Das Fahrrad und die Niederlande



VI. Der ANWB als nationaler Radfahrerverband


Die Initiative zur Gründung eines nationalen Radfahrerverbandes ging 1883 von zwei Engländern in den Niederlanden aus; das Vorbild zur Gründung war der englische Cyclists’ Touring Club.[1] Das Nebeneinander von kosmopolitischen, transnationalen Netzwerken und die gleichzeitige Herausformung eines nationalen, niederländischen Selbstverständnisses im Verband ist kennzeichnend für dessen Anfangszeit.

Radfahrclub „Immer Weiter“
Radfahrclub „Immer Weiter“ beim Start einer Tour bei Deventer , Quelle: Flickr

Deutlich sichtbar wird dies an den sprachlichen Auseinandersetzungen. Innerhalb weniger Jahre änderte der frisch gegründete Dachverband zweimal seinen Namen. Im Januar 1884 beschlossen die Mitglieder des Verbands zunächst, die französischen Akzente des Wortes „vélocipède“ in Zukunft nicht mehr zu schreiben. Ein Jahr darauf wurde auf Anraten der Sprachwissenschaftler J.A. Alberdingk Thijm und Matthijs de Vries auf das Wort „vélocipède“ gänzlich verzichtet. Über den angemessenen niederländischen Begriff für Fahrrad und Dreirad hatten die Sprachwissenschaftler zuvor kontrovers diskutiert. Der Leidener Professor und Herausgeber eines Wörterbuchs der niederländischen Sprache, Matthijs de Vries, schlug in seinem Wörterbuch den Begriff „wieler“ für Fahrrad vor. Durchsetzen sollte sich letztlich der Vorschlag des Deventer Gelehrten und erbitterten Widersachers von De Vries, Johannes von Vloten: „rijwiel“.[2] „Wielrijder“ war die von den Sprachwissenschaftlern vorgeschlagene Neologie für „vélocipèdist“.[3] Für die zahlreichen, zumeist aus dem Englischen stammenden Fachtermini wie „record“, „lead“, „spurt“ etc. erbat sich De Kampioen 1887 von seinen Lesern Vorschläge für niederländische Ersatzbegriffe. Trotz reichlicher Anregungen blieben viele englische Wörter dennoch in Gebrauch.

In den Statuten von 1883 hatte der niederländische Verband als Ziel festgelegt, den Radsport in den Niederlanden auf jede  nur mögliche Weise zu fördern.[4] Der Verband wollte zu diesem Zwecke in allen Teilen des Landes Kontaktpersonen benennen sowie Kartenmaterial und Handbücher ausgeben. Die nationale Stoßrichtung der Verbandsarbeit schlug sich auch in der geographischen Orientierung nieder: In seinen ersten Statuten nahm sich der Verband ausdrücklich vor, Radclubs in denjenigen Orten zu gründen, wo bisher keine vorhanden waren. Die Niederlande sollten systematisch mit einem Netz bürgerlicher Radfahrvereine, die allesamt im nationalen Dachverband organisiert waren, überzogen werden.

Dabei musste sich der ANWB immer wieder gegen Ansprüche regionaler Verbände zur Wehr setzen. Besondere Probleme stellten hierbei vor allem die nördlichen und südlichen Provinzen dar. Der geographische Schwerpunkt des Verbands lag in den Städten Nord- und Südhollands. In der südlichen Grenzregion Limburg hatte hingegen der Touring-Club de Belgique viele Mitglieder. Im Norden gründete sich 1898 der Friesche Wielrijdersbond, der mit dem angriffslustigen Vereinslied „Friezen, baes yn eigen lân“ (dt. „Friesen, Herren im eigenen Land“) Mitglieder anzuwerben suchte.[5] Der Verband konnte sich nicht durchsetzen und wurde 1904 vom ANWB einverleibt. Aber diese Beispiele zeigen, dass der nationale Anspruch des Dachverbandes kein Selbstläufer war. Vielmehr musste dieser durch seine Politik und seine Präsentation nach außen hin immer wieder den Zusammenhang von Radfahren und nationaler Identität etablieren und gegen andere mögliche Zusammenhänge – sei es regionaler, sei es transnationaler Art – herstellen und verteidigen.


[1] Vgl. Linders-Rooijendijk, M.F.A.: Gebaande wegen voor mobiliteit en vrijetijdsbesteding. De ANWB als vrijwillige associatie, 1883–1937, Heeswijk 1989, S. 17.
[2] Vgl. Sanders, Ewoud: Fiets! De geschiedenis van een vulgair jongenswoord, Den Haag/Antwerpen 1997, 9–13.
[3] Die Neologie „rijwiel“ für „vélocipède“ wurde in späteren Jahren allmählich durch den Begriff „fiets“ verdrängt. Dessen Etymologie ist umstritten, einen Überblick über die verschiedenen Theorien bietet Sanders, Ewoud: Fiets! De geschiedenis van een vulgair jongenswoord, Den Haag/Antwerpen 1997, S. 20–39.
[4] ANWB: Archief, Statuten, 1883.
[5] Vgl. Zee, F. Jac de: Lebensloop van den Frieschen Wielrijdersbond, in: Stânfries 26, 1905, S. 5–9.

Autorin: Anne-Katrin Ebert
Erstellt: Dezember 2010


Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010.

Hogenkamp, G.J.M.: Een halve eeuw wielersport, Amsterdam 1916.

Pucher, John/Buehler, Ralph: Making cycling irresistible: Lessons from the Netherlands, Denmark and Germany, in: Transport Reviews 4, 28/2008: S. 495–528.

Schaap, Dick (Hrsg.): Een eeuw wijzer, 1883–1983. Honderd jaar Koninklijke Nederlandse Toeristenbond ANWB, Utrecht 1983.

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