Das Fahrrad und die Niederlande


VII. Radfahrer als Ritter der Nation: Die Einhuldigung von Wilhelmina 1898

Königin Wilhelmina
Königin Wilhelmina auf dem Fahrrad, Quelle: NA (012-0028)

Mit der feierlichen Amtseinsetzung von Königin Wilhelmina ging eine Veränderung des Verhältnisses zwischen liberalem Bürgertum und Monarchie einher, die der Leidener Historiker Henk te Velde als Wandel von „konstitutioneller Zurückhaltung“ zu „emotionaler Anhänglichkeit“ charakterisiert.[1] Der König hatte in den Augen liberaler Politiker schon immer als Symbol der nationalen Einheit und Kontinuität gegolten, trotz aller Unterschiede und Veränderungen. Diese Rolle gewann Ende des 19. Jahrhunderts angesichts der Unsicherheiten im liberalen Lager und der Bemühungen, die Nation auch und gerade in einer „Massengesell-schaft“ zu einen, an emotionaler Bedeutung. Liberale und konfessionelle Gruppierungen beschworen das Königshaus als ein Bindemittel, mit dem der Desintegration der Nation und der Bedrohung durch eine Revolution der Arbeiter entgegengewirkt werden sollte. Die Anfänge dieser Popularisierung von „Oranje“ setzten bereits bei König Wilhelm III. ein, gewannen jedoch bedeutend an Ausmaß und Schwung, als mit der jugendlichen Wilhelmina eine Frau den Thron besteigen sollte. Der Verweis auf die noch junge, unschuldige Königin eignete sich ausgezeichnet, um an den Beschützerinstinkt der männlichen Bürger zu appellieren und den nationalen Zusammenhalt zu beschwören. Mit der Huldigung der 18-jährigen Wilhelmina im Jahre 1898 verband sich daher auch ein neuer nationaler Elan, und vielen galt die junge Königin als Symbol für den Anbruch einer neuen Ära.

Der ANWB war mit 20.000 Mitgliedern zur damaligen Zeit bereits einer der größten Verbände im Land und nutzte die Feierlichkeiten für einen großen Blumenkorso in Den Haag.[2] Die einzelnen Gruppen im Zug konstituierten sich sowohl aus den Städten und Provinzen als auch aus einzelnen Radfahrervereinen. Neben kostümierten Radfahrern, die „altholländische Motive“ darstellten, präsentierten sich auch die Radfahrerinnen selbstbewusst in einer eigenen Abteilung innerhalb des Zuges.

Mit ihren Trachten und Kostümen fügten die Radfahrerinnen und Radfahrer sich effektvoll in die übrigen Festivitäten ein, die ganz im Zeichen einer Rückbesinnung auf nationale Geschichte und Traditionen standen. Die Radfahrerinnen und Radfahrer ordneten sich in diese nationalen Traditionen ein; gleichzeitig radelten sie auf dem Fahrrad zuversichtlich und gestärkt der Zukunft entgegen. Im Boek der Sporten (dt. Buch des Sports) wurde der Zug rückblickend als eine „Ehrung der jungen Niederlande – vertreten durch die verbreitetsten und durch ihre praktische Anwendung nützlichsten Sportarten“[3] bezeichnet.

Die Radfahrer in den Niederlanden inszenierten sich bei der Einhuldigung von Wilhelmina als eigentlicher Kern der Nation. Es war jedoch kein Gebrauchsgegenstand, der hier gefeiert wurde: Der ANWB präsentierte das Radfahren als ein bürgerliches Vergnügen, dass die Provinzen zusammenführte und von Männern und Frauen gleichermaßen geschätzt wurde. Der Blumenkorso von Den Haag versinnbildlichte auch den Machtanspruch des Bürgertums, das auf dem Fahrrad im Gegensatz zu anderen sozialen und politischen Gruppen wie Sozialisten, Arbeitern oder „kleinen Leuten“ seine besondere Nähe zum Königshaus und zur Nation betonte.


[1] Vgl. Velde, Henk te: Gemeenschapszin en plichtsbesef. Liberalisme en nationalisme in Nederland 1870-1918, Den Haag 1992, S. 121.
[2] Vgl. ANWB: Archief 198, Bloemencorso, Geschiedenis van het ontstaan van het Bloemen Corso te ’s Gravenhage, undatiert; ANWB: Archief 197, Bloemencorso, Vergadering van het Algemeen Bestuur van 20. Dezember 1896, 1896.
[3] Burkens, J.C.: Wielrijden, in: Feith, J. (Hrsg.): Het boek der sporten, Amsterdam 1900, S. 258.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

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