Geschichte - Personen A-Z


Die Vier von Breda

seit 1966: Drei von Breda, seit 1979: Zwei von Breda - Kriegsverbrecher

Ferdinand Hugo aus der Fünten
Ferdinand Hugo aus der Fünten, einer der "Vier von Breda", Quelle: NA (922-7275)

Bei den „Vier von Breda“ handelt es sich um vier verurteilte deutsche Kriegsverbrecher, die nach dem Zweiten Weltkrieg eine lebenslange Haftstrafe in der Gefangenenanstalt im niederländischen Breda verbüßten.

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Besatzungszeit in den Niederlanden wurden ca. 7.000 Niederländer im Namen von fünf Sondergerichthöfen mit der Untersuchung von Kriegsverbrechen sowie mit Verhaftung und Verhör belasteter Personen beauftragt. Um diese enorme Aufgabe bewältigen zu können, musste die Zahl der potentiellen Prozesse im Wesentlichen auf die Täter ‚schwererer‘ Delikte begrenzt werden, so dass die sog. ‚leichteren Fälle‘ (z. B. reine SS- oder NSB-Mitgliedschaft) in der Regel ohne ein Gerichtsverfahren aus der Haft freigelassen wurden. Zudem weitete der Staat die Kriterien für die Zugehörigkeit zu den ‚leichteren Fällen‘ aus, was die Zahl der zu Verurteilenden noch weiter herabsetze. So wurden bis Ende der 40er Jahre fast die Hälfte aller Internierten aus der Haft entlassen.

Seit 1947 existierte eine staatsrechtliche Grundlage, die eine Verurteilung deutscher Kriegsverbrecher in den Niederlanden ermöglichte. Zwischen 1947 und Ende 1951 wurden von den niederländischen Sondergerichtshöfen dementsprechend 15.000 Urteile gegen belastete Niederländer und deutsche Kriegsverbrecher gefällt. Die Strafen fielen im Durchschnitt hoch aus, da es sich bei den Personen, nach Entlassung der ‚leichteren Fälle‘, um schwerbelastete handelte. Gleichzeitig war allerdings auch zu erkennen, dass die Urteile mit wachsendem Abstand zum Krieg milder ausfielen. So kam es zu insgesamt 154 Todesurteilen, von denen letztendlich 40 auch tatsächlich vollstreckt wurden – darunter auch Anton Mussert, der ‚Leider‘ der niederländischen nationalsozialistischen Partei NSB

Von den insgesamt 55.000 Personen, die im Laufe der Besonderen Rechtsprechung zu Haftstrafen verurteilt wurden, profitierten besonders die leichteren Fälle, da sie aufgrund mehrerer Begnadigungswellen und Haftzeitverkürzungen relativ kurze Haftzeiten abzusitzen hatten. Zudem wurde es zu einer allgemeinen Regel, selbst für ‚größere‘ Delinquentengruppen wie Kollaborateure und Kriegsverbrecher, das letzte Drittel der Haftstrafen nach Verbüßung von zwei Dritteln zur Bewährung auszusetzen. Diese Strafmilderungen beinhalteten allerdings, besonders im Fall von Gewaltverbrechen, keine Rücknahme oder Abmilderung der ausgesprochenen Strafurteile. Anfang 1952 gab es in den Niederlanden noch 1.000 inhaftierte Verurteilte, 1964 hatte sich ihre Zahl auf vier deutsche Kriegsverbrecher reduziert. Die letzten beiden deutschen Kriegsverbrecher wurden erst 1989 aus der Haft entlassen. Am Schicksal dieser vier deutschen Kriegsverbrecher sollte sich in den Niederlanden bis 1989 immer wieder eine, nicht selten emotional geführte Diskussion um Gerechtigkeit, Schuld, Strafe und Begnadigung entzünden. Es handelte sich um:

