde, ging Marga 1929 nach Utrecht und studierte Chemie.

Studium

Die neue (unkatholische) Umgebung stürzte die junge Frau in eine tiefe Glaubenskrise. „Mein naturwissenschaftliches Studium machte mir bewusst, dass das alte Glaubensdenken zu rationalistisch, zu statisch-siegessicher war“, erklärte Klompé 1977 rückblickend. Doch sie ging im Glauben gestärkt aus der Krise hervor. Vielleicht auch, weil sie als Mitglied bei der Utrechtse Vrouwelijke Studenten Verreniging (UVSV,) anderen römisch-katholischen Frauen wie Wally van Lanschot begegnete. Mit Van Lanschot zusammen sollte Klompé nach dem Zweiten Weltkrieg den Roomsch Katholiek Vrouwendispuut gründen.

1932 legte Klompé ihre Abschlussprüfung ab. Gleichzeitig endete die finanzielle Unterstützung durch den Bruder ihrer Mutter, weshalb Marga zurück nach Arnheim zog. Sie wurde Chemielehrerin an einer katholischen Mädchenschule in Nijmegen, trug so zum Familieneinkommen bei und finanzierte ihr weiteres Studium. Klompé soll eine gute Lehrerin gewesen sein, die den Lehrstoff anschaulich und originell vermitteln konnte. Sie engagierte sich auch in ihrer Freizeit für die Schule und leitete beispielsweise die AG Sternkunde. Auch soll sie während der Chemiestunde Aufklärungsunterricht erteilt haben – worfür sie von ihren Kolleginnen kritisiert wurde.

1941 promovierte Klompé zum Thema Solkonzentration und Flockung beim AgJ-Sol, 1942 folgte ein zusätzliches Staatsexamen in ihrem Nebenfach Physik. Nun war sie auch befugt, Physik zu unterrichten. Ab 1946 unterrichtete sie auch Mathematik.

Zweiter Weltkrieg

Als der Zweite Weltkrieg 1940 durch die deutsche Besatzung auch die Niederlande erfasste, half Marga Klompé als Mitglied beim Korps Vrouwelijke Vrijwillers bei der Versorgung der Verwundeten der Gefechte am Grebbeberg. Ab 1941 war Klompé zudem unter dem Decknamen Dr. Meerberen als Kurierin für den Widerstandskämpfer Erzbischof Jan de Jong tätig. Über die Deutschen sollte sie später sagen: „In deren Vorstellung ist eine Frau nur fähig, Kinder zu bekommen und den Haushalt zu führen. Somit waren sie unfähig, sich Frauen vorzustellen, die verantwortungsvolle Arbeit im Untergrund leisteten. […] Das habe ich selbst mehrfach erlebt, wenn ich vernommen wurde. Oft war es ausreichend, den hilflosen Dummkopf zu mimen, um sie auszutricksen.“

Für Marga Klompé hingegen war es selbstverständlich, dass eine Funktion prinzipiell genauso gut von einem Mann wie von einer Frau ausgefüllt werden konnte. Dies sollte eine der Triebfedern für sie sein, nach dem Krieg in die Politik zu gehen. Und die Voraussetzungen waren gut: Marga Klompé, zu Beginn der Besatzungszeit eine unbekannte Chemielehrerin, war nach dem Krieg eine 32-jährige, regionale Berühmtheit mit vielen Kontakten in die oberen Kreise der niederländischen Gesellschaft.

Klompé schloss sich gleich im Mai 1945 der Niederländischen Volksbewegung an, kurze Zeit später wurde sie Mitglied der Katholieke Volkspartij (KVP) – von Anfang an gehörte sie dort eher zum linken Flügel. Neben einer Mitgliedschaft in der Unie van Vrouwelijke Vrijwilligers (UVV), engagierte sich Klompé zudem in der Vereniging van Vrouwen met Academische Opleiding (VVAO). Verärgert über die Tatsache, dass bei den Wahlen 1946 keine einzige katholische Frau es in die Zweite Kammer geschafft hatte, gründete Klompé zudem, zusammen mit ihrer Studienfreundin Wally van Lanschot, im Februar 1947 den Roomsch Katholiek Vrouwendispuut (RKV), um Frauen für das öffentliche Leben zu mobilisieren. Klompé wurde die erste RKV-Präsidentin.

Für die VVAO reiste Klompé 1946 zu internationalen Treffen von Frauenorganisationen nach London und 1947 nach Toronto, Kanada. Daraufhin bekam sie 1947 auf Empfehlung niederländischer Frauenorganisationen einen Platz in der niederländischen Delegation, die zur Allgemeinen Sitzung der Vereinten Nationen in die USA fuhr. Auf dieser Konferenz fiel Klompé ihren KVP-Parteikollegen sofort auf, die sie baten, sich als Kandidatin für die Parlamentswahlen 1948 zur Verfügung zu stellen. Viel Lust darauf hatte sie zwar nicht, doch sie ließ sich zu einer „unwählbaren“ Platzierung weit unten auf der Kandidatenliste überreden. Trotz der schlechten Platzierung schaffte sie es am 12. August 1948 in die Zweite Kammer.

Politische Karriere

Klompé wurde stellvertretendes Mitglied der parlamentarischen Kommission für Außenpolitik – ein wichtiges Thema im Nachkriegseuropa, wodurch sie sofort eine wichtige Sprecherin der KVP-Fraktion wurde. Klompé setzte sich stark für eine europäische Zusammenarbeit ein, auch den Beitritt zum Nordatlantikpakt 1949 unterstützte sie. Zur Frage, wie mit Deutschland umgegangen werden sollte, erklärte sie: „An unserer Ostgrenze lebt ein Volk von 47 Millionen Seelen, dass um sein nacktes Überleben kämpft, und das diesen Kampf allein nicht gewinnen kann. Gegenüber diesen Menschen haben wir, auch wenn sie unsere Feinde waren und sie uns unnennbar viel Leid zugefügt haben, eine Pflicht als Mensch.“

Sie arbeitete sich in kurzer Zeit gut ein und galt bald innerhalb ihrer Partei und innerhalb des Kabinetts als Autorität. Auch international galt sie bald als ernstzunehmende Politikerin – sie war häufig als Abgeordnete bei den Sitzungen der Vereinten Nationen, ab 1949 war sie Mitglied im Beratungsorgan des Europäischen Rates und von 1952 bis 1956 gehörte sie zu den niederländischen Abgeordneten der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl.

Klompé präsentierte sich energisch, pflichtbewusst, informiert, nüchtern, schlagfertig und in ihrem Urteil unabhängig. Ihr selbstbewusstes Auftreten wurde ihr häufig als Machtstreben ausgelegt. Und tatsächlich drang sie in die höchsten Machtsphären vor, als sie 1956 Ministerin für Gesellschaftliche Arbeit (Maatschappelijk Werk) wurde. Damit war sie die erst Frau in einem Ministeramt in den Niederlanden. Sie war sich sehr wohl bewusst, dass dies eine besondere Tatsache darstellte, doch auf der Pressekonferenz beeilte sie sich zu betonen, dass sie ihre Aufgabe nicht auf besonders „weibliche“ Weise ausführen würde. Von Frauenthemen sollte sie dann auch die Finger lassen.

Klompé verschaffte dem erst 1952 gegründeten Ministerium ein gewisses Prestige. Unter Premier Jan de Quay (1959–1963, KVP) setzte Klompé nach eigener Aussage die wichtigste gesetzgeberische Leistung ihrer Ministerinnenlaufbahn durch: Das Allgemeine Sozialgesetz (Algemene Bijstandswet, 1963). Dieses sorgte dafür, dass der niederländische Staat hauptverantwortlich wurde für die Sozialhilfe, die bisher durch die Kirchen und durch private Einrichtungen geleistet worden war. „Ich wollte ein Gesetz schaffen, das jeder Bürger in Anspruch nehmen kann, mit erhobenem Haupt, und durch das er nicht in einer Atmosphäre landet, welche seiner Freiheit und Würde widerspricht“, erklärte sie dazu.

Nach den Wahlen 1963 stellte sie sich nicht mehr für das Ministeramt zur Verfügung. „Ich bin sehr bewusst freiwillig gegangen, denn wenn man sieben Jahre Minister ist, läuft man Gefahr, betriebsblind zu werden“, erklärte sie in einem Interview 1969 rückblickend. Sie blieb Parlamentsmitglied. Als solches erlebte sie 1966 den schwierigsten Moment ihrer politischen Karriere. In der so genannten Nacht van Schmelzer (13. auf 14. Oktober 1966) stimmte sie für den Misstrauensantrag durch den KVP-Fraktionsvorsitzenden Norbert Schmelzer, der das Kabinett unter Premier Jo Cals – einem Freund Klompés – zu Fall brachte. Ihre Parteitreue siegte hierbei über ihre persönlichen Gefühle.

Nach den Wahlen 1967 wurde Klompé noch einmal Ministerin im inzwischen erweiterten Ministerium für Kultur, Rekreation und Gesellschaftliche Arbeit. Für die Akteure der kulturellen Revolution der 1960er Jahre wurde sie damit zur Zielscheibe des Protests. Doch sie zeigte sich verständnisvoll für die neuen Tendenzen in der Gesellschaft. So wurde ihr Weggang vom Ministerium im Juli 1971 von links auch als „Katastrophe für die Kultur“ bezeichnet.

Nach der Politik

1971 beendet Klompé ihre parlamentarischen Aktivitäten. Im gleichen Jahr erhielt sie den Ehrentitel Minister van Staat. Auch hier war sie die erste Frau, der dieser Ehrentitel verliehen wurde. Sie widmete sich fortan der kirchlichen Arbeit, arbeitete für die päpstliche Kommission Justitia et Pax, den niederländischen Kirchenrat und die niederländische Bischofskonferenz.

Mitte der 1980er Jahre wurde bei Klompé die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs gestellt. Sie trat zwar etwas kürzer, doch arbeitete weiterhin fleißig am Schreibtisch. Ihre Schwester Charlot versorgte die Zeit ihres Lebens unverheiratet gebliebene Marga in den letzten Monaten.

Auch heute noch wird die Erinnerung an Marga Klompé in den Niederlanden lebendig gehalten: Nach ihr wurde an der Universität Tilburg ein Lehrstuhl benannt, mehrere Schulen tragen ihren Namen und die Marga Klompé-Stiftung sorgte dafür, dass 2012 eine Büste von Klompé anlässlich ihres 100-jährigen Geburtstages im Parlamentsgebäude aufgestellt wurde. Wieder einmal war Klompé damit die erste Frau: Zuvor gab es dort nur Skulpturen von männlichen Kollegen.

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt: Mai 2013


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Geschichte finden Sie unter Bibliographie

Mostert, Gerard: Marga Klompé 1912-1986, Een biografie, Amsterdam 2011.

Klompé, Marga/Borgman, Erik: In liefde en rechtvaardigheid, het dagboek van Marga Klompé 1948 - 194, Hilversum 2012.

Borgman, Erik/Reisen, Mirjam: De verbeelding van Marga Klompé, perspectieven op de toekomst, Zoetermeer 2012.

Links

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