Das Fahrrad und die Niederlande



VIII. „Loslaten of niet?“ Der Radrennsport und der ANWB


Radrennen auf der Bahn
Radrennen auf der Bahn während des Ersten Weltkrieges, Quelle: NA (158-0627)

Anfänglich betrachtete der ANWB die Radrennen als ein wichtiges Mittel, um den Radsport bekannter zu machen und auch Nicht-Radfahrer für das Radfahren zu begeistern. In den 1880er Jahren war der Wettbewerb ein großes Fest, das Radfahrer, Veranstalter und die bürgerliche Elite des Veranstaltungsorts zusammenführte.[1] Die mehrere Tage dauernden Wettkämpfe unter internationaler Beteiligung waren eingebettet in ein Rahmenprogramm mit abendlichen Preisverleihungen und Festessen, Konzerten und Feuerwerken. Die Radrennen dieser frühen Zeit waren nicht nur ein Festival für den Verband, sondern auch ein gesellschaftliches Ereignis für die ganze Stadt. Die Teilnehmer an den Wettbewerben dieser ersten Jahre waren Teil der bürgerlichen Gesellschaft, die die Eintrittspreise zu den Rennen zahlen konnte und beim abendlichen Rahmenprogramm zusammenkam. Auch wenn die Wettbewerbe anfänglich durchaus unterschiedliche Schwerpunkte setzten und neben den Wettrennen auch zahlreiche Veranstaltungen ausgerichtet wurden, bei denen Geschicklichkeit und Anmut der Radfahrer im Mittelpunkt standen, wurden die Radrennen schnell zur eigentlichen Publikumsattraktion. In der Jagd nach immer neuen Rekorden und im Kult der Geschwindigkeit sahen viele die eigentliche Modernität des Fahrrads.

Die Sieger der Radrennen wurden zur willkommenen Projektionsfläche nationalen Stolzes. Jaap Eden wurde 1893, 1895 und 1896 Weltmeister im Eislaufen und 1894 und 1895 Weltmeister im Radsport. Mit seinen Erfolgen wurde der „echte Hollandse jongen“ (dt. „echte holländische Junge“) zu einem großen Star des damaligen Sportgeschehens in den Niederlanden. Sein enthusiastischer Empfang in Haarlem nach dem Gewinn der zweiten Weltmeisterschaft im Eislaufen zeugte von seiner grenzenlosen Popularität im Land.[2]

Tandemcrew mit Jan Tulleken und Jaap Eden
Tandemcrew mit Jan Tulleken und Jaap Eden bei Edens sportlichen Comeback im Zeeburgerdijk-Velodrom in Amsterdam im Jahr 1914, Quelle: Flickr

Für den ANWB wurde Eden jedoch vom Superstar zum Sorgenkind. Bereits 1894 verriet der Amateur in einer Anzeige in der Zeitschrift De Nederlandse Sport seinen Lesern, dass von allen Fahrrädern, die er gefahren habe, Withworth das Beste sei.[3] 1896 wurde er endgültig Berufsfahrer und startete fortan in Paris. Jaap Eden war beispielhaft für die Entwicklungen im Radrennsport allgemein. Der Radsport mit seiner ständigen Jagd nach Rekorden zeichnete sich durch sehr hohe Kosten, großen Zeitaufwand und eine starke Abhängigkeit vom sich ständig verbessernden Material aus. Schon allein deshalb bemühten sich viele Rennfahrer um eine gute Zusammenarbeit mit der Fahrradindustrie. Diese sah ihrerseits in den Rennen eine wichtige Möglichkeit, für ihre Produkte zu werben – möglichst zusammen mit einem erfolgreichen und bekannten Radrennfahrer. So erhielten viele Radrennfahrer – obwohl sie offiziell Amateure waren – finanzielle und materielle Hilfe von den Fahrradherstellern. Es entwickelte sich eine Grauzone, die sich im Laufe der Zeit stark ausbreitete.

Lange Zeit sah der Verband stillschweigend über die Umgehungen des Amateurstatus bei den Rennen hinweg. Mitte der 1890er Jahre wurde der fragwürdige Amateurstatus vieler Rennfahrer indes immer offensichtlicher. Schließlich beschloss der ANWB 1898, sich aus dem Rennsport vollständig zurückzuziehen und sich künftig nur noch um die Verbesserung des Radtourismus zu kümmern.[4]

Nach der Trennung vom ANWB geriet der niederländische Radrennsport in eine tiefe Krise. Interne Auseinandersetzungen erschwerten den Wiederaufbau der Rennstrukturen.[5] Hinzu kam, dass die Straßenrennen in den Niederlanden einen schweren Schlag durch die Einführung des ersten nationalen Straßenverkehrsgesetzes von 1905 erhielten. Das Gesetz sah ein generelles Verbot von Straßenrennen vor. Ausnahmegenehmigungen gab es nur selten. Mit dem „betrouwbaarheidsrit“, dem Abfahren einer bestimmten Strecke innerhalb einer vorgegebenen Zeit, bei dem es zumindest offiziell nicht um einen Wettstreit der Radfahrer untereinander ging, versuchten die Veranstalter das Verbot von Radrennen zu umgehen. Dennoch verurteilten die Gerichte immer wieder Teilnehmer dieser Veranstaltungen zu Geldbußen, da sie auch in den Zuverlässigkeitsfahrten Wettkämpfe erkannten.[6] Im Gegensatz zu anderen Ländern – 1903 fand in Frankreich die erste Tour de France statt – konnte sich in den Niederlanden auf diese Weise das Rennwesen erst sehr allmählich und schleppend entwickeln. Für die nationale Identifikation auf dem Fahrrad spielte es lange Zeit eine eher kleine Rolle.


[1] Vgl. Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010, S. 224.
[2] Der Sportsoziologe Ruud Stokvis nennt Eden den ersten echten, großen niederländischen Sport¬star der Moderne. Vgl. Stokvis, Ruud: Sport, publiek en de media, Amsterdam 2003, S. 73. Siehe auch die Biographie: Moll, M.: Jaap Eden: wereldkampioen op de schaats, wereldkampioen op de fiets, Amsterdam 1996.
[3] Vgl. Stokvis, Ruud: Strijd over sport. Organisatorische en ideologische ontwikkelingen, Amsterdam 1978, S. 24.
[4] Vgl. o.A.: Loslaten of niet?, in: De Kampioen 14, 19/1897, S. 489–491.
[5] Vgl. o.A.: De N.W.B., in: De Fiets 198, 1901, S. 1–6; o.A.: Poppenkasterij en nog iets, in: De Fiets 199, 1901, S. 1–4.
[6] Vgl. o.A.: Verbod van wielerwegstrijden, in: De Kampioen 41, 12/1924, S. 229; o.A.: Wedstrijd of betrouwbaarheidsrit, in: De Kampioen 42, 13/1925, S. 268.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

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