Deutsch in den Niederlanden


I. Einführung

Schultafel
Viele Niederländer unterschätzen die deutsche Grammatik, Quelle: GretchensFrage/cc-by-nc-sa

Noch immer herrscht bei vielen Deutschen die Vorstellung, dass das Beherrschen von Deutsch für die meisten Niederländer eine Selbstverständlichkeit ist. Tatsächlich begegnet man immer wieder Niederländern, deren fast akzentloses und grammatikalisch fehlerfreies Deutsch dieses Bild zu bestätigen scheint. Tatsache ist allerdings auch, dass die niederländischen Gesprächspartner dann in der Regel über 50 Jahre alt sind. Für jüngere Generationen sind Kenntnisse der deutschen Sprache keineswegs mehr selbstverständlich.

Einfluss von Bildungsreformen [1]

Bis zum 2. Weltkrieg war Deutsch die erste und wichtigste Fremdsprache in den Niederlanden. Nach der deutschen Besatzungszeit in den Niederlanden und der nationalsozialistischen Diktatur änderte sich dies. Gleichzeit gewann Englisch im Zuge der fortschreitenden Globalisierung an Bedeutung. Seitdem wird Deutsch, im Gegensatz zu Englisch und Französisch, an den meisten Schulen nicht mehr ab der ersten Klasse der Sekundarstufe angeboten.

Die Einführung der mammoetwet (1968) an niederländischen Schulen schwächte die Position des Faches Deutsch: Schüler hatten relative Freiheit bei der Wahl ihrer Examensfächer und nur eine Fremdsprache war obligatorisch. Die meisten wählten Englisch. Hinzu kam ein erweitertes Fremdsprachenangebot an Schulen: Seit 1971 durften Schulen auch Spanisch, Russisch und Italienisch anbieten, seit 1990 auch Arabisch und Türkisch, ab 2015 wird selbst Chinesisch als mögliches Examensfach zugelassen.

Weitreichende Bildungsreformen in den 90er Jahren bedeuteten erneut eine Verschlechterung für das Fach Deutsch. 1993 wurde die Wahlmöglichkeit zwischen Deutsch und Französisch in der Unterstufe (basisvorming) der Hauptschule eingeführt. Mit anderen Worten: Seit den 90er Jahren kann ein Niederländer seine Schulzeit auf der Hauptschule absolvieren, ohne jemals mit dem Fach Deutsch in Berührung zu kommen. Seit der Einführung des vmbo (Fusionierung von verschiedenen berufsvorbereitenden Schulformen) 1999 wählen Schüler einen von vier sogenannten Sektoren für die letzten zwei Jahre ihrer Schullaufbahn. Die Möglichkeit, Deutsch als Wahlfach bis zum Abschlussexamen belegen zu können, muss nur im Sektor ‚Wirtschaft‘ angeboten werden. An vielen vmbo-Schulen besteht für die Schüler der drei anderen Sektoren keine Möglichkeit, Deutsch in den letzten zwei Jahren ihrer Schullaufbahn zu wählen.

Eine ähnliche Entwicklung vollzog sich in havo (hoger algemeen voortgezet onderwijs) und vwo (voorbereidend wetenschappelijk onderwijs), wo seit 1998 mit der Einführung des studiehuis die freie Fächerwahl in der Oberstufe beschränkt wurde. Schüler müssen sich seitdem auf sogenannte profielen festlegen, in denen einige Fächer obligatorisch sind und die Wahl anderer Fächer bestimmten Vorgaben unterliegt. Für Schüler der havo gilt, dass nur in einem der vier profielen (cultuur en maatschappij) eine zweite Fremdsprache neben Englisch überhaupt erforderlich ist.

Deutsch in der Berufsbildung

In der Berufsbildung, vor allem in den Wirtschafts- und Verwaltungsausbildungen, waren Fremdsprachen, insbesondere Englisch und Deutsch, gut etabliert. Dies änderte sich 1997 mit der Konzentrierung beruflicher Ausbildungszweige in ROC’s (Regionale Opleidingscentra). Seit 2012 wurden einschneidende Änderungen aller Ausbildungsordnungen durchgeführt. Ein unbeabsichtigtes Opfer dieser Erneuerungen wurde das Fach Deutsch: Da Englisch offiziell die obligatorische und in den meisten Berufsrichtungen einzige Fremdsprache für alle höheren Berufsausbildungen wurde, verschwand Deutsch für viele Berufsschüler aus dem Curriculum. Nach Protesten von Entscheidungsträgern und Lehrern aus dem Grenzgebiet gibt es seit 2013 eine starke Lobby für Deutsch in der Berufsbildung, deren Stimme auch das niederländische Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft (OCW) erreicht hat. 2014 haben sowohl das Ministerium von OCW als auch das Wirtschaftsministerium (EZ) Fördergelder bewilligt, die die Entwicklung von Unterrichtsmodellen und berufsorientierten Materialien für Deutsch als Wahlfach ermöglichen, so dass diese Option niederländischen Berufsschülern auch in der Zukunft noch erhalten bleibt.

Faktor Fernsehen

Tatort
Deutsche Krimis vermittelten jahrelang Grundkenntnisse der deutschen Sprache, Quelle: Eva Freude/cc-by-nc-sa

Abgesehen von den Bildungsreformen spielen auch andere Faktoren eine Rolle für die Abnahme der Deutschkenntnisse in den Niederlanden. Ein wichtiger Einschnitt war zum Beispiel der Beginn des kommerziellen Fernsehens in den 80er Jahren. Davor wuchsen Generationen von Niederländern zumindest im Grenzgebiet zwischen Groningen und Maastricht, mit dem deutschen Fernsehen auf. Die öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehsender ARD und ZDF, sowie einige regionale Sender waren eine beliebte Alternative zu dem beschränkten Angebot der beiden niederländischen Fernsehkanäle Nederland 1 und Nederland 2. Einige deutsche Krimiserien, wie ‚Derrick‘ oder ‚Tatort‘ erfreuten sich großer Beliebtheit und wurden auch im niederländischen Fernsehen gezeigt: auf Deutsch, mit niederländischen Untertiteln. Jugendliche sahen amerikanische Filme in der deutsch synchronisierten Fassung. So entstanden Grundkenntnisse der deutschen Sprache, jedenfalls im Hörverstehen, noch bevor eine erste Deutschstunde besucht wurde. Inzwischen gibt es, mit einem immensen niederländisch- und englischsprachigen Angebot von (kommerziellen) Fernsehkanälen, kaum noch niederländische Jugendliche, die sich freiwillig deutsche Fernsehsender ansehen. Viele werden erst im Alter von 13 oder 14 Jahren, während der ersten Deutschstunde, mit der deutschen Sprache konfrontiert. Deutsch ist eine echte Fremdsprache in den Niederlanden geworden.


[1] Talenexpo: Honderd jaar levende talen, o. J., Onlineversion.

Autorin: Kerstin Hämmerling
Erstellt:
Oktober 2014


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Weitere Informationen zu Deutsch in den Niederlanden finden Sie beim Duitsland Instituut Amsterdam

Literatur

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