Geschichte - Personen A-Z


Kenau Simonsdochter Hasselaer

*Haarlem, 1526 – † vermutlich auf See, ca. 1589 – Schiffsbauerin, Kämpferin, Legende

Kenau
Radierung von Kenau aus dem Jahr 1573, Quelle: Wikimedia Commons/public domain

Mit kochendem Öl und Wasser, brennendem Pech und Stroh, Steinen und Dachpfannen, Spießen und Schwertern wehrten sich die Bewohner Haarlems 1572 bis 1573 gegen die Belagerung ihrer Stadt durch die Spanier.[1] Auch die Bewohnerinnen Haarlems halfen bei der Verteidigung und Verstärkung der Stadtmauern. Noch heute als „Heldin von Haarlem“ verehrt wird die streitbare Schiffsbauerin Kenau Simonsdochter Hasselaer, Kommandantin einer eigenen Frauenkompanie. Selbst Geschichtsmuffeln ist ihr Name ein Begriff: Noch heutzutage bezeichnen die Niederländer ein „herrisches Mannsweib“ als „ware kenau“.

Eine füllige, grobschlächtige Schnepfe soll Kenau gewesen sein. So ist es zumindest handschriftlich auf einer Radierung von der bewaffneten Kenau vermerkt. „Sie wurde 1573 als mutigste Frau Haarlems gerühmt, doch offensichtlich war sie nicht sehr beliebt“[2], kommentiert Historikerin Els Kloek die historische Quelle in ihrem Buch Kenau & Magdalena. Vrouwen in de Tachtigjarige Oorlog aus dem Jahr 2014. Als Erklärung für Kenaus Unbeliebtheit führt Kloek sehr viele juristische Prozesse an, welche die Haarlemerin gerne gegen säumige Zahler führte und auch häufig gewann.

Witwe und Schiffsbauerin

Kenau wurde 1526 als zweite Tochter von Guerte Coenendochter Hasselaer und Simon Gerritszoon Brouwer geboren. Der Großvater mütterlicherseits war ein reicher Braumeister und zeitweise Beigeordneter des Stadtrates. Der Familienname Hasselaer hatte demnach einiges Gewicht in der Stadt, weshalb ihn die Söhne von Guerte und Simon auch führten. Kenau nannte sich hingegen nur ‚Kenu Simonsdr.‘ – also ohne ‚a‘ und ohne ‚Hasselaer‘. Erst nach ihrem Tod wurde sie zu Kenau Simonsdochter Hasselaer.

1544, mit gerade einmal 18 Jahren, heiratete Kenau Nanning Gerbrantszoon Borst. Er stammte aus einer Haarlemer Schiffbauerfamilie und erbte nach einigen Jahren das elterliche Haus und die Werft. Das Paar bekam drei Töchter und einen Sohn. Anfang des Jahres 1561 starb Nanning. Kenau, damals 35 Jahre alt, setzte den Schiffsbaubetrieb fort. Sie legte Wert darauf, nicht nur die Witwe von Nanning Gerbrantszoon zu sein, sondern darüber hinaus auch Schiffsbauerin. Und die Geschäfte gingen gut. Zwischen 1562 und 1571 hatte die Werft Verträge für den Bau von 16 Schiffen.[3] Während der Belagerung der Stadt 1572/73 kam die Arbeit zum Stillstand. 1573 lieferte Kenau jedoch Holz im Wert von rund 400 Gulden an die Stadt, um eine von vier Galeeren zu bauen, mit denen man die Spanier auf dem Haarlemmermeer bekämpfte. Jahre nach der Belagerung prozessierte Kenau gegen die Stadt, die – anders als versprochen – das Geld für die Holzlieferung nie bezahlt hatte.

Wigbolt Ripperda

Die Belagerung Haarlems im Achtzigjährigen Krieg begann am 3. Dezember 1572 und sollte bis zum 12. Juli 1573 dauern. Die Gefechte zwischen den spanischen Truppen und der in der Stadt stationierten Garnison von rund 3.000 Soldaten unter der Leitung von Wigbolt Ripperda begannen am 10. Dezember. Nach der Kapitulation der Stadt, wurde Ripperda von den Besatzern hingerichtet.

2013, also 440 Jahre nach der Übergabe der Stadt an die Besetzer, stellte Haarlem eine Doppel-Statue von Ripperda und Kenau auf. Rücken an Rücken und mit gezogenen Waffen stehen die beiden bekannten Verteidiger der Stadt nun auf dem Platz vor dem Haarlemer Bahnhof. Dabei blieb Ripperdas Rolle während der Belagerung vage. In den Tagesberichten taucht sein Name im Februar 1573 auf, weil er wegen „negligentie“ bestraft wurde. Man warf ihm vor, dass er die Reparaturen und die Verstärkung der Stadtmauer vernachlässige und die Moral der Bewohner zersetze. Eine zu langweilige Geschichte für die Autoren des Spielfilms Kenau – Heldin van Haarlem, der im März 2014 in die niederländischen Kinos kam. Hier verlieben sich Ripperda und Kenau ineinander, auch wenn sie nie zueinander finden.

Weitbeschreite, herzhaffte Hildin

Kenau und ihre Taten waren immer wieder Stoff für Berichterstatter, Romanschreiber, Maler und andere Künstler, wodurch die Geschichten um sie immer größer und farbiger wurden. Die Kämpferin wurde Legende, weshalb wiederum Mitte des 19. Jahrhunderts Historiker am Wahrheitsgehalt von Kenaus Kampfbeteiligung zu zweifeln begannen.

