Geschichte - Personen A-Z


Hans Calmeyer

*Osnabrück, 23. Juni 1903 - † Osnabrück, 3. September 1972 - deutscher Rechtsanwalt im zweiten Weltkrieg

Calmeyer Bild
Hans Calmeyer, Quelle: Erich Maria Remarque-Friedenszentrum Osnabrück

Der Jurist Hans Calmeyer wurde durch seine Arbeit in einer NS-Entscheidungsstelle in den besetzten Niederlanden bekannt, in der über „zweifelhafte Fälle“ hinsichtlich der von den Nationalsozialisten verfassten Nürnberger Rassegesetzte entschieden wurde. Aufgrund der Vielzahl seiner positiven Beschlüsse, unter anderem mit Hilfe von gefälschten Dokumenten, hatte Calmeyer während des Holocaust vermutlich so viele Juden gerettet wie kaum ein anderer Deutscher.

Hans Georg Calmeyer wurde am 23. Juni 1903 in Osnabrück als dritter Sohn des Richters Rudolf Calmeyer und Elisabeth Abeken geboren. Die Familie zog 1910 nach Gnesen, eine Stadt in der Provinz Posen, nahe der polnischen Grenze. Dort erlebte der 15-Jährige zwischen 1918 und 1919 den deutsch-polnischen Grenzkampf. Im April 1918 fielen seine beiden älteren Brüder im Krieg. Beides waren Ereignisse die sein Leben nachhaltig prägten.

Ab 1922 studierte Calmeyer Rechtswissenschaften an den Universitäten Freiburg, Marburg, München und Jena. In Jena lernte er 1926 Ruth Labusch kennen, die er vier Jahre später heiratete. Der gemeinsame Sohn Peter wurde im September 1930 geboren. Die Familie Calmeyer ließ sich daraufhin in Osnabrück nieder, wo Calmeyer eine eigene Anwaltskanzlei eröffnete.

Bei seiner Arbeit als Rechtsanwalt vertrat Calmeyer unter anderem auch Kommunisten. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde ihm dies als „Betätigung im kommunistischen Sinne“ vorgeworfen. Ein Mandant beschuldigte ihn als „Vertrauensmann der äußersten Linken und des Linksradikalismus“. Daraufhin entzog ihm das preußische Justizministerium nach eingehender Prüfung im August 1933 die Anwaltszulassung. Knapp ein Jahr später erlangte Calmeyer seine Wiederzulassung, blieb jedoch nach eigenen Aussagen im Visier der Gestapo. 1939 meldete er sich zur Wehrmacht, wo er zunächst in einer Luftnachrichteneinheit in Osnabrück, ab Mai 1940 in einer Luftnachrichtenkompagnie in den Niederlanden eingesetzt wurde.

Im Dezember 1940 wurde Calmeyer von Dr. Carl Stüler, Leiter der Hauptabteilung „Inneres“ im Reichskommissariat, für die Arbeit in der Abteilung 5a „Innere Verwaltung“ angefordert. Calmeyer und einige von ihm ausgewählte Mitarbeiter entschieden hier über Anträge der niederländischen Bevölkerung, die sich anfänglich als Juden hatten registrieren lassen, nun aber ihre Abstammung anzweifelten und erneut prüfen lassen wollten. Bei einem „positiven“ Beschluss, der eine Person zu einem „Mischling“ oder sogar „Arier“ erklärte, konnte diese vor der sicheren Deportation gerettet werden. In der Zeit zwischen 1941 und 1945 bearbeitete die Entscheidungsstelle um Calmeyer rund 7.000 „Abstammungsverfahren“. Über die Hälfte der Verfahren wurde „positiv“ entschieden. Historiker gehen davon aus, dass über 90 Prozent dieser Abstammungsnachweise gefälscht waren. Dieses nachträgliche „Arisieren“ wurde schon damals hinter vorgehaltener Hand „Calmeyern“ genannt. Calmeyer selbst sprach nach dem Krieg von dem Versuch, „ein Rettungsfloß zu bauen”.

Für die Realisierung der positiven Beschlüsse waren Calmeyer und seine Mitarbeiter auch auf die Hilfe von niederländischen Pfarrern und Standesbeamten angewiesen. Diese fälschten Abstammungsdokumente und machten Falschaussagen. Die Entscheidungsstelle ließ sich dann wissentlich täuschen. Den positiven Entscheiden standen jedoch auch eine Vielzahl von Ablehnungen gegenüber – Grund dafür war meist ein fehlender glaubwürdiger Nachweis. Das Risiko aufzufliegen war stets allgegenwärtig, jeder Fall musste dementsprechend abgewogen werden. Die Entscheidungsstelle Calmeyer bewegte sich stets innerhalb des Spielraums, den ihnen das NS-Recht einräumte.

Die Vorstellung, nicht genug getan zu haben, ja auch ein Teil der „Vernichtungsmachinerie“ gewesen zu sein, trieb Calmeyer nach dem Krieg in Depression und Selbstvorwürfe. 1965 schrieb er: „Ich bin mit mir, vor allem aber mit unser aller Schuld und unser aller Versagen bis heute nicht fertig geworden.“

Am 3. September 1972 verstarb Calmeyer in Osnabrück an einem Herzinfarkt. 1992 wurde ihm für die Rettung von mindestens 3.000 Juden vom Staat Israel posthum die „Yad Vashem“-Medaille (Gerechter unter den Völkern) verliehen. 1995 ehrte ihn die Stadt Osnabrück mit ihrer höchsten Auszeichnung, der Möser-Medaille.

Autor: Paul Hegers
Erstellt: Januar 2015


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Geschichte finden Sie unter Bibliographie

Castan, Joachim/Schneider, Thomas F.: Hans Calmeyer und die Judenrettung in den Niederlanden, Göttingen 2003.

Frijtag Drabbe Künzel, Geraldien von: Het geval Calmeyer, Amsterdam 2008.

Middelberg, Mathias: Judenrecht, Judenpolitik und der Jurist Hans Calmeyer in den besetzten Niederlanden 1940-1945, Göttingen 2005.

Niebaum, Peter: Ein Gerechter unter den Völkern. Hans Calmeyer in seiner Zeit (1903-1972), Bramsche 2003.

Niebaum, Peter: Hans Calmeyer-ein „anderer Deutscher“ im 20. Jahrhundert, Berlin 2011.

Links

Wichtige geschichtliche Links finden Sie unter Institutionen

Zur Website des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums

Zur Website der Hans Calmeyer-Initiative e.V.


  • RSS-Feed
  • Facebook
  • Twitter
  • RSS-Feed

Impressum | © 2015 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel.: +49 251 83285-16 · Fax: +49 251 83285-20
E-Mail: