Das Fahrrad und die Niederlande


I. Einführung

Radfahrer
Radfahrer am Strand von IJmuiden, Quelle: jchanders

Die Niederlande sind ein Fahrradland.[1] Immer wieder wird dieser Gegenstand bemüht, wenn es darum geht, die Niederlande und etwas typisch Niederländisches herauszustellen. Zum Arsenal der Gegenstände, mit dem sich das Land seinen Touristen, aber auch den eigenen Einwohnerinnen und Einwohnern präsentiert, gehört das Fahrrad ebenso wie die Tulpen, die Windmühlen und der Käse. Bei öffentlichen Auftritten von Politikern und der königlichen Familie wird das Fahrrad gerne genutzt, um niederländische Identität zu demonstrieren: Sei es, dass der Premierminister des Landes anlässlich eines EU-Gipfels in Amsterdam seine Kollegen auf das Fahrrad einlädt,[2] sei es, dass sowohl Wilhelmina, Juliana als auch Beatrix sich zu unterschiedlichen Anlässen als Königinnen auf dem Fahrrad präsentierten.[3] Das Fahrrad wird genutzt, um niederländische Identität darzustellen. Umgekehrt wurde und wird es aber auch genutzt, um wesentliche Aspekte niederländischer Identität – niederländische Tugenden – zu vermitteln: Wenn in der gegenwärtigen Integrationsdebatte die Einführung von Fahrradkursen für islamische Mädchen gefordert wird,[4] dann basieren diese Vorschläge auf Überlegungen, deren Tradition bis ans Ende des 19. Jahrhunderts zurückgehen: Auch damals sollten mit dem Fahrrad Körpererfahrungen vermittelt werden, mit denen sich bestimmte Konzepte von Individualität und Selbstbestimmtheit verbanden. Das Fahrrad – so die zentrale These dieses Dossiers – wurde und wird in den Niederlanden genutzt, um nationale Identität herzustellen und zu vermitteln.

Prinzessin Beatrix, Prinz Claus und Prinz Constantijn
Prinzessin Beatrix, Prinz Claus und Prinz Constantijn (1975) radelnd bei Schloß Drakensteyn, Quelle: NA (003-0248)

Im Folgenden wird diese Auseinandersetzung um niederländische Identität auf und mit dem Fahrrad von Seiten der Benutzerinnen und Benutzer, also der Radfahrerinnen und Radfahrer und all derjenigen, die für diese die Stimme erhoben, untersucht werden. Aufgrund dessen finden sich in diesem Dossier keine ausführlichen Beschreibungen zur niederländischen Fahrradproduktion. Deren Relevanz soll indes keineswegs abgestritten werden.[5] Vielmehr sind die Wechselwirkungen zwischen Konsumverhalten und bestimmten Produkten gerade auch beim Fahrrad in den Niederlanden augenfällig. So weist das Holland-Rad viele Merkmale auf, die wohl unmittelbar auf die spezifische Aneignung und Nutzung des Fahrrads in den Niederlanden zurückzuführen sind. Ein solcher Einfluss von Konsumenten auf die Produktion, der in der Technikgeschichte als die „Ko-Konstruktion“ von Technik durch die Nutzer/innen bezeichnet wird, ist jedoch im Einzelnen in den Quellen schwer nachzuweisen.[6]

Das Dossier gliedert sich in vier Teile, die im Folgenden kurz vorgestellt werden:

Thema des ersten Abschnitts sind die Anfänge des Fahrrads in den Niederlanden, von den 1870er bis 1890er Jahren. Neben frühen Berichten vom Kuriosum Veloziped geht es in diesem Teil darum, die ersten Radfahrer der Niederlande näher kennenzulernen: Wer kam gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf das Rad? Welche Gruppen interessierten sich für diesen neuen, aus England übergekommenen Sport? Welche Hoffnungen und Erwartungen verbanden sich mit dem Radfahren, welche Warnungen und Kritik gab es?

Der zweite Abschnitt beschäftigt sich mit der spezifisch niederländischen, d.h. nationalen, Aneignung des Fahrrads um 1900. Es stellt zunächst den Protagonisten dieser nationalen Aneignungsstrategien – den ANWB – vor, und analysiert in drei Kapiteln die öffentlichen Inszenierung wie auch die konkrete Politik des Verbands anhand der Einsatzgebiete Radrennen und Radtouren. Eine wichtige Weichenstellung für die nationale Bedeutung des Fahrrads in den Niederlanden war das nationale Verkehrsgesetz aus dem Jahr 1905, das mit dem Verbot von Radrennen einen wesentlichen Aspekt der bürgerlich-liberalen, nationalen Aneignungsstrategie des ANWB übernahm.

Der dritte Abschnitt untersucht den allmählichen Wandel des Fahrrads vom Sportgerät des Bürgertums hin zum Massenverkehrsmittel. Es stellt die Statistiken zum Fahrradgebrauch in den Niederlanden vor und diskutiert, wie der bürgerliche ANWB auf diese zunehmende Verbreitung reagierte. Mit dem Radfahrwegebau und der Fahrradsteuer stellt es darüber hinaus zwei eng miteinander verknüpfte Aspekte vor, die wesentlich für das sich bereits in den 1920er und 1930er Jahren verfestigende Bild vom Fahrradland Niederlande waren.

Der vierte Abschnitt beginnt mit der Konfiszierung der Fahrräder durch die Deutschen während der Besatzungszeit in den Niederlanden, einem Ereignis, das in der populären Erinnerungskultur bis heute einen wichtigen Platz einnimmt. Anschließend analysiert es die allmähliche Zuwendung des ANWB zum Automobil und das Aufkommen neuer Interessensgruppen für das Fahrrad in den Niederlanden in den 1970ern, um abschließend einige Überlegungen über die Vorbildhaftigkeit des niederländischen Radfahrphänomens für andere Länder anzustellen.


[1] Für einen Vergleich mit Deutschland siehe: Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.
[2] Vgl. Vuijse, Herman/Lans, Jos van der: Typisch Nederlands. Vademecum van de Nederlandse identiteit, Amsterdam/Antwerpen 2000, S. 36–37.
[3] Eine aktuelle Bestandsaufnahme von Mitgliedern der königlichen Familie, die auf dem Fahrrad posierten, findet sich hier.
[4] Vgl. z.B. o.A.: Fietsles geeft allochtone vrouwen meer zelfvertrouwen, in: Fietsverkeer 2/2002, S. 13–15, Onlineversion; oder auch Buis, Rudi: Stadskinderen leren niet fietsen, in: Nederlands Dagblad vom 22. Mai 2006. Siehe auch Verbeek, Aafke: „Met een djellaba aan kan je niet fietsen...“: een verkennend onderzoek naar de verklarende factoren voor de mate van fietsgebruik onder de Marokkanen in Amsterdam, Abschlussarbeit Universität Wageningen, Lehrstuhl Milieubeleid, Wageningen 2007.
[5] Eine gute Übersicht über die Geschichte der niederländischen Fahrradindustrie hat Herbert Kuner hier veröffentlicht.
[6] Zu ersten Überlegungen siehe Ebert, Anne-Katrin: Nationales Design? Auf der Suche nach dem „Holland-Rad“ 1900–1940, Technikgeschichte 76,3/2009, S. 211–231.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

Links

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Weitere Informationen in unserem Dossier Tourismus Deutschland-Niederlande

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