Das Fahrrad und die Niederlande



XII. Der ANWB und die besonnene Nation: Radfahren gegen Krieg und Revolution


Der ANWB hatte als elitärer Radfahrerverband begonnen, der sich aus Mitgliedern rekrutierte, die sich selbst als „Kern der Nation“ ansahen. An der Spitze des Verbandes standen nach wie vor Angehörige dieser liberalen Elite, aber das Selbstverständnis des Verbandes veränderte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts spürbar. Es ging nicht mehr länger darum, die Interessen der eigenen Kreise zu bewahren, sondern die eigenen Werte der gesamten niederländischen Bevölkerung zu vermitteln. Dieser Politikwandel des ANWB wird vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Veränderungen in den Niederlanden verständlich. Mit der Erweiterung des Wahlrechts 1896, der Einführung des vollen Männerwahlrechts 1917 sowie schließlich der Einführung des allgemeinen Wahlrechts für Männer und Frauen 1920 bemühten sich zahlreiche unterschiedliche liberale Gruppen im Land um die Erziehung der „Masse“ zu disziplinierten, verantwortungsbewussten Bürgern.[1]

Die Erziehungsarbeit begann der ANWB 1916 mit der ersten groß angelegten Aufklärungskampagne zur Verkehrssicherheit.[2] Mit der Broschüre „Regels voor de weg“ (dt. „Regeln für den Weg“) versuchte der Verband in Zeichnungen und Versen das angemessene Verhalten auf den Straßen und Wegen einprägsam zu verdeutlichen und verteilte dieses Lehrmittel in verschiedenen Einrichtungen und Schulen, um einen möglichst großen multiplikatorischen Effekt zu erzielen. Eingängige Sprüche wie „Knoop dit in uw oor / rechts gaat voor!“ (dt. „Knoten Sie es in Ihr Ohr / Rechts geht vor!“)  bildeten die Basis der ersten national angelegten Maßnahmen zur Verkehrserziehung.[3]

Während der Kriegsjahre intensivierte der Verband ebenfalls seine Arbeit für den Radtourismus im eigenen Land. Dies war einerseits eine praktische Maßnahme, da der Automobilverkehr in dem zusehends von der Seeblockade betroffenen Land zum Erliegen kam und Auslandsreisen kaum noch möglich waren. Zugleich entsprach es aber auch der langjährigen Politik des ANWB, das Fahrrad als Mittel einzusetzen, um die Liebe zum eigenen Land zu fördern. Umringt von Krieg führenden Nationen mahnte der Verband zu Ruhe und Gelassenheit und empfahl das Radfahren als eine körperliche Übung, die maßgeblich dazu beitrüge, das geistige Gleichgewicht zu stärken und die Stimmung zu verbessern.[4]

Die verschiedenen Aktivitäten des ANWB auf dem Gebiet des Tourismus waren keine unschuldigen Freizeitaktivitäten in einem Land, das von den großen Weltereignissen unberührt, gewissermaßen hinter den Dünen, vor sich hin „dümpelte“.[5] Vielmehr war das Ziel, in einer Welt im Kriegszustand die nationale Identifikation der niederländischen Bürger mit dem eigenen Land zu intensivieren und diese auch innenpolitisch auf eine liberale Linie einzuschwören: Es galt, Ruhe und Gelassenheit zu bewahren, sich keinem überzogenen oder gar revolutionären Gedankengut hinzugeben und Kraft und Selbstvergewisserung aus der Schönheit des eigenen Landes zu ziehen. In dieser Hinsicht war der Erste Weltkrieg für die bürgerliche Radfahrpraxis in den Niederlanden weniger eine Zäsur, als vielmehr eine Verstärkung schon vorhandener Muster.

Kontrolliertes Auftreten, Ausgeglichenheit, Besonnenheit und Ruhe waren immer wieder als nationale Charaktereigenschaften der Niederlande beschworen worden.[6] „Mäßigung“ und „Ausgeglichenheit“ waren politische Kampfbegriffe einer innenpolitisch zunehmend unter Druck geratenen liberalen Elite, die damit das Auftreten der religiösen Gruppen und der Sozialdemokraten einzudämmen suchte. Liberale Zeitgenossen bemühten Begriffe wie „besonnen“, „gemäßigt“ und „nüchtern“, wenn es darum ging, die eigenen nationalen Stärken insbesondere gegenüber Deutschland und Frankreich hervorzuheben. Zu Recht ist daher darauf hingewiesen worden, dass der Mythos von den Niederlanden als der „besonnenen Nation“ zu einer jener zähen, erfundenen Traditionen gehört, mit denen Nationen sich selbst konstruieren. Dieser „Besonnenheitskult“ liberaler Prägung fand im Fahrrad ein wichtiges Mittel, mit dem unter der Ägide des ANWB Disziplin, Selbstbeherrschung und Ruhe sowie die Liebe und Verbundenheit zum eigenen Land in den Körper des niederländischen Bürgers eingeschrieben werden sollten.


[1] Vgl. Velde, Henk te: Gemeenschapszin en plichtsbesef. Liberalisme en nationalisme in Nederland 1870–1918, Den Haag 1992, S. 207–223.
[2] Vgl. hierzu Linders-Rooijendijk, M.F.A.: Gebaande wegen voor mobiliteit en vrijetijdsbesteding. De ANWB als vrijwillige associatie, 1883–1937, Heeswijk 1989, S. 143.
[3] Vgl. Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983, S. 172.
[4] Vgl. o.A.: Wij moeten, in: De Kampioen 31, 34/1914, S. 727–728.
[5] Vgl. Dunk, Hermann von der: Nederlandse cultuur in de windstilte, in: Dittrich, Kathinka (Hrsg.): Berlijn-Amsterdam. 1920–1940 wisselwerkingen, Amsterdam 1982, S. 28.
[6] Vgl. hierzu Stuurman, Siep: Wacht op onze daden. Het liberalisme en die vernieuwing van de Nederlandse staat, Amsterdam 1992.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

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