Das Fahrrad und die Niederlande



V. „New Woman“ rolt zelfstandig: Frauenemanzipation à la bicyclette


Der ANWB betonte die Bedeutung des Radfahrens als „männlichen Sport“. Diese Männlichkeit entsprach der Konstruktion des Radfahrens als Erfahrung eigener Individualität und Stärke und richtete sich gegen zwei konkrete Kritikpunkte. Zum einen wendete sich der „männliche Sport“ gegen jene Stimmen, die mit dem Hinweis auf die „hygienischen Folgen“ vor einer Verweiblichung der Radfahrer warnten. Zum anderen richtete sich die Betonung der Männlichkeit auch gegen den Vorwurf, dass Radfahren nur etwas für kleine Jungen sei. In der Diskussion um das Fahrrad als Kinderspielzeug definierte sich das Männliche weniger in Opposition zum Weiblichen als vielmehr im Gegensatz zum Kindlichen.

Der niederländische Radfahrerverband sah seinen Sport daher keinesfalls grundsätzlich nur als ein Privileg des männlichen Geschlechts an, sondern war vielmehr frühzeitig daran interessiert, auch Frauen für das Radfahren zu begeistern.[1] Die Radfahrerin widerlegte einerseits den Vorwurf des kindischen Spiels und unterstrich durch ihre Teilnahme andererseits auch die erwachsene „Männlichkeit“ des Rad fahrenden Mannes, der sie auf ihren gemeinsamen Ausflügen anleiten und beschützen konnte. Allerdings kannten diese Bemühungen um Radfahrerinnen deutliche Grenzen: Es ging um eine weibliche Begleitung auf Touren, nicht aber um ein eigenständiges Frauenradfahren und schon gar nicht um Frauenradrennen. Wettrennen waren und blieben ein männliches Privileg. Der ANWB verhinderte die Veranstaltung von Radrennen für Frauen und verurteilte energisch entsprechende Wettbewerbe im Ausland.

Frauenrechtlerin Aletta Henriëtte Jacobs
Frauenrechtlerin Aletta Henriëtte Jacobs, Quelle: NA (134-1379)

Gerne bezogen sich niederländische Autoren in ihrer Beurteilung der Emanzipationsleistungen des Fahrrads auf die Autorität des französischen Schriftstellers Émile Zola, der 1898 in seinem Roman Paris das Radfahren als Schule des Lebens gepriesen und die Emanzipation der Frau durch das Fahrrad propagiert hatte.[2] Auch in den Niederlanden hieß es, das Fahrrad fördere die „Emanzipation durch das Rad“: Die Frau auf dem Fahrrad lerne, in der Unabhängigkeit ihres Fahrens ihren eigenen Willen auszuführen. Sie schärfe ihre Augen, müsse beim Lenken plötzliche Entscheidungen fällen, sich bei kleineren Unfällen selbst versorgen und erlerne so langsam, auf sich selbst zu vertrauen und sich nicht immer von anderen abhängig zu machen.[3] Aletta Jacobs würdigte die Radfahrerin als „die new woman – die Frau, die geistig und körperlich ihre Kräfte trainiert hat – [und die] durchs Leben mit viel mehr Genuss und Leichtigkeit durchrollt“[4] Ausführlich ging auch die niederländische Ärztin und Frauenrechtlerin Catherine van Tussenbroek in ihrer Eröffnungsrede anlässlich der „Nationalen Ausstellung zur Frauenarbeit“ in Den Haag 1898 auf die Bedeutung des Fahrrads ein.[5] Dieses funktioniere als ausgezeichneter Beweis für die eigenen körperlichen Fähigkeiten, um „Vertrauen auf und Achtung vor uns selbst“ zu erlangen. Allerdings, so die Ärztin mahnend, könne das Fahrrad nicht grundsätzlich die Frauenfrage lösen, es sei nur ein zeitlich begrenztes Palliativ gegen tiefer liegende Probleme.

Auch die Zeitschrift De Evolutie, das Organ der niederländischen Frauenbewegung, war sich nicht so sicher, ob das Radfahren tatsächlich der Sache der Frauenbewegung diente. 1895 würdigte sie das Radfahren als Akt der Befreiung und begrüßte das Fahrrad offiziell als „Verbündeten im Kampf“[6]. 1898 übte ein anderer Artikel jedoch heftige Kritik an den Rad fahrenden Frauen:[7] Es sei an der Zeit, dass die sich im äußerlichen Leben frei bewegende Radfahrerin erkenne, dass sie es sich selbst und ihrem Geschlecht schuldig sei, die frische, junge und gesunde Kraft, die ihr auf den Fahrradtouren zugeführt werde, zu einem Teil im Kampf für politische Rechte und die Gleichstellung mit dem Mann vor dem Bürgerlichen Gesetzbuch umzusetzen.

Die „new woman“ auf dem Fahrrad steckte in einem Dilemma. Das Radfahren von Frauen konnte eine wichtige körperliche und geistige Erfahrung darstellen, bei der die eigene Selbstständigkeit und Unabhängigkeit erfahren und zum Ausdruck gebracht werden konnte. Die Frauen erfuhren ihre Unabhängigkeit und ihr Selbstbewusstsein aber nicht aus sich selbst heraus. Die „new woman“ erfuhr die eigene Selbstwerdung in Abhängigkeit von einem Konsumgegenstand, einem vermeintlich nutzloses Spiel. Das Verhältnis von Fahrradgebrauch und Emanzipation blieb daher ambivalent: Das Radfahren ermöglichte den Frauen die Erfahrung eigener Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, demonstrierte aber zugleich die Abhängigkeit dieser Selbstwerdung vom Akt des Konsumierens.


[1] Vgl. Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010, S. 101-103.
[2] Vgl. Zola, Émile: Les trois villes, Paris 1968, S. 1447–1448.
[3] Vgl. o.A.: De emancipatie door het wiel, in: De Kampioen 14, 3/1897, S. 49–51, S. 49–51.
[4] o.A.: Wielrijden van dames, in: De Kampioen 14, 41/1897, S. 1071.
[5] Tussenbroek, Catharine van: Over het tekort aan levensenergie bij onze jonge vrouwen en meisjes, Rede, gehalten auf der Nationalen Ausstellung zur Frauenarbeit, Amsterdam 1898.
[6] o.A.: De bicyclette, in: De Evolutie 3, 22/1895, S. 173.
[7] o.A.: Aan sommige fietsrijdsters, in: De Evolutie 6, 7/1898, S. 51–52.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

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