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Abraham Kuyper

*Maasluis, 29. Oktober 1837 - † Den Haag, 8. November 1920 - niederländischer Politiker (ARP) und Theologe

Kuyper, Abraham
A. Kuyper, Quelle: The American in Holland

Der niederländische Politiker, Theologe und Vielschreiber Abraham Kuyper (1837-1920) hat die niederländische Gesellschaft vom letzten Viertel des 19. Jahrhunderts an vierzig Jahre lang geprägt. Seine Gesellschaftsauffassung war lange bestimmend für die Haltung der orthodox-protestantischen Bevölkerung.

Am 29. Oktober 1837 bekamen ein Pfarrer in Maasluis, Jan Fredrik Kuijper, und seine Frau Henriette Huber einen Sohn, den sie Abraham nannten. 1849 zog die Familie Kuijper nach Leiden um, wo Abraham das Gymnasium und anschließend auch die Universität besuchte. Er studierte Theologie und klassische Sprachen. Beide Studien schloss er mit beachtenswertem Erfolg ab. Trotz eines Nervenzusammenbruchs im Jahre 1862 promovierte er noch im gleichen Jahr in der Theologie.  Außerdem erlangte er in diesem Jahr die Zulassung zum Pfarramt der Niederländischen Reformierten Kirche ("Nederlands Hervormde Kerk").

Nach seinem Studium heiratete er 1863 Johanna Hendrika (Jo) Schaaij, mit der er sich bereits 1858 verlobt hatte. Das junge Paar zog dann zusammen nach Beesd, wo Kuyper eine Pfarrerstelle antrat. Seine Erfahrungen in dieser Gemeinde bewirkten eine Abwendung von der liberalen Theologie, wie er sie in Leiden kennengelernt und vertreten hatte, hin zum strengen Kalvinismus. Kuyper fühlte sich zu den einfachen Gläubigen hingezogen und präsentierte sich alsbald als ihr Vertreter. Obwohl er 1867 zunächst nach Utrecht und dann 1870 nach Amsterdam wechselte, hörte er nicht auf, sich als Vertreter der einfachen Gläubigen gegen vermeintliche Missstände in seiner Kirche zu Wehr zu setzen.

In dieser Zeit begegnete Kuyper auch dem niederländischen Politiker und Historiker Guillaume Groen van Prinsterer, den Kuyper sehr achtete. Beide setzten sich für eine Reformierung der niederländischen Gesellschaft in streng kalvinistischem Sinne ein und beide Männer bekämpften energisch den als Übel ihrer Zeit angesehenen Geist der Französischen Revolution. 1871 übernahm Kuyper einen Posten als Redakteur der Wochenzeitung "De Heraut", welche die orthodoxe Strömung in der Niederländischen Reformierten Kirche repräsentierte. Zwei Jahre später gründete er auch eine eigene Zeitung, "De Standaard", die er nutzte, um seine politische Meinung kundzutun. 1874 wurde er zudem in die Zweite Kammer gewählt. Er konnte aber als Parlamentsmitglied zu seiner großen Enttäuschung nur wenig bewirken. Die Tätigkeit im Parlament und die große publizistische Tätigkeit wurden ihm bald zuviel. Er erlitt 1876 erneut einen Nervenzusammenbruch und musste sich auf längere Zeit im Ausland erholen.

Als Kuyper 1877 in die Niederlande zurückkehrte, nahm er seine publizistische Tätigkeit wieder auf. Sein Parlamentsmandat gab er aber auf, weil er sich stärker kirchenpolitisch engagieren und eine eigene politische Partei aufbauen wollte. Zwei Jahre später erschien das 1300-seitige Programm der neuen Anti-Revolutionären Partei (ARP), das über fünfzig Jahre die Linie der Partei bestimmen sollte. Das erste Ziel war die Schulpolitik, denn Kuyper wollte eine Gleichstellung der christlicher Schulen mit den öffentlichen Schulen erreichen. Dazu wurde eine Petition eingereicht, die von mehr als 300.000 Niederländern unterschrieben worden war.

