Geographie der Niederlande


VII. Grenzregionen: Anfahrtsrouten in die Niederlande

Die Niederlande und Deutschland sind Anliegerstaaten. Die beiden Länder haben aufgrund dessen mehr Berührungspunkte miteinander, als mit anderen europäischen Ländern, die keine unmittelbaren Nachbarn sind. Aufgrund dieser Lage ist man in Grenzgebieten dazu gezwungen, miteinander zusammen zu arbeiten, ob es nun um grenzüberschreitende Verkehrsverbindungen, Entwässerung oder Raumordnungsprobleme geht. Auch die Bevölkerung beider Länder steht mehr in Verbindung miteinander, als wenn sie nicht unmittelbar nebeneinander wohnen würden: die Nähe hat Verwandtschaften über die Grenze hinweg gefördert, sie hat Freundschaftsverbindungen erleichtert, sie trägt zur Entwicklung wirtschaftlicher Verbindungen bei. Allerdings beschränken sich diese besonderen Verknüpfungen auf die direkten Grenzgebiete beider Länder; für mehr landeinwärts liegende Landesteile hat das Nachbarland keine spezifische Bedeutung.

Die Niederlande besitzen in Deutschland aus diesem Grund in den westlichen Teilen von Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen eine Sonderstellung. Für die Einwohner der Oberpfalz oder Vorpommerns fehlt diese besondere Anbindung jedoch. Dort sind Tschechien bzw. Polen die Nachbarländer. Für die Niederlande trifft das gleiche zu; jedoch mit folgendem Unterschied: die bevölkerungsreichste und politisch wie wirtschaftlich wichtigste Region der Niederlande, die Randstad Holland, liegt nach niederländischer Auffassung weit von der Grenze zu Deutschland entfernt und ist deswegen nicht vom besonderen Verhältnis zu Deutschland betroffen.

Kontaktgebiete zu Deutschland sind Peripherräume (nicht nur geographisch, sondern insbesondere auch wirtschaftlich), deren Einfluss auf den Gesamtraum der Niederlande eher bescheiden ist. Obwohl die Niederlande wirtschaftlich stark mit Deutschland verbunden sind, ist die durch Grenznähe bedingte Verknüpfung also beschränkt.

Rheinachse

Die wichtigste Anfahrtsroute von Deutschland in die Niederlande ist die Rheinachse. Als wichtigste Wasserverbindung bis Basel existiert sie schon seit Jahrhunderten. Heutzutage verbindet eine Autobahn rechts und links des Rheinlaufs zusätzlich beide Länder, rechtsrheinisch liegt bei Elten der wichtigste Grenzübergang. Die älteste internationale Eisenbahnverbindung der Niederlande führt rechts des Rheins auf Deutschland zu. Die Verkehrsverbindungen in der Rheinachse haben für die Niederlande vor allem nationale Bedeutung: der größte Seehafen der Welt, Rotterdam, der ebenfalls für viele Güter der wichtigste Hafen für Deutschland ist, wird entlang der Rheinachse mit dem bedeutendsten Ballungsgebiet Deutschland, dem Ruhrgebiet, verbunden. Für Deutschland als Ganzes stellt die Rheinachse aus dem zuvor erwähnten Grund eine wichtige Verbindung dar, für die Niederlande hat sie eine herausragende Bedeutung. Die Hauptverbindung zwischen beiden Ländern ist also für die Niederlande wichtiger als für Deutschland.

Die für die niederländische Wirtschaft seit Jahrhunderten stetig zunehmende Bedeutung der Rheinachse war für die Niederlande (insbesondere Holland) Grund genug, diese als strategische Verbindung zu kennzeichnen und möglichst viel Einfluss auf die Rheinachse und deren Ufer auszuüben. Diese Achse – inklusive der wichtigsten Rheinarme in den Niederlanden (Waal und Merwede) – wurde immer wieder mit militärischen und wirtschaftlichen Garnisonen holländischer Prägung versehen und wurde zum Vorteil Hollands den Erfordernissen der Schifffahrt angepasst. Die Gabelung des Rheins an der Grenze zog insbesondere die Aufmerksamkeit der Holländer auf sich. An dieser Gabelung wurde Schenkenschans gebaut, das den wichtigsten Bestandteil der von Prinz Moritz im 16. und 17. Jahrhundert mit vielen militärischen Befestigungen ausgebauten Verteidigungslinie Hollands bildete. Dazu gehörten zudem die Städte an der IJssel, wie Deventer, Zutphen und Doesburg, sowie die Städte Gorinchem, Zaltbommel und Nimwegen entlang der Waal. Aber auch Emmerik (Emmerich), Rees, Orsoy, Burik (Büderich) und Rijnberk (Rheinberg), wie Schenkenschans (Schenkenschanz) zum Herzogtum Kleve gehörend, wurden zeitweilig einbezogen.