Inzwischen ist sich die Geschichtsschreibung jedoch sicher, dass Kenau gekämpft hat. Historikerin Els Kloek nennt verschiedene historische Quellen, die von Frauen-Einheiten sprechen, die an der Verteidigung der Stadt beteiligt waren. Sie halfen nachts beim Wideraufbau der über Tag zerschossenen Stadtmauern und verspotteten tagsüber lauthals die spanischen Soldaten. Eine deutsche Quelle spricht von „Weibern und Jungfrauen“, die den Feind mit Dachziegeln und Steinen bewarfen, eine weitere berichtete von den „mannhaften Frauen“, die Ende Mai „sich zu den Schlagen geruest“ auf die Wehrmauer gingen, kochendes Pech auf die Spanier gossen und brennendes Stroh hinterherwarfen. Über Kenau wird berichtet, dass sie immer bewaffnet auftrat.

Beim Namen der Anführerin waren sich die Zeitgenossen nicht ganz sicher. Mal heißt sie ‚Kennau‘, mal ‚Konow‘, oder ‚Kenow‘ . Ein deutschsprachiger Druck aus dem Jahr 1573 spricht von neuen Abbildungen der weitbekannten, mutigen Heldin und Frau Margret von Kennow, Hauptmännin und Oberster Anführerin der Weiber, so sich bei jezwärenden Kriegsläuffen in Hollland, zu einem gutwilligen widerstand gegen den stürmenden Feinden in der belägerten Stat Harleim haben angetragen und erbotten.“[4]

Eine andere Radierung aus demselben Jahr zeigt Capitain Kenou mit dem abgeschlagenen Kopf eines Spaniers (Don Pero) in der rechten Hand (Begleittext siehe untenstehender Kasten). Tatsächlich fielen bei einem Angriff am 31. Januar 1973 mehrere hohe Offiziere, darunter zwei, die als Don Pero infrage kommen: Don Rodrigo Perez und Lorenzo Perea. Letzterer wurde von den Haarlemern mit einem Haken von der Stadtmauer geholt und getötet. Auch die sterblichen Überreste von Perez fielen den Stadtbewohnern in die Hände. Sie verfügten also über die Köpfe der beiden Leichen. Ob Kenau einen der beiden Angreifer enthauptet hat, bleibt unbeweisbar.

Under den Weibern, in Hollandt,
Die Iherenn namen machen becandt
Mitt beschermung Ihres Vater lants
Darmidt es nicht so gar und gants
Von den Spanissen mohrn wert verderben
Drumb sieh ein weib Kennou erworben
Gar wol gemut end sehr behendt
Von der Weibern furt das Regiment

Welch auch frey unne ver zagen
hatt einen Obersten das haup ab slagen.
Don Pero war er genant
Von den Spannischen vol becant
Da er durch Storm wolt lauffenn,
In der Stat Haerlem mit seinen Hauffern.

Begleittext zu einer Radierung von Kenau, ca. 1573, Quelle: Kloek, Els: Kenau & Magdalena. Vrouwen in de Oachtigjarige Oorlog, Nijmegen 2014, S. 138.

Nach der Belagerung

Noch vor der Übergabe Haarlems an die Spanier verließ Kenau die Stadt. Da sie immer wieder vor Gericht zog, kann man ihrer Spur gut folgen. Zwischen 1573 und 1578 wohnte sie in Delft, Arnemuiden und Leiden. In Arnemuiden – wo sie in 16 Gerichtsprozesse verwickelt war – hatte sie dank der Beziehungen ihres Schwagers zum Prinz von Oranien das lukrative Amt des Waagemeisters und Steuereintreibers inne. 1579 kehrte sie nach Haarlem zurück und nahm ihre Arbeit als Schiffsbauerin wieder auf.

Wie Kenau ums Leben kam, ist nicht bekannt. Von einer Seereise nach Norwegen, wo sie Holz einkaufen wollte, kam sie nie zurück. Ihre Töchter behaupteten, ihre Mutter sei von Seeräubern ermordet worden und verklagten – in guter Familientradition – den neuen Eigentümer des Schiffes.


[1] Kloek, Els: Kenau & Magdalena. Vrouwen in de Tachtigjarige Oorlog, Nijmegen 2014, S. 140-141
[2] Kloek, Els: Kenau & Magdalena. Vrouwen in de tachtigjarige oorlog, Nijmegen 2014, S. 157.
[3] Ebd., S. 160
[4] Ebd., S. 181f.

Autorin: Angelika Fliegner
Erstellt: Juli 2014


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Geschichte finden Sie unter Bibliographie

Ekama, Cornelis: Beleg en verdediging van Haarlem in 1572 en 1573, Haarlem 1873.

Kurtz, Gerda: Kenu Symonsdochter van Haerlem, Assen 1956.

Frans Halsmuseum (Hrsg.): Kenau, beeld en werkelijkheid, Haarlem 1973.

Meijer Drees, Marijke: Kenau, De paradox van een strijdbare vrouw, in: Sas, N.C.F. van (Hrsg.): Waar de blanke top der duinen en andere vaderlandse herinneringen, Amsterdam/Antwerpen 1995, S. 42–56.

Kloek, Els: Kenau, De heldhaftige zakenvrouw uit Haarlem (1526-1588), Hilversum 2001.

Kloek, Els: Kenau & Magdalena, Vrouwen in de Tachtigjarige Oorlog, Nijmegen 2014.

Links

Wichtige geschichtliche Links finden Sie unter Institutionen

Die Website des Spielfilms (2014) Kenau

Digitaal Vrouwenlexicon van Nederland Kenau Simonsdr. Hasselaer

Internationaal Instituut voor Sociale Geschiedenis: Wie was Kenau?

Vrouwen- en gendergeschiedenis: Kenau Simonsdr. Hasselaer

Dossier zur Geschichte der Niederlande im 16. bis 18. Jahrhundert


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