Auch bereitete Kuyper in dieser Zeit die Gründung einer orthodox-protestantischen Universität vor, die 1880 als "Vrije Universiteit" in Amsterdam eröffnet wurde. Bei dieser Eröffnung hielt Kuyper eine Rede, in der er seine Gesellschaftsauffassung unter dem Titel "Souvereiniteit in eigen kring" (Souveränität im eigenen Kreis) präsentierte. Dabei ging es darum, die Autonomie der Lebenskreise zu beanspruchen. Das bedeutete in der Praxis, dass der Staat sich nicht in den eigenständigen gesellschaftlichen Bereichen der Kirchen, der Schulen, der Wirtschaft und der Familie einmischen sollte, sondern diese unterstützen und ihnen ermöglichen sollte, ihre Probleme selbst zu lösen. Das aktive Austragen dieser Auffassung im Alltag war ein wichtiger Baustein der Gesellschaftsordnung, die man gemeinhin als "Verzuiling" ("Versäulung") andeutet.

Kuyper engagierte sich aber nicht nur politisch, sondern auch in seiner Kirche. Dort führte er eine aufsässige Gruppe an, die in der Niederländischen Reformierten Kirche auf eine orthodoxere Linie drängten. 1886 kam es zu einem Bruch dieser Gruppe mit der Kirche. Diese Gruppe fusionierte 1892 mit einer früheren Abspaltung zur "Gereformeerde Kerken in Nederland" (Reformierte Kirchen in den Niederlanden).

Die ARP avancierte in den 1880er Jahren zu einer bedeutenden politischen Macht. Kuyper begleitete seine Partei außerhalb der Politik als Publizist. Auch als sie 1888 zum ersten Mal in eine Regierungskoalition eintrat, änderte sich daran nichts. Erst 1894 trat er wieder als Parlamentsmitglied an. Obwohl er in früheren Jahren ein großer Gegner des Katholizismus gewesen war, propagierte er zunehmend eine politische "Antithese": er unterschied scharf zwischen "christlicher" (protestantischer óder katholischer) und "unchristlicher" Politik und Parteien und meinte, dass dies für jeden Wähler die fundamentale politische Entscheidung sei. 1901 konnte er dann als Ministerpräsident einer solchen Regierung christlicher Parteien antreten.

Als Premierminister war Kuyper umstritten, da er sowohl innerhalb seiner Regierung als auch nach außen häufig autoritär auftrat. Berüchtigt wurde sein hartes Vorgehen gegen zwei Bahnstreiks im Jahre 1903, als er die Streikenden als Verbrecher bezeichnete und Gesetze verabschiedete, die das Streikrecht stark beschränkten. Auch sehr umstritten war Kuypers Entscheidung, die Erste Kammer 1904 aufzulösen und neu wählen zu lassen, nachdem diese die neue Hochschulgesetzgebung seiner Regierung nicht bestätigen wollte. Kuypers Koalition verlor die Wahlen 1905 und die von ihm erwartete spätere Rückkehr ins Ministerpräsidentenamt misslang. Kuyper hatte die Widerstände gegen seine Person unterschätzt: Als die ARP 1907 wieder an einer Regierungsbildung beteiligt werden sollte, bat Königin Wilhelmina kurzerhand den zweiten Mann der ARP, Theo Heemskerk, die Regierung zu bilden.

Kuyper sah ein, dass seine politischen Ambitionen damit am Ende waren, hörte aber nicht auf, die Politik der Regierung und seiner Partei auf publizistischem Wege zu beeinflussen. Auch als seine alte Koalition 1909 eine Mehrheit bei den Wahlen erreichte, trat Kuyper nicht zur Regierung hinzu. Sein Ruf wurde 1910 durch ein Skandal um eine Ordensverleihung an einen Geschäftsmann, welcher der ARP eine auffällige Spende hatte zukommen lassen, erheblich geschädigt. Ab 1913 war Kuyper noch Mitglied in der Ersten Kammer, bis er 1920 in seinem damaligen Wohnort Den Haag starb und dort auch beerdigt wurde.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Oktober 2007


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Geschichte finden Sie unter Bibliographie

Koch, J.: Abraham Kuyper. Een biografie, Amsterdam 2006.

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