Als im 18. Jahrhundert die Rheinschifffahrt weiter an Bedeutung gewann, wurde auf holländische und geldrische Initiative der Rheinlauf begradigt und durch den Bau des Bijlands Kanaal und des Pannerdens Kanaal die Gabelung etwa 20 Kilometer in den Westen verlegt. Mit dem Wiener Kongress 1815/16 konnte so die Festung Schenkenschanz großzügig an den östlichen Nachbarn Preußen zurückgegeben werden. Bis heute erinnert die Bevölkerung von Schenkenschanz an die niederländische Zeit, denn im Gegensatz zu ihrer Umgebung ist diese bis heute protestantisch geblieben. Die Bedeutung der Rheinachse und insbesondere dieses Grenzgebietes für die Niederlande zeigte sich erneut im 19. Jahrhundert, als sich mehrere niederländische Industriebetriebe in Grenzstädten, wie Kleve und Emmerich am unteren Niederrhein niederließen. Die anwachsende Bevölkerung im Ruhrgebiet konnte von dort aus besser als aus dem Nachbarland bedient werden, da mit der Industrialisierung ebenfalls die Zollgrenzen errichtet wurden. Die Ansiedlung niederländischer Industrieunternehmer im preußischen Grenzgebiet stellte erneut eine Einflussnahme der Niederländer auf das preußische Grenzland dar.

Der Zweite Weltkrieg bedeutete eine Unterbrechung der niederländischen Vorherrschaft im deutschen Grenzgebiet. Die Gebietsansprüche der Niederlande auf deutsches Territorium konzentrierten sich nach dem Krieg nicht nur auf die Rheinachse. Das endgültige Ergebnis aus dem Jahr 1949 zeigt jedoch ein anderes Bild: von den kleinen Grenzbegradigungen stellt das an die Niederlande gefallene Gebiet des Eltenbergs die zweitgrößte (nach dem Selfkant bei Gangelt) Veränderung an der Grenzlinie dar. Außerdem hatte es nach damaligen Ansichten aufgrund der Berglage am Flussrand eine erhebliche strategische Bedeutung: von dort aus kann der erste Teil der Rheinstrecke unter Kontrolle gehalten werden. Nicht immer sind die Pläne der Niederlande jedoch reibungslos von den deutschen Grenzregionen akzeptiert worden.

Weitere Anfahrtsrouten von internationaler Bedeutung und damit wichtig für die Beziehungen beider Nationen sind Venlo–Kaldenkirchen, Hengelo–Bad Bentheim, Heerlen–Aachen und Groningen–Leer. Venlo–Kaldenkirchen ist die aus Auto- und Eisenbahn bestehende südliche Verbindungsachse zwischen Ruhrgebiet und südlicher Randstad, bei der allerdings auch die interregionale Bedeutung zur Anbindung der beiden Grenzregionen Venlo und Mönchengladbach ebenfalls von großer Wichtigkeit ist. Die Verflechtung der Gartenbauproduktion (zum Beispiel die Nutzung der Veiling Grubbenvorst von Betrieben beiderseits der Grenze), die Zusammenarbeit von Schulen sowie internationale Transportunternehmen sind Hinweise dafür.

Die im Süden liegende Anfahrtsroute bei Heerlen–Aachen ist eine Autobahnverbindung, die hauptsächlich dem Fernverkehr zwischen Deutschland und dem belgischen Seehafen Antwerpen dient. Für die Niederlande hat sie vor allem regionale Bedeutung.

Die beiden nördlichen Anfahrtsrouten Hengelo–Bentheim und Groningen–Leer verbinden vor allem den norddeutsche Raum und die Niederlande miteinander. Die weitaus wichtigste von beiden ist die Verbindung über Hengelo, die insbesondere die Anbindung Hollands an Berlin, Osteuropa und den skandinavischen Raum über Autobahn und Schiene sicherstellt.

