Nachrichten September 2017


BILDUNG: Ein "Harvard an der Nordsee"? - Universitäten in den Niederlanden auf dem Prüfstand

Niederlande. Franziska Seufert/VK/NRC. 05. September 2017.

Uni Big
Wie gut sind die niederländischen Universitäten? Dieses Bild zeigt die niederländische Universität Groningen - aber könnte sie sich nicht ebensogut in die Reihe der sogenannten "redbrick universities" oder der "ivy league" einfügen - den Eliteuniversitäten in den USA oder Großbritannien? Quelle: Bert Kaufmann/CC BY 2.0

Schulsysteme und Bildung sind ein viel diskutiertes Thema, bei dem allseits beliebte Lösungen in der Regel schwierig zu finden sind. Verschiedene Länder haben verschiedene Systeme und oft kommt die Frage auf, wer es „am besten“ macht, wer das höchste Ausbildungsniveau erreicht. Hochschulen werden regelmäßig auf weltweiten Ranglisten verglichen und stehen somit in direkter Konkurrenz zueinander was die Anwerbung von Studierenden betrifft und das mittlerweile auch länderübergreifend. Auch in den Niederlanden steht das universitäre Bildungssystem im Moment auf dem Prüfstand, der Vorwurf der „Mittelmäßigkeit“ steht im Raum. Anhand ausgewählter Leserbriefe und Reaktionen von offiziellen Stellen, soll der Diskurs in den Niederlanden hier nachgezeichnet werden: Brauchen die Niederlande eine Elite-Universität?

Auch in den niederländischen Medien, wie den Tageszeitungen de Volkskrant oder NRC Handelsblad, konnte man in den letzten Tagen und Wochen viel über verschiedenste bildungsbezogene Angelegenheiten lesen. Ein Thema war beispielsweise die Forderung nach einer elitäreren Universität in den Niederlanden mit hohem Niveau und strengem Auswahlverfahren:  Ein „Harvard an der Nordsee“, sozusagen.

Simon van Teutem, der bald an der London School of Economics studieren wird, bezieht sich in seinem Anfang August in der Zeitung de Volkskrant erschienenen Leserbrief auf einen Bericht der OECD (Organisation for Economic Co-operation and Development) aus dem vergangenen Jahr. Darin heißt es „Mittelmäßigkeit“ wäre die „festgesetzte Norm der niederländischen Bildung“. Es käme zu einem hohen Mangel an Motivation im Zusammenhang damit, dass das Bildungssystem keinen Raum für „Exzellenz“ ließe. Jährlich würden die Niederlande das Talent von tausenden Topstudenten vergeuden, weil sie nicht genug herausgefordert würden, schreibt van Teutem weiter. In den Niederlanden würden die Schulnoten für die Universitäten kaum eine Rolle spielen, während man zum Beispiel in England genau wüsste, dass man „es geschafft hat“, wenn man an einer der sogenannten ‚redbrick universities‘ wie Oxford oder Cambridge angenommen würde, was nur mit den besten Noten möglich wäre und somit zum Lernen motiviere.

Marleen Stam-Gibbs ist Wissenschaftlerin, Yoga-Lehrerin und Mutter, und reagierte ihrerseits mit einem Leserbrief auf das Thema eines „niederländischen Harvard“. Stam-Gibbs glaubt nicht, dass solch ein Universitätssystem in den Niederlanden funktionieren würde. Sie stellt in Frage, ob allein die Aussicht auf eine Eliteuniversität Schüler zum Lernen motivieren könne. Außerdem beklagt sie den Leistungsdruck, den die Arbeitswelt, die Gesellschaft und folglich auch viele Eltern schon jetzt auf die Kinder ausüben, und der durch solche Forderungen nur noch verstärkt würde. Viele Eltern würden schon Jahre im Voraus Pläne für die Studienwahl ihrer Kinder machen – wenn diese in einem Alter sind, in dem sie das noch gar nicht entscheiden und die Tragweite nicht abschätzen können. Andersherum sähe man, dass der Zug für die Topuniversitäten sonst auch schon sehr früh abgefahren sei – so wie bei ihren jetzt 13- und 17-jährigen Söhnen. „Toll, so ein System, bei dem es mit 17 Jahren schon zu spät ist“, schreibt Stam-Gibbs.

