Das Fahrrad und die Niederlande



III. „Immer Weiter“: Die soziale Zusammensetzung der frühen Radfahrclubs


Mitglieder des Radfahrclubs „Immer Weiter“
Mitglieder des Radfahrclubs „Immer Weiter“ von 1871 aus Deventer, Quelle: Flickr

1871 gründete sich der erste Radfahrerclub des Landes: „Immer Weiter“ in Deventer.[1] Nach Deventer folgten Clubgründungen in Apeldoorn („Vorwaarts“, 1872) und Rotterdam („De Zwaluw“, 1872). 1883 schlossen sich einige niederländische Radfahrvereine in einem Verband zusammen, der zunächst Nederlandsch Vélocipèdisten Bond (NVB) hieß und sich zwei Jahre später den Namen Het Algemeen Nederlandsch Wielrijders-Bond (ANWB) gab.[2] Die Radfahrclubs und insbesondere auch deren neu gegründeter Verband wurde zu den wesentlichen Gestaltern der nationalen Aneignung des Fahrrads in den Niederlanden.

Unumstrittener Orientierungspunkt der frühen niederländischen Radsportszene war England. Mit seiner Fahrradindustrie in Coventry war England das Maß aller Dinge in der Produktion; zugleich übernahmen die frühen niederländischen Radfahrer aus England auch ihre Konsumpraxis. Auf ihren Fahrrädern frönten sie dem „Sport“, ein Begriff, der zum damaligen Zeitpunkt in seiner heutigen Bedeutung Einzug in die niederländische Sprache hielt und sich auf die Vergnügungen der englischen Gentlemen in der freien Natur bezog.[3]

Wer sich ein Fahrrad leisten wollte, musste über erhebliche Geldmittel verfügen, um den Ankauf tätigen zu können. In den Niederlanden kostete zu Beginn der 1880er Jahre ein Hochrad zwischen 200 und 300 Gulden. Der Durchschnittslohn im Agrarsektor im Land betrug in dieser Zeit monatlich 26 Gulden, in der Industrie verdiente man monatlich durchschnittlich 42 Gulden, im Dienstleistungssektor durchschnittlich 46 Gulden.[4] Auch der Radsport als Konsumpraxis war aufwändig und kostenintensiv. Die Ausrüstung des Radfahrers umfasste die richtige Kleidung mit den richtigen Accessoires, den angemessenen Hüten und Strümpfen.

ANWB-Verbandszeitschrift „De Kampioen“
ANWB-Verbandszeitschrift „De Kampioen“ (Titelseite einer Ausgabe aus 1885)

Über das richtige Fahrrad und seinen korrekten Gebrauch informierten die Vereins- und Verbandsblätter. In den Niederlanden dominierte das Blatt des niederländischen Radfahrerverbandes mit dem Namen De Kampioen. Die Mitgliedschaft in den Clubs wurde mithilfe der Wahlkugel kontrolliert und auf einen kleinen, elitären Kreis beschränkt. Die „Clubs“ entfalteten ein lebhaftes Vereinsleben mit gemeinsamen Radausflügen, Wettrennen und Geschicklichkeitsübungen bis hin zu winterlichen Theateraufführungen und Ball-Abenden.

Der Radsport stand im Kontext einer zunehmenden Urbanisierung. Das Fahrrad bot eine neue Möglichkeit, die Schönheit und „Natürlichkeit“ der ländlichen Gebiete zu entdecken und sich von den als überfüllt und erstickend empfundenen Städten zumindest temporär zu befreien. Dieser Ausflug in die Umgebung hatte einen stark distinktiven Charakter, schließlich konnten sich nur wenige leisten, auf dem teuren Fahrrad ohne unmittelbaren Zweck außer der Freude an der Fahrt selbst in die Natur hinein zu fahren. Zusätzliche Abgrenzung erfolgte durch die teuren Sportkostüme und Vereinsabzeichen. Bei der gemeinsamen Ausfahrt im Club wurde die Gemeinschaft derjenigen gestiftet, die die Zeit und das Geld für den englischen Sport hatten.

Das demonstrativ distinktive Auftreten der Radsportler führte jedoch auch zu zahlreichen Konflikten auf den Landstraßen. Sogenannte „Vélokannibalen“ warfen Steine auf die Radfahrer, versuchten, Stöcke in die Speichen der Räder zu stecken oder hetzten Hunde auf die Eindringlinge.[5] Die Gemeinden reagierten sogar teilweise mit Durchfahrverboten für Radfahrer. Dieser Konflikt zwischen städtischen Radfahrertouristen, vermeintlich hinterwäldlerischer Landbevölkerung und angeblich uneinsichtigen Behörden war ein wichtiger Topos in der Radfahrerliteratur und förderte den Zusammenhalt und auch das Selbstbewusstsein der noch jungen Radfahrer-Szene.


[1] Vgl. Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916, S. 43.
[2] Vgl. Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983, S. 28–29.
[3] Vgl. Stokvis, Ruud: Strijd over sport. Organisatorische en ideologische ontwikkelingen, Amsterdam 1978; Stokvis, Ruud: De sportwereld. Een sociologische inleiding, Alphen a.d.Rijn/Brussel 1989.
[4] Vgl. Soltow, Lee/Zanden, Jan Luiten van: Income and wealth inequality in the Netherlands 16th–20th century, Amsterdam 1998, S. 157.
[5] Vgl. zum Beispiel o.A.: Wielrijdersplagen, in: De Kampioen 4, 4/1887, S. 66–68.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

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