Nachrichten Februar 2018


GESELLSCHAFT: Karneval in den Niederlanden – Ein Fest der Traditionen?

Bergen op Zoom. LM/NRC/NOS/VK/Trouw. 13. Februar 2018.

Flagge
Während traditionelle Kostüme in vielen niederländischen Regionen die jährliche Verkleidung der Karnevalisten darstellen, müssen die Karnevalsvereine jedoch mit anderen Traditionen brechen, Quelle: NiederlandeNet/CC BY-NC-SA 2.0

Nicht nur in Deutschland herrschte gestern in vielen Bundesländern ein buntes Treiben, auch in den Niederlanden wurde in den letzten Tagen Karneval gefeiert. In bestimmten Städten oder Regionen werden zu diesem Anlass traditionelle Kostüme getragen, während andere Karnevalsvereine mit den Traditionen brechen und anstelle eines Karnevalsprinzen eine Karnevalsprinzessin an ihre Spitze gesetzt haben. Ist Karneval noch immer ein Fest der Traditionen, oder muss sich auch dieses Volksfest der Modernität beugen?

In Bergen op Zoom (Nordbrabant) ist an den Karnevalstagen jeder gleich verkleidet – alle Bürger kleiden sich nach bestimmten Regeln. Zu der Grundausstattung gehören eine Gardine, alte Sachen und ein rotes Halstuch, das vorne zusammengeknotet wird. An diese Regeln halten sich alle, denn an den Karnevalstagen sind alle gleich. Die Tradition entstand kurz nach dem zweiten Weltkrieg, als man nur wenig zur Verfügung hatte und man alte Sachen zusammensuchte, um trotzdem Karneval feiern zu können. Heutzutage machen die Details die Kostüme zu etwas Besonderem. So trägt manch einer einen Wasserkessel auf dem Kopf, während sich andere mit einem Lampenschirm schmücken. Die Bewohner von Bergen op Zoom sind auch für Karnevalisten von außerhalb offen – sofern sie sich an die traditionellen Kleidungsvorschriften halten.

Auch im restlichen Brabant sieht die traditionelle Verkleidung ähnlich aus. Die Menschen tragen meist einen Bauernkittel in verschiedenen Ausführungen – in Bergen op Zoom hat der Bauernkittel vorne Knöpfe, in ‘s –Hertogenbosch wird ein blauer Kittel mit Aufnähern getragen. Jedes Jahr erscheint ein neuer Aufnäher, der das Thema des Jahres präsentiert. Seit den 1960er Jahren wird auch ein Schal in den Farben Rot, Weiß und Gelb getragen. Das sind die Karnevalsfarben der Stadt. In Limburg hingegen tragen die Karnevalisten extravagante Kleidung und schminken sich die Gesichter, wodurch das Fest an den Karneval in Venedig erinnert.  

Während auf der einen Seite strenge Traditionen vorherrschen, die in Form der Verkleidung die Gleichheit der Menschen unterstreichen, muss mit anderen Traditionen gebrochen werden, um den Karneval überhaupt fortbestehen lassen zu können. Traditionell ist der Karnevalsprinz eines Vereins ein Mann. Er ist das Oberhaupt des Vereins und der Anführer der Narren. Kleinere Karnevalsvereine müssen jedoch mit kontinuierlich sinkenden Mitgliederzahlen kämpfen, sodass  immer weniger männliche Kandidaten für die Rolle des Prinzen zur Verfügung stehen. Für den Prinzen ist die Karnevalszeit eine stressige und anstrengende Periode mit viel Verantwortung, die Anzahl der interessierten Prinzenanwärter wird dadurch natürlich erheblich geschmälert. So freundeten sich manche Karnevalsvereine langsam mit dem Gedanken an, eine Prinzessin als Oberhaupt zu wählen. Schon in den 1960er und 1970er Jahren gab es einige Karnevalsprinzessinnen als Oberhaupt, doch danach führten größtenteils Karnevalsprinzen ihre Narren an.

Dem niederländischen Anthropologen Jansen-Rompen zufolge halten vor allem alte Vereine an den Traditionen fest, doch könne Karneval nur deshalb noch immer ein wichtiges Volksfest sein, weil es immer mit der Zeit mitgegangen sei. Nur dann, wenn sich Karnevalsvereine an die moderne Gesellschaft anpassen, können sie Jansen-Rompen zufolge überleben. Die Wahl von Karnevalsprinzessinnen zum Oberhaupt ist folglich der richtige Schritt, um auch junge Menschen anzusprechen und eine gewisse Modernität auszustrahlen. Auch die Karnevalsprinzessin Jeanny Wouters aus Baarle-Nassau ist der Meinung, Karneval spiegle die Gesellschaft wider. Deshalb sollten Karnevalsvereine nicht zu sehr an Traditionen festhalten, sondern offen für neue Ideen sein und mit der Zeit mitgehen.  

Doch Karnevalsvereine aus kleinen Dörfern haben nicht nur mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen, sondern auch mit der Kommerzialisierung des Festes. Sander Matheijssen, einer der zwei Autoren des Buches  Hét carnavalsboek. Van lentefeest tot festival (dt. “Das Karnevalsbuch. Vom Frühlingsfest zum Festival“) sagt, die Karnevalssaison sei eine Aneinanderreihung vieler Großveranstaltungen geworden. Große Karnevalbands seien regelrechte Publikumsmagneten.  Insgesamt sei es nur noch ein großer, kommerzieller Zirkus. Die kleinen Karnevalsvereine aus den Dörfern können da natürlich nicht mehr mithalten, was den Erhalt des Festes erschwert.

Während Karneval in den Niederlanden auf der einen Seite noch immer sehr traditionell gefeiert wird und traditionelle Kostüme in bestimmten Regionen ein fester Bestandteil der Festlichkeiten sind, sehen sich viele Karnevalsvereine dazu gezwungen, mit Traditionen zu brechen und sich an die moderne Gesellschaft anzupassen. Vielleicht sind in einigen Jahren Karnevalsprinzessinnen als Oberhaupt von Karnevalsvereinen die Normalität und vielleicht schaffen es die Vereine, auf diese Weise, neue Mitglieder zu gewinnen und auch in den kleineren Orten erfolgreich gegen die Kommerzialisierung des Volksfestes anzukämpfen.


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