Franz Fischer

*geb. 10. Dezember 1901 in Bigge, †19. September 1989 in Bigge-Olsberg, SS-Sturmbannführer
Fischer, Sohn einer streng katholischen Familie aus einer sauerländischen Kleinstadt trat nach Wehrdienst und kurzer Tätigkeit in einem Finanzamt ab 1922/23 in den Polizeidienst bei der Kriminalpolizei Bochum ein. 1937 wechselte er zur Düsseldorfer Gestapo. Obwohl politisch weitgehend unambitioniert, trat er 1933 der NSDAP bei. Unmittelbar nach dem Überfall auf die Niederlande wurde Fischer in die Außenstelle der Sicherheitspolizei und des SD nach Utrecht berufen. Im November 1940 nach Den Haag versetzt, arbeitete er im berüchtigten Judenreferat IV-B4 an der Deportation und Aufspürung von Juden und jeglichen Personen, die sie versteckten, mit. Hier fiel er aufgrund einer besonders sadistischen Verfahrensweise bei der Durchführung der Judendeportationen auf. Fischer wurde im März 1949 von einem Sondergericht in Den Haag zu lebenslanger Haft verurteilt, 1950 erfolgte die Urteilsaufhebung und Aussprache des Todesurteil durch ein Kassationsgericht, 1951 wurde die Todesstrafe wiederum in lebenslange Haft abgeändert.

Ferdinand Hugo aus der Fünten

*geb. 17. Dezember 1909 in Mühlheim a. d. Ruhr, †19. April 1989 in Duisburg, SS-Hauptsturmführer
Aus der Fünten, seit 1932 NSDAP-Mitglied, war zunächst Mitarbeiter des Judenreferats des Reichssicherheitshauptamts unter Adolf Eichmann. 1941 wurde er Leiter der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam und unterstand in dieser Funktion lediglich dem Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD Den Haag, SS-Gruppenführer Wilhelm Harster. Aus der Fünten spielte eine bedeutende Rolle bei der Registrierung und Verhaftung niederländischer Juden. Er war an ihrer Deportation über Westerbork in die osteuropäischen Vernichtungslager maßgeblich beteiligt und soll in diesem Zuge auch Kranke und geistig Behinderte zur Deportation freigegeben haben. Am 12. Juli 1950 in den Niederlanden zum Tode verurteilt, wurde seine Strafe am 04. Januar 1951 zu lebenslänglicher Haft abgemildert.

Johann Josef Kotalla

*geb. 14. Juli 1908 in Bismarckhütte, †31.07.1979 im Gefängnis von Breda, SS-Oberscharführer
Kotalla ab September 1942 inoffizieller Lagerführer des Schutzhaftlagers im Polizeilichen Durchgangslager Amersfoort. Er vertrat mitunter den Lagerkommandanten Karl Peter Berg und war unter Gefangenen als unberechenbarer, cholerischer und sadistischer Unmensch gefürchtet, der offenbar einen besonderen Hass gegen Juden und Priester hegte. 1948 zum Tode verurteilt, wurde seine Strafe später zu lebenslänglicher Haft abgemildert.

Willy Paul Franz Lages

*geb. 05. Oktober 1901 in Braunschweig, † 02. April 1971 in Braunlage/Harz, SS-Sturmbannführer
Der 1901 in Braunschweig geborene Lages wurde 1941 zum Leiter des Sicherheitsdienstes in Amsterdam ernannt. Ab 1941 leitete er die Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam und war somit mitverantwortlich an der Deportation niederländischer Juden in die Konzentrationslager. Er hatte Anteil an der Verhaftung und Erschießung des niederländischen Widerstandsleiters Johannes Post und der bekannten niederländischen Widerstandsaktivistin Hannie Schaft (17. April 1945). Auch Lages Urteil lautete zunächst Todesstrafe und wurde kurze Zeit später zu einer lebenslangen Haftstrafe abgewandelt. 

Autor: Christian Kuck
Erstellt: Oktober 2011


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Geschichte finden Sie unter Bibliographie

Fühner, H.: Nachspiel. Die niederländische Politik und die Verfolgung von Kollaborateuren und NS-Verbrechern, 1945–1989, Münster 2005

Fühner, Harald / Wielenga, Friso: Leiden als Haftgrund – Diskussionen um die Drei von Breda, in: Deutschland – Niederlande. Heiter bis wolkig. Begleitbuch zu Ausstellung, Bonn 2000, S. 42–45

Piersma, Hinke: De drie van Breda. Duitse oorlogsmisdadigers in Nederlandse gevangenschap 1945–1989, Amsterdam 2005

Rüter, C.F.: Enkele aspecten van de strafrechtelijke reactie op oorlogsmisdrijven en misdrijven tegen de menselijkheid, Amsterdam 1973

Links

Wichtige geschichtliche Links finden Sie unter Institutionen

Mehr Informationen im Dossier Die Verfolgung von NS-Verbrechern


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