In den Räumen mit starken grenzübergreifenden Kontakten ist der grenzüberschreitende Regionalverkehr stark vertreten. Betrachtet man den ganzen deutsch-niederländischen Grenzbereich, so ist ein Nord-Süd-Gefälle festzustellen: die Intensität der grenzübergreifenden Regionalkontakte nehmen von Süd nach Nord ab. Schwerpunkte interregionaler Anbindung finden wir in den verhältnismäßig dichtbesiedelten Gebieten entlang der Grenze: Südlimburg und dem Aachener Raum, dem Raum Venlo–Kaldenkirchen, dem Raum Arnheim/Nimwegen–Kleve/Emmerich und dem Raum Twente/Gronau/Nordhorn. Der Raum Groningen/Oldenburg kann ebenfalls dazu gerechnet werden, der unmittelbare Grenzraum ist hier, im Gegensatz zu den andern Gebieten, jedoch kaum einbezogen.

Wohnsitz nach Deutschland oder in die Niederlande verlegt

Im Laufe der letzten Jahrzehnte wurden die Verbindungen zwischen den grenznahen Räumen immer stärker, nachdem zunächst die aus dem 19. Jahrhundert und zuvor bestehenden Kontakte allmählich zurückgegangen waren. Auch außerhalb der zuvor erwähnten Schwerpunktgebiete bestehen intensive Kontakte, pendeln die Bewohner über die Grenze, wohnen im jeweils anderen Grenzgebiet, usw. Oft werden solche Kontakte durch die Grenze geradezu ausgelöst: als das Benzin in Deutschland billiger war als in den Niederlanden, tankten die Niederländer im ganzen Grenzbereich jenseits der Grenze und nachdem die Immobilienpreise in Deutschland schon eine geraume Zeit unter dem niederländischen Niveau lagen, fingen die niederländischen Grenzbewohner an, ihren Wohnsitz nach Deutschland zu verlegen.

Mit dem Ziel, die grenzübergreifenden Verbindungen und nachbarschaftlichen Beziehungen zu verstärken, wurden in den 1970er Jahren sogenannte Euregios gebildet. Euregios sind grenzübergreifende Regionalverbände, die mit dem Ziel gegründet wurden, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zu fördern, zu unterstützen und zu koordinieren. Aufgrund dieser Aufgabe werden Projekte zur Förderung der infrastrukturellen, sozialwirtschaftlichen oder kulturellen Integration der Grenzregionen in eigener Regie oder durch Unterstützung ausgeführt. Euregios haben auch eine beratende Funktion bei grenzüberschreitenden Angelegenheiten, wie z.B. bei Grenzpendlern und Steuerangelegenheiten. Der institutionelle Aufbau der Euregios ist recht unterschiedlich und von den unterschiedlichen Strukturen der einzelnen Grenzregionen bestimmt. Jede der Euregios hat Mitglieder, hauptsächlich Staatsorgane (Städte, Gemeinden, Kreise und Provinzen), manchmal auch privatrechtliche Institutionen wie Handelskammern und Naherholungsverbände.

Seit einigen Jahren zeichnet sich wieder ein neuer Trend ab: das Zurückgehen der Bevölkerungszahl. Viele Häuser stehen zum Verkauf, wodurch die Wohnungspreise fallen. Die durch die zurücklaufende Bevölkerungszahl erwarteten Problemen für die Kommunen scheint jedoch in manchen Regionen, wie zum Beispiel in Südlimburg, durch einen großen Zuzug von unter anderem deutschen Staatsbürgern aufgefangen zu werden. Ob sich dieser Trend in allen Grenzregionen fortsetzt, wird die Zukunft zeigen.

Autor: Jan Smit
Erstellt: Januar 2004
Aktualisiert: August 2014, Dagmar Keim


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Centraal Bureau voor de Statistiek: Bevolkingskrimp Limburg geremd door toegenomen immigratie, Stand: 21. September 2013 Onlineversion

Driessen, P.P.J. : Vernieuwing van het landelijk gebied. Een verkenning van strategieën voor een gebiedsgerichte aanpak, Den Haag 1995.

Thissen, P.H.M.: Heideontginning en modernisering, in het bijzonder in drie Brabantse Peelgemeenten, Utrecht 1993.

Barends, S.: Het Nederlandse landschap. Een historisch-geografische benadering, Utrecht 1991.

Links

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