Geschichte - Personen A-Z


Alfred Mozer

*München, 15. März 1905 – †Arnheim, 12. August 1979 - deutsch-niederländischer Europa-Politiker und einer der Väter der EUREGIO

Alfred Mozer
Alfred Mozer, Quelle: EUREGIO

Alfred Mozer wurde am 15. März 1905 in München geboren. Zu dieser Zeit arbeitete sein aus Ungarn stammender Vater in der Handschuhfabrik Roekl, seine Mutter, Johanna Wagner, war Deutsche und trugt als Heimnäherin zum Familienunterhalt bei. Nach dem Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie nahm Alfred Mozer die deutsche Staatsbürgerschaft an.

Im Anschluss an seine Schulzeit absolvierte Mozer von 1919 bis 1922 erfolgreich eine Schneiderlehre. Da ihr Ende in die Hochzeit politisch-gesellschaftlicher Unruhen in München und Bayern (Räterepublik, Hitlerputsch) und allgemeiner Arbeitslosigkeit fiel, fand er zunächst keine Anstellung. Nach einer mehrmonatigen Wanderschaft schlug er sich in München mit Gelegenheitsarbeiten durch.

Mozers Vater war Mitglied der SPD und der Gewerkschaft. Mozer selbst gehörte der Sozialistischen Arbeiterjugend an, für deren Mitgliederzeitschrift er erste Artikel schrieb. 1924 führte ihn die Arbeit in eine Textilfabrik ins hessische Kassel, wo ein Journalist der linken Tageszeitung Kasseler Volksblatt auf ihn aufmerksam wurde und ihm eine Anstellung bei der Zeitung vermittelte.

Ab 1928 war Mozer Hauptredakteur des Emdener SPD-Blattes Der Volksbote. In dieser Funktion, aber genauso als SPD-Mitglied und Stadtrat, schrieb er in scharfen Aufsätzen und Reden gegen Hitler und das Ende der Weimarer Republik an.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und nach dem Reichstagsbrand 1933 musste Der Volksbote sein Erscheinen einstellen. Hitlers Kampforganisation SA sorgte dafür, dass Mozer in Untersuchungshaft kam. Der konservative Wehrverband Stahlhelm befreite ihn, wenn auch weniger aus Sympathie für ihn, sondern mehr, um mit der SA eine offene Rechnung zu begleichen. Nun – höchst gefährdet – suchte Mozer nach Möglichkeiten, aus Deutschland zu fliehen.

Bereits seit Jahren pflegte Mozer Verbindungen zu sozialdemokratischen Kreisen im nahegelegenen niederländischen Groningen. Ein dortiger Parteifreund, Herman Molendijk, half ihm bei seiner Flucht über die Grenze bei Ter Apel und organisierte erste Unterkünfte und Verbindungen.

Unverzüglich wurde Mozer politisch tätig. Er begriff sich als Aufklärer und warnte vor dem Nationalsozialismus. Auf einem Pfingstreffen der sozialdemokratischen Partei wurde Koss Vorrink, der Vorsitzende der niederländischen Jungsozialisten, auf Mozer aufmerksam und bot ihm die Mitarbeit in einer gewerkschaftsnahen Organisation in Amsterdam an, die sich um die Hilfen für deutsche Flüchtlinge kümmerte.

Mozers Amsterdamer Jahre waren vom Kampf gegen Hitler geprägt. Er hielt Kontakt zu in Deutschland im Untergrund arbeitenden Parteigenossen. Seine spätere Ehefrau, die Niederländerin Ali Ebbinge, war als Kurier verbotener Schriften, geheimer Dokumente und Erfahrungsberichte tätig. Dies alles machte Mozer zu einem intimen Kenner der Zustände im Dritten Reich. Unter den Pseudonymen Walter Lemkering und Alfred Bayer informierte er die Leser des linken, niederländischen Blattes Socialisme & Democratie und der deutschen Exilzeitung Freie Presse darüber.

Während der Besetzung der Niederlande versuchte Mozer vergeblich nach England beziehungsweise nach Frankreich zu flüchten. Eine niederländische Familie bot ihm im unweit von Rotterdam gelegenen Dorf Poortugaal auf dem Gelände einer psychiatrischen Klinik für die meiste Zeit der fünf Jahre dauernden Besatzung ein sicheres Versteck. Mozer nutzte diese Jahre der Isolation dazu, seine politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gedanken für eine Nachkriegsgesellschaft niederzuschreiben. Während der letzten Monate ermöglichten ihm falsche Identitätspapiere die Mitarbeit an der illegalen Tageszeitung De Kieuwelander. Nach der Befreiung veröffentlichte er dort seine Forderungen nach einem freien, friedlichen, antinationalistischen und sozialen Europa. In der letzten, im Juni 1945 erschienenen Ausgabe bedankte er sich für all die Hilfen, die ihm die niederländische Gesellschaft in den letzten Jahren zuteilwerden ließ und schloss mit dem Bekenntnis: „ik hou van Holland“ (dt. „Ich liebe Holland“)[1].

Mitte 1945 knüpfte Mozer in Amsterdam an seine alten Verbindungen zur niederländischen Sozialdemokratie an. 1946 wurde er Mitglied der Partij van de Arbeid und wirkte als Hauptredakteur bei der Parteizeitschrift Paraat.

