Das Fahrrad und die Niederlande



IV. „Een uitstekende oefening voor politici in den dop“: Das Fahrrad als Erziehungsmittel


Auswertungen der frühen Anmeldelisten des ANWB ergeben, dass der Anteil der jugendlichen Mitglieder recht hoch lag.[1] Insgesamt 24 Prozent der Neuanmeldungen in den Jahren 1883–1885 waren Studenten und Schüler. Diese Jugendlichkeit der meisten Radfahrer in den 1870er und 1880er Jahren war Chance und Angriffspunkt gleichermaßen. Zum einen bestärkte es all diejenigen Kritiker des Radfahrens, die dessen Spielcharakter betonten und es damit als tendenziell nutzlos zu diffamieren suchten. Zum anderen sorgte es frühzeitig dafür, dass das Fahrrad im besonderen Maße als ein Erziehungsmittel propagiert wurde. Schon anlässlich seiner Umbenennung 1885 erklärte der ANWB, das Radfahren bringe männliche, auf sich selbst vertrauende Individuen hervor.[2]

Radfahrer Emile Kiderlen Jr.
Emile Kiderlen Jr. 1885 im Alter von 17 Jahren auf der „Wielerbaan“ in Amsterdam, Quelle: Flickr

Die Propagierung des Fahrrads als Charakterbildungsmittel beruhte auf der Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper, die durch die Funktionsweise der Maschine vorgegeben war. Die Fortbewegung auf dem Fahrrad beruhte auf der permanenten Rückkoppelung zwischen Mensch und Maschine und dem Halten der Balance im dynamischen Gleichgewicht. Im Unterschied zur Eisenbahn, wo das technische Großsystem eine Anpassung des Menschen erforderte und diesen während der Fahrt zur Untätigkeit zwang, forderte das „stählerne Ross“ seinen Reiter zu einer Vielzahl von Handlungen auf, die gleichzeitig und permanent geleistet werden mussten: das Treten zum Antrieb, das Halten der Balance in der Bewegung und das Steuern der Maschine.

Angesichts dieser schier überwältigenden Flut von Aufgaben und Reizen behielt der Radfahrer dennoch stets die Übersicht und blieb trotz der Geschwindigkeit in einem Gleichgewicht. Der Vorsitzende des niederländischen Radfahrerverbandes, Edo Bergsma, propagierte immer wieder den Segen, den das Radfahren in körperlicher, gesellschaftlicher und auch sittlicher (nl. „zedelijker“) Hinsicht darstellen könne.[3] Für den Radfahrerverband galt das Fahrrad als Werkzeug des modernen, männlichen Individuums. Dahinter steckte die Vorstellung, dass sich mit dem Radfahren die Eigenschaften trainieren und umsetzen ließen, die in einer modernen Welt benötigt wurden: Der Radfahrer wurde zum Sinnbild des leistungsfähigen, selbstständigen Mannes, der sich der Geschwindigkeit der neuen Zeit anpasste und dennoch die Ruhe behielt und der zu allen Zeiten und in allen Situationen die völlige Kontrolle über sich und seine Maschine besaß. Das Fahrrad war mithin nicht nur Sportmittel und Zeichen einer kosmopolitisch orientierten, wohlhabenden Schicht. In den Diskussionen um moderne Krankheiten wie Neurasthenie, die die Angst vor der Anfälligkeit und Verwundbarkeit des Mannes in einer sich verändernden, modernen Gesellschaft thematisierten, wurde es als Heilmittel gegen die Moderne propagiert. Das Radfahren war ein Training für „zukünftige Politiker und Kaufleute“, die diese auf die Herausforderungen eines schnelleren Lebensstils vorbereitete, indem es Kraft und Kontrolle, Leistungsfähigkeit und Reaktionsschnelle eines modernen Individuums vermittelte.


[1] Vgl. Linders-Rooijendijk, M.F.A.: Gebaande wegen voor mobiliteit en vrijetijdsbesteding. De ANWB als vrijwillige associatie, 1883–1937, Heeswijk 1989, S. 29, 49.
[2] Vgl. o.A.: Aan den Lezer!, in: Maandblad 2, 2/1885, o.S.
[3] Vgl. Bergsma, Edo J.: Openingsrede ter gelegenheid van de Algemeene Vergadering, De Kampioen 9, 40/1892, S. 1023;  o.A.: De Bondsfeesten, in: De Kampioen 10, 27/1893, S. 714.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

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