Das Fahrrad und die Niederlande



XI. Statistische Verbreitung des Fahrrads nach 1900


Um die Jahrhundertwende hatte ein rasanter Preisverfall in der Produktion der Fahrräder eingesetzt. Um 1910 kostete ein Fahrrad in den Niederlanden ungefähr ein durchschnittliches Monatseinkommen. Dennoch waren für viele auch diese billigen Fahrräder immer noch zu teuer. Es ist zu vermuten, dass viele ihr Fahrrad gebraucht kauften, aber es fehlen verlässliche Statistiken.

Fahrräder
Fahrräder auf dem Thorbeckeplein in Amsterdam, Quelle: NA (190-0665)

1899 wurde in den Niederlanden eine Steuer auf Fahrräder im Rahmen der Einkommenssteuer eingeführt. Aufgrund dieser Steuer stehen für die Zeit bis zum Ersten Weltkrieg erste Daten über die Zahl der Fahrräder in den Niederlanden zur Verfügung.[1] 1899 besaßen 1,86 Prozent, 1912 bereits 11 Prozent der Bevölkerung ein Fahrrad. Die Steuer wurde häufig hinterzogen, sodass die tatsächliche Verbreitung des Fahrrads noch größer gewesen sein kann. Da die Fahrradsteuer unterschiedliche Steuerklassen vorsah, lässt sich an ihr jedoch tendenziell die allmähliche Verbreitung des Fahrrads in weniger wohlhabenden Kreisen der Bevölkerung nachvollziehen. Die Zahl derjenigen, die den höchsten Betrag zu entrichten hatten, sank von 1899 bis 1908 kontinuierlich. Dahingegen stieg im gleichen Zeitraum die Zahl derjenigen, die nur den geringsten Steuersatz zahlen mussten. Die Abschaffung der ersten Fahrradsteuer in den Niederlanden erfolgte denn auch mit dem Hinweis, dieses sei nicht länger ein Luxusgut, sondern ein Alltagsgegenstand.

1924 wurde in den Niederlanden erneut eine Fahrradsteuer eingeführt, auf deren Bedeutung im Kapitel XIV noch ausführlich eingegangen werden wird. Nach einer Pause von zwölf Jahren deuteten die neuen Zahlen – unter Berücksichtigung der vermutlich wesentlich effizienteren Erfassung der Fahrräder in dieser zweiten Besteuerung – eine rasante Entwicklung an: Bereits im ersten Steuerjahr hatten 25 Prozent, also jede vierte Person, in den Niederlanden ein Fahrrad.[2] Am Ende der 1920er Jahre kam ein Fahrrad auf jede dritte Person; 1940 betrug die Anzahl der besteuerten Fahrräder im Land im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung 43 Prozent. Statistisch gesehen nutzte also beinahe jede zweite Person ein eigenes Rad.

Auch die im Auftrag des Verkehrsministeriums vorgenommen Verkehrszählungen deuten auf eine rege Nutzung des Fahrrads hin. Bei einer Zählung auf den Reichsstraßen im Jahr 1923 waren 74 Prozent der Verkehrsteilnehmer Radfahrer, gefolgt von den Automobilisten mit 11 Prozent und den Motorradfahrern mit 5 Prozent. 1932 waren mit 54 Prozent immer noch mehr als die Hälfte der Verkehrsteilnehmer auf den Reichsstraßen Radfahrer, der Anteil der Automobilisten war jedoch bereits auf 39 Prozent angestiegen.[3] Vieles deutet darauf hin, dass in den Niederlanden das Fahrrad intensiver als Verkehrsmittel genutzt wurde als in den meisten anderen europäischen Ländern.

Die Fahrradsteuer der 1920er und 1930er Jahre hatte darüber hinaus noch einen zweiten Effekt: Die verhasste Steuer hielt das Fahrrad in der öffentlichen Debatte, und dank der jährlichen Statistiken konnten die Niederländerinnen und Niederländer schwarz auf weiß sehen, wie sehr sich das Fahrrad in ihrem Land verbreitet hatte.


[1] Vgl. Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010, S. 284.
[2] Vgl. Grapperhuis, F.H.M.: Over de loden last van het koperen fietsplaatje. De Nederlandse rijwielbelasting 1924–1941, Franeker 2006, S. 65.
[3] Vgl. Bruhèze, A.A. Albert de la/Veraart, Frank C.A.: Fietsverkeer in praktijk en beleid in de twintigste eeuw. Overeenkomsten en verschillen in fietsgebruik in Amsterdam, Eindhoven, Enschede, Zuidoost-Limburg, Antwerpen, Manchester, Kopenhagen, Hannover en Basel, Den Haag 1999, S. 47.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

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