Die Niederlande und das Wasser
VII. „Das Wasser kam wie eine Mauer auf uns zu“ - Die Sturmflut
von 1953
VII. „Das Wasser kam wie eine Mauer auf uns zu“ - Die Sturmflut von 1953
1953 ertranken in Seeland beinahe zweitausend Menschen in einer Sturmflut
Die Nordsee war hinterhältig in jener Nacht des 31. Januars 1953. Nicht von der Seeseite her kam sie, um sich das Land wiederzuholen, das ihr die Menschen über Jahrhunderte abgetrotzt hatten. Die Nordsee kam durch die Hintertür – über Maas und Rhein, deren Flussdeiche viel niedriger waren als die hoch ausgebauten Dämme am Meer.
Nur ein seltenes Zusammenspiel von Wetter und Gezeiten konnte es
vollbringen, weite Teile der Niederlande zu überschwemmen: Für jenen
Sonnabend kündigte der Gezeitenkalender eine Springflut an, zudem „tobte
der schwerste Sturm, an den ich mich erinnern kann“, sagt Piet Gelhoed,
der damals neun Jahre alt war. Der Nordwestorkan drückte die Nordsee
mit der Kraft von 150 Stundenkilometern in die Flussmündungen. „Als
abends Ebbe war, stand das Wasser am Kai so hoch wie sonst nur bei
Flut“, erinnert sich Gelhoed. In der Nacht stieg die Flut in Seeland auf
das Doppelte der normalen Höhe, an 60 Stellen brachen die Flussdeiche.
Über 70.000 Menschen verloren ihre Häuser
„Das Wasser kam wie eine Mauer auf uns zu“, sagt Nelleke Verboom-Van Dienst, die sich damals gerade noch auf einen Dachboden retten konnte. Am Morgen des 1. Februar hatte es eine Fläche anderthalbmal so groß wie Berlin überschwemmt. 1 835 Menschen starben, 70 000 weitere verloren ihre Häuser, 200 000 Tiere ertranken. An diese Katastrophe erinnerten noch 2003 zahlreiche Veranstaltungen in den Niederlanden. Dutzende von Büchern erschienen zum nationalen Gedenktag 1. Februar, mehrteilige TV-Dokumentationen wurden ausgestrahlt und ein eigens komponiertes Requiem "1953" erinnerte in vielen Kirchen an die Toten.
„Das ist die letzte Gelegenheit gewesen, diesem Ereignis den
Stellenwert zu geben, den es verdient“, sagt Albert Holland, der die
Gedenkveranstaltungen seinerzeit koordinierte. Er meint damit nicht nur,
dass am 75. Jahrestag nur noch wenige Augenzeugen leben werden. Viel
wichtiger sei, dass sich die Seeländer erst seit einigen Jahren erinnern
wollten. „Noch vor zehn Jahren weigerten sich die Menschen, darüber zu
sprechen“, sagt Verboom-Van Dienst, die als Ehrenamtliche in einem
Sturmflut-Museum arbeitet, das 2001 gegründet wurde. Im streng
calvinistischen Seeland sahen viele in der Flut eine von Gott auferlegte
Prüfung, der man sich eben stellen musste.
Todesangst vor Wasser
„Dabei ist es unvorstellbar, was die Menschen mitgemacht haben“, sagt Holland. Wie zum Beispiel Herbert Smit, der drei Tage auf einem Dachboden ausharrte: „Die Todesangst vor Wasser, die Angst zu ertrinken, habe ich nie verloren. Die Bilder von all dem toten Vieh und den herumtreibenden Möbeln sind wie in die Netzhaut eingebrannt.“
Andere Folgen der Flut sind für jeden sichtbar und eine technische
Meisterleistung: Die niederländische Regierung hat das Mündungsdelta von
Rhein und Maas komplettumbauen lassen und damit die Küstenlinie um 700
Kilometer verkürzt. Dort, wo die Nordsee 1953 ungehindert in die
Meeresarme drücken konnte, stellen sich heute mächtige Dämme und
Flutwehre den Wellen entgegen: die Delta-Werke, die damals fünf
Milliarden Euro kosteten.
Weltwunder Delta Werk
Am bekanntesten ist das Osterschelde-Sperrwerk, das bei Sturmflut das komplette Mündungsdelta von der Nordsee abschneidet. Manche feiern dieses fünf Kilometer lange Bauwerk, das erst 1986 fertig wurde, als Weltwunder. Den Seeländern hat es größtenteils die Angst genommen, doch ein Restrisiko bleibt. Alle 4 000 Jahre, so die Statistik, droht eine Sturmflut, gegen die auch die riesigen Stahltore des Wehres nichts ausrichten können.
Den Ort Capelle betrifft das längst nicht mehr. Er war den Fluten im Weg, die noch Monate nach der Katastrophe zweimal am Tag durch ein hunderte Meter breites Loch kamen. Hilfe kam schließlich aus der Normandie, wo die Alliierten zehn Jahre zuvor Hafenanlagen aus schwimmenden Betonkästen gebaut hatten, um ihre Truppen an Land zu bringen. Diese hochhausgroßen Caissons wurden an der Schelde recycelt: Die Wasserbauingenieure versenkten sie vor den kaputten Deichen und schufen so einen neuen Schutzwall gegen die See. Das Land, auf dem Capelle lag, ist jedoch verschwunden. Drei tiefe Löcher hat die Flut dort hinterlassen. Unter dem nahe gelegenen Deich ist genug Wasser durchgequollen, um sie für immer zu füllen. Hier hat die Nordsee gewonnen und das Land zurückgeholt.
Autor: Christoph Podewils
Erstellt: Juni 2005
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