Das Fahrrad und die Niederlande



IX. „Ons eigen land“: Radfahrausflüge


Die Radtouren waren Teil eines Prozesses, in dem der nationale Raum als solcher überhaupt erst imaginiert und geschaffen wurde. Das nation building durch den Radtourismus erfolgte in den Niederlanden im Vergleich mit anderen Ländern besonders intensiv. Dies lag nicht zuletzt auch daran, dass sich der nationale Verband seit der Trennung vom Rennsport 1898 ausschließlich diesem Aspekt des Radsports widmete.

Landesweiter ANWB-Radfahrtag
Landesweiter ANWB-Radfahrtag am 8. Mai 1976 als eines der Erben der historischen Radfahrausflüge, Quelle: NA (928-5654)

1888 veröffentlichte der ANWB seinen ersten Reiswijzer, ein Handbuch mit Kartenmaterial, in dem die wichtigsten Radtouren durch das Land verzeichnet und beschrieben waren.[1] Die erste, noch recht einfach gehaltene Ausgabe enthielt neben den Wegebeschreibungen und einem alphabetischen Verzeichnis aller Orte auch eine Liste von Hotels und Fahrradwerkstätten.[2] Der Reiswijzer sollte in der Zukunft noch viele verschiedene Auflagen und Schwerpunkte erleben, er war das niederländische Pendant zum Baedecker. Es war dieses touristische Projekt, das auch die Struktur des niederländischen Verbandes für die Zukunft nachhaltig prägen sollte: Zuständig für die Informationen aus den unterschiedlichen Orten und Regionen waren die Konsuln, die fortan den ANWB im Land vertraten.

Aus Sicht des ANWB konnte ein Kennenlernen des eigenen Landes nur sinnvoll auf der Basis der Lektüre des Reiswijzer erfolgen. Alles andere sei planloses Vorbeifahren an der Schönheit und den Sehenswürdigkeiten des Landes.[3] Dieses planlose Vorbeifahren suchte der Verband auch dadurch einzudämmen, indem er Wegweiser aufstellte.[4] Damit setzte der ANWB auf dem System der Gemeinde-, Provinzial- und Reichswege als erster ein nationales Wegweisesystem ein. Erst nach dem Ersten Weltkrieg begann der niederländische Staat, sich an diesem Projekt finanziell zu beteiligen.[5]

Gleichzeitig prägte der Verband den Bildformungsprozess vom eigenen Land auch durch seine Reiseberichte und Bildbände von den Niederlanden, wie die zwischen 1908 und 1910 veröffentlichte vierbändige Reihe Ons eigen land. Die Fotografien in Ons eigen land sind als sorgfältig konstruierte Bilder einer „lebendigen Schönheit“ zu begreifen, deren Ideale sich einerseits aus der Malerei der „Haagse School“ (dt. Haager Schule) mit ihren Vorbildern im „Goldenen Zeitalter“ der Niederlande und andererseits aus dem Gegensatz der nicht-abgebildeten, aber real vorhandenen zunehmenden Industrialisierung des Landes speisten.

Die Bildbände waren nostalgischer Rückblick und zukunftsweisende Handelsanleitung in einem. Schließlich setzte sich der ANWB auch aktiv für jene Schönheit der Niederlande ein, die in Ons eigen land beschworen wurde. Der Verband war in Natur- und Heimatschutzverbänden wie der 1905 gegründeten „Vereeniging tot Behoud van Natuurmonumenten“ (dt. Vereinigung zum Erhalt von Naturdenkmälern) und dem 1911 nach dem Vorbild des deutschen Heimatschutzes gegründeten „Heemschut“ aktiv.[6]

Für ihre Reisen stattete der Verband die Radfahrer mit Bildern und Imaginationen aus, die die Fahrt durch das eigene Land vorkonfigurierten. Die Radfahrer suchten diese Bilder vom nationalen Raum, wenn sie sich auf die Radtour begaben. Umgekehrt wurden diese Bilder, Visionen und Imaginationen von dem, was die Nation mit unterschiedlichen, aber dennoch typischen und unterscheidbaren Landschaften und Menschen und einer gemeinsamen Geschichte von anderen Nationen unterschied, aber auch ganz konkret in den Raum eingeschrieben.


[1] Vgl. Kikkert, J.G.: Op stap in Nederland. Toerisme vroeger en nu, Weesp 1985, S. 56.
[2] Vgl. ANWB: Reiswijzer van den Algemeenen Nederlandschen Wielrijders-Bond, Utrecht 1888.
[3] Vgl. Meijer, J.C.: De Reiswijzer van den A.N.W.B., in: De Kampioen 24, 34/1907, S. 717–719.
[4] Vgl. Versteeg, C.: 100 jaar ANWB-bewegwijzering, Den Haag 1994, S. 6.
[5] Vgl. Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983, S. 166–168.
[6] Zur Naturschutzbewegung in den Niederlanden vgl. Dijk, J. van (Hrsg.): Vijftig jaar natuurbescherming in Nederland. Gedenkboek uitgegeven ter gelegenheid van het gouden jubileum van de Vereniging tot Behoud van Natuurmonumenten in Nederland, Amsterdam 1956; Gorter, H.P.: Ruimte voor Natuur. 80 jaar bezig voor de natuur van de toekomst, 's-Graveland 1986; Windt, Hendrik Johannes van der: En dan: wat is natuur nog in dit land? Natuurbescherming in Nederland 1880–1990, Amsterdam 1995.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

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