Das Fahrrad und die Niederlande



II. „Je zweet als een koetspaard“: Frühe Berichte


Karl Drais
Karl Drais um 1820 auf seiner Draisine (Lithographie), Quelle: Hartenstein

Das Radfahren war eine neue Form der Fortbewegung, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich populär und gegen Ende des Jahrhunderts zum Thema zahlreicher Bücher, Artikel, medizinischer Abhandlungen und philosophischer Betrachtungen gemacht wurde. In den 1890er Jahren sprachen Zeitungsartikel in den Niederlanden, aber auch in England, Frankreich Deutschland und den USA von einer „wielermanie“, einer „cyclomania“, einem „Siegeszug des Fahrrads“ bzw. einer „mode de la bicyclette“ oder „bicycle craze“, die um sich gegriffen habe.[1]

Als wichtiger Vorläufer des Fahrrads gilt das so genannte „Velociped“ (lat. velox, schnell und pes, Fuß) bzw. „Hobby Horse“, eine Laufmaschine, die von Karl von Drais 1813 entwickelt wurde und neben den Metropolen Paris und London offensichtlich auch Verbreitung in niederländischen Städten fand. Mitte des 19. Jahrhunderts widmete der für seine spitze Feder berühmt-berüchtigte niederländische Dichter Gerrit van der Linde Janszoon, genannt „De Schoolmeester“, dem Phänomen ein Gedicht:

Vélocipède

A.
Vindje d'er ook een been in om eens een blufjen te slaan
En in 't Haagsche bosch of in de Plantagie eens uit toeven te gaan
En de voetgangers verstomd te doen staan?

B.
Daar heb ik volstrekt niets tegen: het staat my zelfs byzonder aan;
Maar het met zijn met de trekschuit of diligence;
Want ik hou om den dood niet van onnutte dépense.

A.
Neen, het kost je geen cent
En 't is heel pleizierig, als je eerst de manier maar kent.

B.
Hoe meen je dat?

A.
Ik meen een vélocipède op twee wielen.
Je stuurt met je handschoenen en je duwt met je hielen
En je zweet als een koetspaard; want 't gaat ongemakkelijk gouw.

B.
Dat 's mooglijk; maar ik kan toch niet zeggen dat ik er veel van hou.
En als ik toch met mijn beenen werken moet,
Ga ik wat my betreft liever helemaal te voet.

A.
Ja! dat's waar, „knippen is ook goed.“

Quelle: Lennep, J. van (Hrsg.): De Gedichten van den Schoolmeester, Unveränderter Nachdruck der ursprünglichen Ausgabe, Amsterdam 1984 [1872], S. 147.

Das Spottgedicht deutet bereits auf die wesentliche Kontroverse, die nicht nur „Veloziped“ und „Hobby Horse“, sondern auch das Fahrrad mit Pedalen ab den 1870er und 1880er Jahren begleiten sollte: Es war dies die Frage nach dem Sinn und der Zweckhaftigkeit eines solchen Fortbewegungsmittels. Diente das Veloziped der Fortbewegung oder war es nicht eigentlich zu anstrengend oder zu gefährlich? War es womöglich nur ein Mittel der Selbstdarstellung reicher Männer? In England hatte Denis Johnson das Veloziped als „Hobby Horse“ vertrieben und damit den spielerischen und vergnüglichen Aspekt im Gebrauch unterstrichen. Mit dem „Hobby Horse“ verband sich auch eine exzentrische Benutzergruppe, die „Dandys“. Diese wohlhabenden und häufig auch aristokratischen jungen Männer waren Vertreter einer ganz eigenen, männlichen Ästhetik und Konsumhaltung. Sie wehrten sich gegen das utilitaristische Denken der Zeit und propagierten eine Kunst um ihrer selbst willen. Die Dandys präsentierten sich als Männer der Muße und investierten viel Zeit und Geld in sich selbst, ihre Kleidung und ihre Wohnung. Die Dandys griffen somit insbesondere den spielerischen Aspekt, das Nicht-Zweckgebundene, des Fahrrads auf.

Ab den 1870er Jahren entwickelte sich der Gebrauch des Fahrrads in den Niederlanden immer stärker von einem spielerischen, ostentativen Vergnügens hin zu einer energisch postulierten Zweckmäßigkeit des Radfahrens.


[1] Vgl. für Deutschland Rabenstein, Rüdiger: Radsport und Gesellschaft. Ihre sozialgeschichtlichen Zusammenhänge in der Zeit von 1867 bis 1914, Hildesheim/München/Zürich 1996; für die U.S.A. Herlihy, David V.: Bicycle. The History, New Haven/London 2004; Smith, Robert A.: A Social History of the Bicycle. Its Early Life and Times in America, New York 1972; für Frankreich Bertho Lavenir, Catherine: La roue et le stylo: comment nous sommes devenus touristes, Paris 1999 ; für England Ritchie, Andrew: King of the Road. An Illustrated History of Cycling, London 1975; für Kanada Norcliffe, G.: The Ride to Modernity. The Bicycle in Canada, 1868-1900, Toronto 2001; für Irland Griffin, B.: Cycling in Victorian Ireland, Dublin 2006.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

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