Archiv Bildung und Forschung - Kurzbeitrag
Niederländisch für den Beruf - Niederländisch für Deutschsprachige
„Ik ben Jana. Ik kom uit Duitsland. En ik wil graag Nederlands leren.“ „Ich bin Jana. Ich komme aus Deutschland. Und ich möchte gern Niederländisch lernen.“ Diese Worte hat Jana Wieder schon oft gesagt. Aber die Lehrerin vorne an der Tafel will sie immer wieder hören. Denn auch wenn die Vokabeln der Deutschen keine Probleme bereiten: Bei der Aussprache hapert es noch. Seit drei Tagen sitzt Jana Wieder nun im Anfängerkurs am Goethe-Institut in Amsterdam. Gemeinsam mit ihren Mitschülern lernt sie „Niederländisch für Deutschsprachige”. Ein Intensivkurs über zwei Wochen. Jeden Tag sechs Stunden Grammatik, Vokabeln – und vor allem diese komischen „ui“- und „g“-Laute, die einem Deutschen nur schwer über die Lippen kommen.
Warum Niederländisch lernen?
Intensivkurs Niederländisch? Wozu eigentlich? Schließlich kann doch fast jeder Holländer Englisch sprechen. Oder Deutsch. Oder sogar beides. Aber die Zeiten haben sich geändert. Während immer weniger Niederländer Deutsch lernen, pauken immer mehr Deutsche Niederländisch. Und während die Deutschen den kleinen Nachbarn früher nur besuchten, um an holländischen Stränden zu liegen, Kanälen zu fietsen und in Coffeeshops zu kiffen, kommen sie nun auch aus einem anderen Grund: Arbeit! Kein Wunder. Mit etwa fünf Prozent ist die Arbeitslosigkeit bei den Niederländern nur halb so hoch wie in Deutschland. Vor allem im Baugewerbe gibt es noch einige vakante Stellen. Handwerker, Ingenieure, Architekten, aber auch Computer-Experten haben gute Chancen auf einen festen Job. Und wer hier leben und arbeiten will, der sollte natürlich auch ‚een beetje Nederlands praten’ können.
Goethe-Institut an der Herengracht
Eine gute Adresse um Niederländisch zu lernen, ist das Goethe-Institut an der Herengracht in Amsterdam. Neben zahlreichen Deutschkursen für Niederländer gibt es dort auch eine Menge Niederländischkurse für Deutsche. Für jeden ist was dabei: Einmal die Woche abends, zweimal die Woche nachmittags, oder eben zwei Wochen intensiv. Ein Angebot, das sich einer steigenden Nachfrage erfreut: 2000 wollten nur 159 Deutsche am Amsterdamer Goethe-Institut Niederländisch lernen. Im vergangenen Jahr waren es 312 – also fast doppelt so viele.
Leben und Arbeiten in den Niederlanden
Mit zehn anstatt 14 Teilnehmern ist der Februar-Intensivkurs nicht ganz ausgebucht. Aber für die Jahreszeit ist zehn schon eine beachtliche Zahl. Denn wer will schon im Februar nach Amsterdam? Eine Rundfahrt durch die Grachten, ein Sonnenbad im Vondelpark, ein Segeltörn auf dem Ijsselmeer – das macht im Winter natürlich nicht so viel Spaß. Aber zum Spaß sind die Sprachschüler ja auch nicht hier. Fast alle machen sie den Kurs, weil sie irgendwann in den Niederlanden leben und arbeiten wollen.
Niederländisch für Kollegen und Freizeit
Auch Jana Wieder. Ab Mai wird sie bei Vodafone in Amsterdam arbeiten. Als Call-Center-Agentin. Genau das hat sie auch schon in ihrer Heimatstadt Dresden gemacht. Aber da ihr Mann seit drei Jahren in Hilversum arbeitet, und Jana „die Fernbeziehung echt leid“ ist, lässt sie sich nun versetzen. Bei Vodafone muss sie zwar nur auf Deutsch telefonieren, aber „in den Pausen mit Kollegen oder in der Freizeit will ich natürlich auch Niederländisch sprechen“, sagt sie.
Niederländisch für Vorlesungen und Yoga-Kurse
Mitschüler Hubertus Austermann aus Münster dagegen braucht die Sprache vor allem für den Job. Einmal in der Woche hält der Professor wirtschaftswissenschaftliche Vorlesungen an der Universität in Maastricht. Bisher in Englisch, „aber bald hoffentlich auch in Niederländisch“, sagt er. Der Frankfurter Rolf Jost wiederum lebt bereits seit vier Jahren in Amsterdam. Trotzdem kann der Yogalehrer immer noch nicht so richtig Niederländisch. „In meinen Yogakursen sind immer ein paar Ausländer“, sagt er. „Also unterrichte ich in Englisch.“ Das soll sich nun ändern: „Wir haben gerade eine neue Akademie gegründet hier in Amsterdam. Und da zu den Kursen überwiegend holländische Studenten kommen, wollen wir jetzt auch in Niederländisch unterrichten.“
Niederländisch im Alltag
Nur: Kann man nach zwei Wochen Intensivkurs auf Niederländisch Yoga unterrichten? Oder Vorlesungen an der Universität geben? „Nein“, sagt Lehrerin Hélène Vossen. „Aber dafür können die Schüler sich nach dem Kurs im Alltag zurecht finden. Sie können nach dem Weg fragen, einkaufen gehen und einfache Gespräche führen.“ Immerhin. Und wenn sie fleißig weiter Kurse besuchen, dann reicht es vielleicht bald auch für den Beruf. Oder? „Bestimmt“, sagt Hélène Vossen. „Deutsche lernen Niederländisch viel schneller als Menschen aus anderen Ländern. Schließlich ist mehr als die Hälfte des deutsch-niederländischen Wortschatzes ja praktisch identisch.“
Die kleine Schwester des Deutschen?
Das Niederländisch sozusagen die kleine Schwester des Deutschen ist, findet auch der Amsterdamer Sprachlehrer Dik Linthout. „Das erste, was ich meinen deutschen Kursteilnehmern klarmache, ist, dass Niederländisch für sie keine Fremdsprache ist“, schreibt er in seinem Buch „Frau Antje und Herr Mustermann“. Und er gibt seinen Schülern folgenden Rat: „Wenn man das niederländische Wort nicht kennt, benutze man einfach dasselbe Wort in der eigenen Sprache.“ Das führt mitunter zu Missverständnissen. Sagt man zum Beispiel „De hond beld“, dann versteht der Holländer „Der Hund klingelt“. Und wenn man jemandem seinen „Enkel“ vorstellt, dann denkt dieser, man spricht von seinem „Knöchel“. Besonders witzig finden es die Holländer, wenn ein Deutscher sagt „Ik kom wel klaar met haar“. Was nämlich nicht bedeutet, dass man mit ihr klar kommt, sondern dass es einem bei ihr kommt.
Falsche Freunde
Probleme mit diesen so genannten „valse vrienden“, den „falschen Freunden“, hat auch Kursteilnehmerin Susanne Herberger aus Mannheim. Dabei müsste gerade sie des Niederländischen mächtig sein. Schließlich kommt ihre Mutter ursprünglich aus Venlo. Aber leider wurde zuhause in Mannheim immer nur Deutsch gesprochen. Jetzt, mit 28 Jahren, will die junge Ärztin das Versäumte nachholen, endlich ihre „Muttersprache“ lernen. Vor allem, weil sie sich mit ihren Verwandten in Venlo unterhalten möchte. „Der Dialekt in Venlo ist dem Deutschen ja sehr ähnlich. Und daher verstehe ich das meiste auch“, sagt sie. „Aber jetzt will ich Niederländisch endlich auch mal sprechen können.“ In den Niederlanden leben und arbeiten, das kann sich Susanne im Moment nicht vorstellen. „Aber wer weiß. Vielleicht komme ich irgendwann zurück und bleibe dann länger.“
Neuer Wohnort
Jana Wieder bleibt vielleicht für immer. Im Mai wird sie zu ihrem Mann nach Hilversum ziehen und ihren neuen Job bei Vodafone antreten. Bis dahin will sie noch eine Menge Grammatik und Vokabeln pauken, vielleicht auch noch ein oder zwei Fortgeschrittenen-Kurse besuchen. Und danach wird sie hoffentlich mehr sagen können als: „Ik ben Jana. Ik kom uit Duitsland. En ik wil graag Nederlands leren.“
Autor: Dominic McVey
Erstellt: März 2006
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