Bildung und Forschung - PERsonen A-Z



Johan Huizinga

* Groningen, 7. Dezember 1872 - † De Steeg, 1. Februar 1945 - Historiker

Johan Huizinga

Johan Huizinga, Quelle: NA (139-0715)

Der niederländische Historiker Johan Huizinga etablierte sich sowohl in den Niederlanden als auch im Ausland mit kulturgeschichtlichen Werken. Obwohl es immer ein Interesse an seinen Publikationen gab, trat Huizinga im Zuge der Hochkonjunktur der Kulturgeschichte als Wegbereiter dieser Disziplin seit den späten 1980er Jahren wieder verstärkt ins Rampenlicht

Johan Huizinga wird am 7. Dezember 1872 in Groningen als Sohn des Physiologieprofessors Dirk Huizinga geboren, der aus einem Geschlecht mennonitischer Pfarrer stammt. Nach dem Abitur studiert Johan an der Groninger Universität Literaturwissenschaft, das damals auch Geschichte und Sanskrit umfasst. Nach einem kurzen Studienaufenthalt an der Universität in Leipzig im Winter 1895/96 promoviert er 1897 in Groningen über die Figur des Komischen im altindischen Theater.

Nach seiner Promotion bekommt Huizinga eine Stelle als Geschichtslehrer an einer Oberrealschule in Haarlem, und ab 1903 lehrt er außerdem an der Universität von Amsterdam als Privatdozent die Geschichte und Sprache des alten Indiens. Auf Anregung des Groninger Historikers P. J. Blok beginnt er zudem mit einer Untersuchung über die mittelalterliche Stadtgeschichte Haarlems. Dies führt dazu, dass er 1905 einen Ruf nach Groningen auf den Lehrstuhl für allgemeine und niederländische Geschichte erhält. Er präsentiert sich bei seiner Antrittsrede dort als Geschichtstheoretiker und formuliert den Leitsatz, dass 'die Anschaulichkeit eine Hauptbedingung für historisches Verständnis' sei.

Während der nächsten zehn Jahre arbeitet Huizinga in Groningen zunächst vor allem zur Lokalgeschichte und veröffentlicht erste Vorstudien zu einer großen Arbeit über die Renaissance in Nordwesteuropa, die 1919 als 'Herfsttij der middeleeuwen' ('Herbst des Mittelalters. Studien über Lebens- und Geistesformen des 14. und 15. Jahrhunderts in Frankreich und in den Niederlanden') erscheint. In dem Werk, das seinen internationalen Ruhm begründet und noch in den 1920er Jahren ins Deutsche, Englische und Französische übersetzt wird, beschreibt Huizinga in eindrucksvoller Prosa die Kultur des Übergangs vom Mittelalter zur Neuzeit als eine Endphase, in der die mittelalterlichen Kulturformen erstarren und zu inhaltsleeren Ritualen werden.

Umfangreichere Arbeiten über die Groninger Universität im 19. Jahrhundert (1914) und die Geschichte und Kultur der USA (1918) belegen zusätzlich seine Schaffenskraft in dieser Phase, und dies trotz persönlichen Unglücks ― seine erste Frau Mary Schorer stirbt 1914 und sein ältester Sohn Dirk 1920 ― und dem 1915 erfolgten Wechsel von Groningen nach Leiden auf eine Professur für allgemeine Geschichte.

Als Professor in Leiden engagiert sich Huizinga in den 1920er Jahren in universitären Gremien, Institutionen wie der Akademie der Wissenschaften und als Redakteur der einflussreichen Kulturzeitschrift „De Gids“. Eine Vielzahl kleinerer und größerer kulturgeschichtlicher Arbeiten entstehen, darunter eine Biografie des Erasmus von Rotterdam (1924), eine Biografie des Künstlers Jan Veth (1927) und ein zweites Buch über die USA (1927). Huizinga wird auch zunehmend zu Vorträgen außerhalb der Niederlande gebeten. So geht seine einflussreiche Studie über die niederländische Kultur im „Goldenen Zeitalter“ (1941) auf Vorträge in Deutschland 1932 zurück.

In den 1930er Jahren verschiebt sich der Schwerpunkt seiner Interessen zunehmend in Richtung theoretischer und kulturkritischer Ansätze. Er beobachtet mit Sorge den Aufstieg totalitärer Regime in Europa. Als Rektor der Universität Leiden (1932-33) bittet er bei einer Konferenz einen deutschen Delegationsleiter, der ein antisemitisches Heft publiziert hatte, 'die Gastfreundschaft der Universität nicht länger zu beanspruchen'. Huizinga wird Mitglied der Internationalen Intellektuellenkommission des Völkerbundes und veröffentlicht 1935 'In de schaduwen van morgen' ('Im Schatten von morgen'), einen internationalen Bestseller, in dem er gesellschaftliche Entwicklungen der jüngsten Zeit als Verfallserscheinungen der Kultur deutet. Kulturkritisch geprägt ist auch die kulturanthropologische Studie 'Homo Ludens' (1938). Huizinga definiert darin das Spiel als ein Grundelement der Kultur und greift auf Motive aus seinem gesamten bisherigen Werk zurück.

Nach der nationalsozialistischen Besetzung der Niederlande im Mai 1940 muß Huizinga seine Lehrtätigkeit an der Universität beenden und die Leitung der Akademie der Wissenschaften aufgeben. 1942 wird er für mehrere Monate als Geisel im Lager St. Michielsgestel inhaftiert. Im Oktober des gleichen Jahres wird er mit der Auflage nicht nach Leiden zurückzukehren freigelassen. Er übersiedelt mit seiner zweiten Frau und seiner jüngsten Tochter nach De Steeg bei Arnheim und stirbt dort nach kurzer Krankheit, wenige Wochen vor der Befreiung der Niederlande, am 1. Februar 1945.

Autor: Peter van Dam
Erstellt: Mai 2007


Literatur

Alle bibliographischen Angaben im Bereich Bildung und Forschung finden Sie unter Bibliographie

Krul, Wessel E.: Historicus tegen de tijd. Opstellen over leven en werk van J. Huizinga, Groningen 1990.

Lem, Anton van der: Johan Huizinga. Leven en werk in beelden & documenten, Amsterdam 1993.

Otterspeer, Willem: Orde en trouw. Over Johan Huizinga, Amsterdam 2006.

Strupp, Christoph: Johan Huizinga. Geschichtswissenschaft als Kulturgeschichte, Göttingen 2000.


  • RSS-Feed
  • Facebook
  • Twitter
  • RSS-Feed

Impressum | © 2015 NiederlandeNet
NiederlandeNet
Alter Steinweg 6/7
· 48143 Münster
Tel.: +49 251 83285-16 · Fax: +49 251 83285-20
E-Mail: