Das Fahrrad und die Niederlande



XVI. (K)ein Platz für Fahrräder? Wiederaufbaujahre und die Motorisierung


Osterstau
Osterstau auf dem Amsterdamer Gooiseweg im Jahr 1982, Quelle: NA (932-0998)

Die Kriegsjahre sind in der niederländischen Mobilitätsgeschichte als kurzfristige Unterbrechung einer seit der Zwischenkriegszeit anhaltenden zunehmenden Verkehrsintensität und Motorisierung gekennzeichnet worden.[1] Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nahm die Bedeutung des motorisierten Verkehrs stetig zu. Bereits 1949 wurden die Verkehrszählungen von 1929 deutlich übertroffen. Ähnlich wie in Deutschland und Österreich war das Motorrad für viele Niederländer in den 1950er Jahren das erste motorisierte Fahrzeug. Doch trotz der zunehmenden Motorisierung war das Fahrrad nach wie vor das beherrschende Verkehrsmittel: Verkehrszählungen ergaben, das die Hälfte des Verkehrs auf den Straßen auf das Konto des Fahrrads ging.[2]

Auch wenn das Fahrrad nach wie vor dominierte, Verbraucher und Politik fokussierten ihre Interessen auf das motorisierte Abenteuer. Schon in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre entstanden zu Feiertagen wie Ostern, Himmelfahrt oder Pfingsten lange Staus von automobilen Ausflüglern. Gleichzeitig veränderte sich der Autogebrauch grundlegend. Die Anzahl der am Tag zurückgelegten Kilometer schossen rasant in die Höhe, da die Autobesitzer ihr Fahrzeug zunehmend für den Wohn-Arbeitsplatz-Verkehr nutzten. Die Antwort der Verkehrspolitik lag im Bau neuer Verkehrswege. Erst in den 1970er Jahren sollte diese Strategie an ihre Grenzen stoßen.

ANWB-Wegenwacht
ANWB-Wegenwacht auf dem Motorrad, Quelle: Brabant Bekijken/cc-by-nc-sa

Der ANWB hatte schon in der Zwischenkriegszeit eine wesentliche Rolle bei der „Einbürgerung“ des Automobils in den Niederlanden gespielt.[3] In den 1950er Jahren nahm sich der Verband der Organisation der zunehmenden Motorisierung voll und ganz an. Zum einen veränderte der Verband seine Palette an Zeitschriften weiter und nahm mit dem Bromfietskampioen (dt. etwa Mofachampion) eine neue Zielgruppe auf. Zum anderen übernahm der Verband mit dem Aufbau der Wegenwacht die Betreuung der gestrandeten Motoristen auf den Straßen der Niederlande. Für den ANWB wurde dieser Service zum eigentlichen Rückgrat seiner Mitgliederanwerbung. Die Mitgliederzahlen wuchsen gemeinsam mit der Motorisierung stetig an. 1939 hatte der ANWB 100.000 Mitglieder, 1967 waren es 1 Million und 1977 sogar zwei Million. Auch wenn es weitere Interessenverbände für Automobilisten und Motorradfahrer den Niederlanden gab, den KNAC, den KNMV und die RAI, so sehen niederländische Verkehrshistoriker den ANWB dennoch in einer Schlüsselrolle bei der Mobilitätsexplosion der 1950er Jahren. Die Basis hierfür hatte der Verband bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gelegt.

Durch die Fokussierung auf den motorisierten Verkehr und den starken Mitgliederanstieg vornehmlich auf Basis der Autofahrer veränderte sich die Wahrnehmung des alten Radfahrerverbandes: Mehr und mehr schien in Vergessenheit zu geraten, dass das „A“ im ANWB nicht für „Automobiel“ stand, und die Herkunft des ominösen „W“ für „Wielrijder“ (dt. Radfahrer) wurde zunehmend schwieriger zu entschlüsseln. Dies sollte sich rächen, als die Grenzen des automobilen Wachstums in den 1970er Jahren stets deutlicher zu erkennen waren.


[1] Vgl. Schot, J.W. et al.: Concurrentie en afstemming: water, rails, weg en lucht, in: Schot, J.W. et al. (Hrsg.): Techniek in Nederland in de twintigste eeuw, Band 5: Transport en communicatie, Zutphen 2002, S. 37.
[2] Vgl. Ramaker, J.G.: Vervoer en verkeer in de Nederlandsche stad. Een economisch-stedebouwkundige studie, Amsterdam 1946.
[3] Vgl. Mom, G.P.A./Schot, J.W./Schaal, P.E.: Werken aan mobiliteit: de inburgering van de auto, in: Schot, J.W. et al. (Hrsg.): Techniek in Nederland in de Twintigste Eeuw. Band 5: Transport en communicatie, Zutphen 2002.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

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