Dabei reichen gute Noten mittlerweile schon längst nicht mehr aus, um weiter zu kommen, auch nicht für Universitäten. So viele Kinder hätten gute Noten, meint auch Stam-Gibbs, dass der Lebenslauf (neben der Schularbeit her) noch um Praktika, Freiwilligenarbeit und vieles mehr ergänzt werden müsse. Und selbst dann könne man sich nicht sicher sein, dass man einen Platz an einer guten (geschweige denn Top-) Universität bekommt und einen dementsprechenden Job findet. Der soziale und ethnische Hintergrund habe schließlich auch immer noch großen Einfluss auf die Chancengleichheit. Besonders in ihrer Rolle als Mutter fragt sich die Autorin, was es Kinder und Jugendliche kostet, darauf hinzuarbeiten an eine ‚Harvard‘-Universität zu gehen. Was müssen Kinder leisten und was müssen sie opfern, um dann vielleicht für die Zukunft ausgesorgt zu haben? Es geht also um Kosten im erweiterten, aber natürlich auch im finanziellen Sinne. Die meisten Familien hätten gar nicht die Mittel ihren Kindern den Zugang zu einer Eliteuniversität zu ermöglichen, die ihre Gelder doch letztendlich durch reiche Spendengeber erhielten. Auch in den Niederlanden würden Alumni noch oft von ihrer Alma Mater um Spenden gebeten, weiß Stam-Gibs, ein System, welches aber so schon kaum funktionieren würde. Auf dieser Grundlage könnte man wohl kaum eine neue Topuniversität „aus dem Boden stampfen“, die dann auch noch den nötigen Ruf im In- und Ausland hat.

Simon van Teutem ist ebenfalls der Ansicht, dass es keine echte Chancengleichheit im jetzigen System der Eliteuniversitäten gibt. Er ist aber davon überzeugt, dass eine Topuniversität in den Niederlanden bezahlbar wäre. Das meiste Geld würde durch Forschung eingeholt, sodass in den Niederlanden keine so hohen Studiengebühren nötig wären, wie zum Beispiel in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien. Für allgemein erschwingliche Studiengebühren müsse der niederländische Staat einer solchen Universität nur weniger als einen Prozent des jährlichen Bildungshaushalt-Budgets einräumen. Man hätte damit die weltweit erste Topuniversität die jedem finanziell zugänglich wäre – dies sei das ausschlaggebende Argument, das die benötigten Topdozenten und Studenten aus dem In- und Ausland anlocken würde. Auch geht van Teutem nicht von einer ganz neuen Einrichtung aus, sondern er fordert dazu auf, dass sich eine der bereits bestehenden Universitäten mit Hilfe des Staates ein Ziel stellen muss: innerhalb von zehn Jahren „das Harvard der EU“ zu werden.

Vergangene Woche veröffentlichte de Volkskrant einen Artikel in dem sich der Vorsitz der Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen (KNAW, Königlich Niederländische Akademie der Wissenschaften) zum Thema Hochschulwesen äußert. Das hohe Niveau der Wissenschaften in den Niederlanden stünde außer Frage, sagen José van Dijck und Wim van Saarloos. Alle niederländischen Universitäten wären dicht beieinander unter den besten 200 Universitäten auf der Weltrangliste und man habe führende Plätze in diversen wissenschaftlichen Disziplinen inne. Die Universitäten würden eine „qualitative Hochebene“ bilden. Dies sei kein Zeichen von Mittelmäßigkeit sondern davon, dass sie ein „effektives Ganzes“ bildeten. Zu versuchen, eine dieser Universitäten nun aus der Gemeinschaft von Zusammenarbeit und freundlichem Wettbewerb zu stemmen, würde gegen diese Stärken gehen.

Der Erfolg und das Ansehen der niederländischen Universitäten beruhen auf immateriellen Stärken, so die Vorsitzenden in einem von ihnen zusammengestellten Bericht für die Akademie. Sie betonen darin den hohen Stand der Wissenschaften und worauf dieser zurückzuführen ist, aber sie erkennen auch potenzielle Gefahren an: Nämlich die, dass immaterielle Stärken heutzutage nicht standhalten können. Wachsende Studierendenzahlen ohne zusätzliche Finanzierung, politischer Druck nach mehr Wettbewerb und weniger Unterstützung für Forschungsprojekte führten dazu, dass das niederländische Hochschulsystem ins Wanken geraten könne.

Entgegen van Teutems Darstellung scheinen Wissenschaft und Forschung nämlich doch eine Frage von Geld zu sein. Die KNAW Vorsitzenden sprechen davon, dass es nötig sei mehr Unterstützung vom Staat zu bekommen. Es ist also fraglich, ob genug Ressourcen bestehen und Gelder eingeholt werden könnten, um eine bezahlbare Topuniversität aufzubauen, oder, ob letztendlich doch alles eine Frage von  privaten Spenden wäre. Damit hätte man wohl in der Tat eine Harvard-ähnliche, sprich finanziell-elitäre Universität gegründet und keine wissenschaftlich-elitäre, wie van Teutem es angeführt hatte.


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