DAs Bildungssystem der Niederlande


XXIII. Hochschul- und Forschungspolitik

Der wissenschaftliche Unterricht an Hochschulen und Universitäten und Forschung in den Niederlanden besitzt einen hohen gesellschaftlichen, aber auch politischen Stellenwert. Forschung, so das Bildungsministerium, hat in erster Linie zum Ziel auf systematische Art und Weise die Menge an Wissen zu vergrößern – Wissen mit Bezug auf das Verständnis vom Menschen, der Kultur und Gesellschaft. Dahinter liegen selbstverständlich weitere Ziele, wie wirtschaftlicher Aufschwung und allgemeiner Wohlstand. Auf dem Weg zum Wissensland müssen Wissenschaft und Forschung deswegen besonders gefördert werden.

Die Politik sieht dabei ihre Hauptaufgabe darin, für eine breite und nachhaltige Basis für wissenschaftliche Forschung zu sorgen. Diese Basis versucht sie durch die Finanzierung von wissenschaftlichen Einrichtungen, durch das Anregen exzellenter Forschung, und durch die Stimulierung der Verbreitung und Nutzung der Forschungsergebnisse zu schaffen. Die allgemeine Wissenschafts- und Forschungspolitik wird vom Bildungsministerium koordiniert; Ziele und Richtlinien werden von dieser Stelle vorgegeben. Darüber hinaus ist in den Niederlanden aber zusätzlich jeder Minister eines Ressorts für die Wissenschaft und Forschung des Geschäftsbereiches verantwortlich. Insbesondere sind hier das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Ernährungsqualität und das Wirtschaftsministerium zu nennen. Das Erste fördert Forschung und Innovation im Bereich der Landwirtschaft und Umwelt. Das Zweite ist verantwortlich für die allgemeine wirtschaftliche Innovationspolitik der Niederlande. Das Wirtschaftsministerium versucht beispielsweise durch Steuervergünstigungen das Innovationsvermögen der niederländischen Wirtschaft zu verbessern.
   
Der tertiäre Bildungssektor erhält jährlich mehr als vier Milliarden Euro (Stand 2005) finanzielle Förderung vom Bildungsministerium. Davon gehen 1,8 Milliarden an die Fachhochschulen und 3,3 Milliarden an die Universitäten. Insgesamt haben die zweiundfünfzig Fachhochschulen einen jährlichen Etat von 2,7 Milliarden Euro, die dreizehn Universitäten von 5,1 Milliarden Euro. Die Universitäten setzten jeweils zwanzig Prozent ihres Budgets für Unterricht und Dienstleistungen ein. Ungefähr sechzig Prozent des Etats, also mehr als drei Milliarden Euro jährlich, ist für Forschung reserviert.

Neben dem Bildungsministerium und dem Landwirtschaftsministerium tragen auch andere Quellen zum Forschungsetat bei (Drittmittel). Die NWO, die niederländische Organisation für wissenschaftliche Forschung, verteilt jährlich rund 300 Millionen Euro an individuelle Forscher, die einen Forschungsantrag gestellt haben. Die Forschungsvorhaben, die von der NWO finanziert werden, haben meistens einen fundamental wissenschaftlichen Charakter (nicht umsonst hieß die NWO bis 1988 ZWO: „Organisatie voor Zuiver Wetenschappelijk Onderzoek“, d.h.: „Organisation für rein wissenschaftliche Forschung“). Deren Gegenpol, die angewandte Forschung, wird finanziell von Wirtschaftsunternehmen und der Industrie unterstützt. Diese Art der Forschung findet eher selten an den Universitäten statt (nur 8 Prozent der Forschung an Universitäten wird von der freien Wirtschaft finanziert). In der Regel haben die Konzerne eigene Forschungslabors.

Auf der Schnittstelle zwischen den Universitäten und der feien Wirtschaft gibt es, ähnlich wie in Deutschland, (semi-)öffentliche wissenschaftliche Einrichtungen. Dazu gehört beispielsweise die „Niederländische Organisation für angewandte naturwissenschaftliche Forschung,“ („Nederlandse Organisatie voor Toegepast Natuurwetenschappelijk Onderzoek, TNO“). Diese Organisation wurde 1932 durch den niederländischen Staat gegründet um die Kooperation zwischen dem Forschungssektor und der Wirtschaft zu stimulieren. Mittlerweile forscht TNO im Auftrag der Wirtschaft, des Staates und anderer in den Sektoren: Lebensqualität, Industrie und Technik, Verteidigung und Sicherheit, Bau und Boden, und Informations- und Kommunikationstechnologie. Die Wirtschaft finanziert dabei fast die Hälfte aller Forschung bei TNO. Bei anderen semi-öffentlichen Forschungseinrichtungen kann dieser Anteil noch höher liegen. Bei dem maritimen Forschungsinstitut Marin, liegt der Anteil der vonseiten der Wirtschaft finanzierten Forschung bei fast 80 Prozent.

Die gute Ausgangsposition in der niederländischen Forschungslandschaft hat das Bildungsministerium dazu veranlasst, die Qualität der Forschung noch weiter zu verbessern, um auf die Dauer eine Spitzenposition in Europa einnehmen zu können. Im Jahr 2003 legte das Ministerium ein Konzept vor, mithilfe dessen sich die Niederlande in einigen Jahren in die Top 3 der europäischen Wissensnationen und Wirtschaftsnationen vorarbeiten sollen. Zunächst wurde ein mittelfristiger Zeitplan für das Jahr 2004 aufgestellt. Im Rahmen des Konzepts HOOP 2004 wurde zunächst einmal festgelegt, anhand welcher Themen das Ziel erreicht werden soll. Man hielt fest, dass, neben der finanziellen Verantwortung der Politik für den tertiären Bildungsbereich, auch Themen wie die wachsende Bedeutung von europäischer Zusammenarbeit und die Globalisierung der universitären Bildung – sowohl im Hinblick auf die Forschung, als auch auf die Mobilität von Studenten und Arbeitenden – zukünftig eine wichtige Rolle spielen würden. Für die Niederlande ist es besonders wichtig am Ball zu bleiben, wenn es um internationales Ansehen, Konkurrenzfähigkeit und um exzellente Austauschstudenten geht. Somit kann immer wieder neues Wissen ins Land geholt werden, was der Wirtschaft nur gut tut.

Die Niederlande befinden sich schon seit Jahren auf dem Weg eine Wissensgesellschaft zu werden. Noch immer hat die Erhöhung des Anteils hoch qualifizierter Bürger in der Berufsbevölkerung politische Priorität. Um zu messen, wie hoch der Anteil in der Bevölkerung bereits ist, wird oft die Bedeutung angewandter Forschung in der Industrie oder der Stand von Forschung und Entwicklung als Gradmesser herangezogen. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung und für das für beide Sektoren zur Verfügung stehende Personal können international verglichen werden. Natürlich finanziert der Staat keine Wirtschaftsunternehmen, um so die Forschung und Entwicklung voranzutreiben. Die Politik versucht aber die Zusammenarbeit von Bildungseinrichtungen und der Wirtschaft zu vertiefen. Dadurch sollen wechselseitige Bedürfnisse besser befriedigt werden, was wiederum der ökonomischen Kraft des Landes und der allgemeinen Forschungssituation zugutekommen soll. Dabei darf laut der HOOP-Richtlinien allerdings nicht vergessen werden, dass Wissenschaft und Forschung nicht nur einen wirtschaftlichen Auftrag haben dürfen, sondern auch eine gesellschaftliche Funktion erfüllen. Die Wünsche der Studenten dürfen denen der Wirtschaft in nichts nachstehen und Gebiete, die auf den ersten Blick keinen wirtschaftlichen Nutzen zu haben scheinen, dürfen nicht vernachlässigt werden. Geschichte, Sprachwissenschaften oder andere geisteswissenschaftliche Fächer sind demnach ebenso zu fördern wie Nanotechnologie oder Gentechnologie.

Aus dem internationalen Vergleich ergibt sich, dass die Niederlande noch viel leisten müssen, um ihre Ambitionen als Wissensgesellschaft zu verwirklichen. Die Niederlande geben zum Beispiel weniger für Forschung und Entwicklung aus (1,75 Prozent des BIP) als der EU-Durchschnitt (1,77 Prozent des BIP) oder der Durchschnitt der OECD-Länder (2,25 Prozent des BIP). Auch der Anteil an Personal in diesem Bereich als Teil der Berufsbevölkerung ist in den Niederlanden niedriger (11 auf 1000 Arbeitenden) als in vielen anderen europäischen Ländern, wie Deutschland (11,4 auf 1000 Arbeitenden) oder Spitzenreiter Finnland (21,8 auf 1000 Arbeitenden). Um diese Ergebnisse zu verbessern, versucht das Bildungsministerium vor allem mehr hoch qualifizierte Frauen und Immigranten, als „zurzeit noch ungenutztes Potenzial“, zu stimulieren eine Berufstätigkeit in den Forschungs- und Entwicklungsabteilungen aufzunehmen. Darüber hinaus wird versucht, Forscher aus dem Ausland für eine Karriere in der niederländischen Wirtschaft zu begeistern.

Abschließend kann man festhalten, dass sich die nationale Wissenschaftspolitik auf drei Ebenen vollzieht. Zunächst findet eine internationale Zusammenarbeit auf europäischer Ebene statt. Dabei spielen nicht nur nationale Interessen eine Rolle, sondern diese Zusammenarbeit soll in erster Linie den europäischen Integrationsprozess stärken und die europäische Wirtschaft fördern. Dazu nehmen die Niederlande an europäischen Rahmenprogrammen teil, die zum Beispiel Forschungsgebiete wie Nanotechnologie, Luft- und Raumfahrt oder Lebensmittelsicherheit in den Fokus der europäischen Forschung stellen. Eine zweite Art der internationalen Zusammenarbeit vollzieht sich auf der bilateralen Ebene. Dabei haben die Niederlande besondere Prioritätsländer, mit denen eine permanente und weitreichende Zusammenarbeit besteht. Zu diesen Ländern gehören Russland, China und Indonesien, sowie Flandern, Frankreich und einzelne deutsche Bundesländer. Besonders mit NRW besteht eine rege Austauschbeziehung. Es gibt inzwischen 14 binationale Studiengänge, bei denen die Studenten auf beiden Seiten einen Teil ihrer Ausbildung im Nachbarland bestreiten und am Ende ein Doppeldiplom erhalten. Schließlich gibt es noch eine internationale Zusammenarbeit durch die Teilnahme an europäischen Forschungseinrichtungen wie der europäischen Weltraumbehörde ESA.

Autoren: Johanna Tigges und Pim Huijnen
Erstellt:
2004
Aktualisiert: Januar 2008


Links

Wichtige Links im Bereich Bildung finden Sie unter Institutionen

Weitere Informationen in unserem Dossier Studieren in den Niederlanden

Dossier des nld. Bildungsministerium zum Thema Hochschulpolitik Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschappen (OCW)

Literatur

Alle bibliographischen Angaben des Dossiers finden Sie unter Bibliographie

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