Eine Rückkehr nach Deutschland, wo man ihm 1936 die Staatsbürgerschaft aberkannt hatte, kam für ihn nicht in Frage. Dennoch widmete er der Aussöhnung und dem Neuanfang zwischen Deutschland und den Niederlanden seine ganze Kraft. Sobald es möglich war, reiste er nach Deutschland. Obwohl er Sozialist war, baute er eine enge Verbindung zum Vorsitzenden der CDU in der britischen Besatzungszone auf – dem späteren ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer. 1948 berief ihn die niederländische Partij van de Arbeid zu ihrem Sekretär für internationale Beziehungen. 1950 wurde ihm auch aufgrund seiner Verdienste in der Widerstandsbewegung ehrenhalber die niederländische Staatsbürgerschaft verliehen.

Acht Jahre später wurde Mozer im Zuge der Gründung der Europäischen-Wirtschafts-Gemeinschaft vom ersten Landwirtschaftskommissar, dem Niederländer und langjährigen Parteifreund Sicco Mansholt, als Privatsekretär nach Brüssel berufen. Mozers unkonventionelle, unbürokratische, sich über Partei- und Ländergrenzen hinwegsetzende Arbeitsweise wurde äußerst geschätzt. Die Ehrungen für sein lebenslanges Eintreten für Europa, mit denen er anlässlich seiner Pensionierung im Jahre 1970 bedacht wurde, zeigten dies: Die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft verlieh ihm den Titel „Honorargeneraldirektor der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft“, die niederländische Königin schlug ihn zum Ritter des Ordens des niederländischen Löwen und der deutsche Bundespräsident dankte ihm sein Engagement mit dem Großen Bundesverdienstkreuz.

Seit 1958 hatten einige Städte und Gemeinden im deutsch-niederländischen Grenzgebiet zahlreiche Versuche unternommen, grenzüberschreitend wirtschaftlich, politisch und kulturell zusammenzuarbeiten. 1971 wurde Alfred Mozer zum ersten Vorsitzenden des dafür gegründeten Rates gewählt, der seitdem seinen Namen trug. Sieben Jahre später ging aus ihm der sogenannten EUREGIO-Rat hervor.

Heute umfasst die EUREGIO eine Fläche von rund 130.000 Quadratkilometern. 3,4 Millionen Einwohner in 130 Städten, Gemeinden und Landkreisen leben das gewinnbringende, nationenüberwindende Projekt eines geeinten Europas, von dem Alfred Mozer immer geträumt hat. Auf niederländischer Seite zählen die Regionen Achterhoek, Twente sowie zahlreiche Gemeinden der Provinzen Overijssel und Drenthe dazu. In Deutschland sind es die Landkreise Grafschaft Bentheim, Osnabrück sowie Teile des Landkreises Emsland und in Nordrhein-Westfalen das gesamte Münsterland.

Alfred Mozer starb am 12. August 1979 in Arnheim. 1985 eröffneten die niederländische Königin Beatrix und ihr Mann Prinz Claus die EUREGIO-Geschäftsstelle am Grenzübergang Gronau-Enschede. Im Andenken an ihren geschätzten Freund und Berater überreichte Königin Beatrix der Institution eine eigenhändig von ihr geschaffene Bronzebüste von Alfred Mozer.

Sein umfangreicher Nachlass (Korrespondenz, Vorträge und journalistische Arbeiten) wird, wie eine ebenfalls große Sammlung an Sekundärliteratur, im Internatioaal Instituut voor Sociale Geschiedenis (IISG) in Amsterdam aufbewahrt.


[1] Mozer, Alfred: Rekenschap en Dank. In: De Kieuwelander Nr. 79/80 vom 9. Juni 1945 (zu finden in: IISG, archief Mozer, Inv. Nr. 24)

Autorin: Veit Johannes Schmidinger
Erstellt: Juli 2014


Literatur

Bibliographischen Angaben zum Thema Geschichte finden Sie unter Bibliographie

Mozer-Ebbinge, A./Cohen, R. (Hrsg.): Alfred Mozer – gastarbeider in Europa, Zutphen 1980.

Metzemaekers, L.V.A.: Alfred Mozer – Hongaar, Duiser, Nederlander, Europeaan, Den Haag 1970.

Wielenga, Friso: Alfred Mozer: Europeean en democraat. In: Het twaalfde jaarboek voor het democratisch socialisme, Amsterdam 1991, S. 132-164.

Weller, P.J.: Alfred Mozer (1905-1979) – Portret van een strijdvaardig Europeaan (Bachelorarbeit), Universität Leiden, 2010.

Links

Wichtige geschichtliche Links finden Sie unter Institutionen

Informationen zum Verhältnis zwischen deutschen und niederländischen Sozialdemokraten seit 1945 finden sich in unserem Dossier Beziehungen nach 1945

Mehr zur Geschichte deutscher Künstler im niederländischen Exil in unserem Dossier Transit Niederlande

Das Archiv von Alfred Mozer befindet sich beim International Institute of Social History

Bei der Euregio in Gronau ist die älteste Arbeitsgruppe nach Alfred Mozer benannt: EUREGIO-Mozer-Kommission


  • RSS-Feed
  • Facebook
  • Twitter
  • RSS-Feed

Impressum | © 2015 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel.: +49 251 83285-16 · Fax: +49 251 83285-20
E-Mail: