Nachrichten November 2017


RECHT: Niederländischer Apotheker will selbst Medikamente herstellen - und verstößt dabei möglicherweise gegen das Patentrecht

Den Haag. EF/NRC/VK. 22. November 2017.

Sessel Tweede Kamer Big
Bereits im Oktober dieses Jahres wurde das Medikament Orkambi, ein Medikament gegen Mukoviszidose, aufgrund seines hohen Preises stark diskutiert, Apotheker Paul Lebbink möchte dieses teure Medikament nun selbst herstellen, Quelle:NiederlandeNet/CC BY-NC-SA 2.0

Der niederländische Apotheker Paul Lebbink aus Den Haag will das Medikament Orkambi, welches etwa der Hälfe der an der Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose erkrankten Patienten in den Niederlanden helfen kann, selbst herstellen. Das berichtet die niederländische öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt NOS. Damit wäre er der erste Apotheker, der seine Medikamente selbst herstellt. Jedoch führt sein Handeln auch zu Problemen, da er mit der Eigenherstellung möglicherweise gegen das Patentrecht des Pharmazeuten Vertex verstößt, der das Medikament Orkambi für insgesamt 170.000 Euro pro Jahr und pro Patient anbietet. 

Bereits im Oktober diesen Jahres erregte das Medikament großes Aufsehen in den Medien. Damals wurde darüber diskutiert, ob man Orkambi als erstattungsfähiges Medikament mit in das Basispaket der Gesundheitsversorgung aufnehme oder nicht. Der Grund für die hartnäckigen Diskussionen zwischen Vertex und der damaligen Gesundheitsministerin Edith Schippers (VVD) war der hohe Preis, den der Pharmazeut für das Medikament verlangte – vor allem, wenn man bedenkt, dass der wichtigste von Schippers Beratern, das Zorginstituut Nederland, an der Effektivität des Medikaments Orkambi zweifelt. Nichtsdestotrotz entschied Schippers am 25. Oktober dieses Jahres, Orkambi in das Basispaket mit aufzunehmen und es dadurch erstattungswürdig zu machen. Durch diese Entscheidung bekamen rund 750 Patienten in den Niederlanden das Recht auf eben dieses Medikament.

Bei 750 an Mukoviszidose bzw. zystischer Fibrose erkrankten Patienten in den Niederlanden und 170.000 Euro pro Patient und pro Jahr, kann Vertex jährlich mit einem Umsatz von 127,5 Millionen Euro rechnen. Das entspricht rund 100 Euro pro Tablette. Lebbink hingegen möchte seine Tabletten fünfmal günstiger anbieten, nämlich für rund 20 Euro pro Tablette, so NOS. Mit diesem bewussten Verstoß gegen das Patentrecht möchte Lebbink die Diskussion über hohe Arzneimittelpreise anheizen. Die Inhaltsstoffe, die er zuvor via Internet aus China bestellt hat, sind bereits auf dem Weg zu ihm. Sollte es ihm tatsächlich gelingen, das Medikament Orkambi zu reproduzieren, ist sich der Apotheker „zu 99,9 Prozent sicher“, dass Vertex eine Klage gegen ihn einreichen wird, hieß es in einem Interview mit der Rundfunkanstalt NOS. „Aber lass sie kommen. Ich rechne mit genügend Unterstützung.“ Dabei stützt er sich nach eigenen Aussagen vor allem auf Ärzte, Apotheker und auch Krankenversicherungen, die ihm beistehen würden, falls es zu einem Rechtsstreit komme.

Der Apotheker aus Den Haag sieht einem möglichen Rechtsstreit mit Zuversicht entgegen. Der Optimismus stammt womöglich aus einem Streit mit der Pharmaindustrie, der bereits zehn Jahre zurückliegt. Ein Rechtsstreit, den er letztendlich für sich entscheiden konnte. „Was ich noch von dem Fall weiß, ist, dass ich etwas mit einem Patent dann herstellen darf, wenn ein Arzt dem zustimmt. Er schreibt dann keinen Markennamen, sondern die generischen Namen der Bestandteile des Medikaments auf.“

Allerdings gibt es auch Widerstand seitens verschiedener Vereinigungen. Hans Waals, Vorsitzender der niederländischen Vereinigung VDB (Vereniging van Doorleverende Bereidingsapotheken) wirft Lebbink vor, mit seinem Vorhaben das Gesundheitssystem zu untergraben.  „Wenn ein registriertes Produkt vorhanden ist, gibt es keinen Grund, ein eigenes Produkt herzustellen.“ Sollte sich das Vorhaben, dass Apotheker Medikamente einfach selbst herstellen, durchsetzen, entstehe dadurch ein unnötiges Risiko für den Patienten, so Waals. Eine ähnliche Meinung vertritt auch die niederländische Vereniging voor Innovatieve Geneesmiddelen, eine Interessensgemeinschaft von Apothekern. „Die scheinbare Lösung, Medikamente einfach auf den Kopierer zu legen, ist lebensgefährlich und nicht der richtige Weg, um Preise für Medikamente zu senken“, so ein Pressesprecher. 

Der Zeitpunkt für diese Ankündigung, das Medikament gegen Mukoviszidose für weniger Geld selbst herzustellen, ist ein sehr sensibler, denn schließlich wird am heutigen Mittwoch die Arzneimittelpolitik in der Tweede Kamer diskutiert. In diesem Zusammenhang soll auch das Patentrecht pharmazeutischer Betriebe besprochen werden. Bereits zwei Wochen zuvor legte der Rat für Volksgesundheit und Gesellschaft (Raad voor Volksgezondheid en Samenleving, kurz: RVS) einen beratenden Bericht an Minister Bruno Bruins (VVD), zuständig für die medizinische Versorgung, vor. Darin schreibt der RVS, dass die Regierung mit großen Medikamentenhersteller härter umgehen müsse, um teure Medikamente für jeden Menschen erschwinglich machen zu können. Sollte die Regierung Apothekern erlauben, bestimmte Medikamente selbst herzustellen, könne man die Machtposition großer Pharmazeuten durchbrechen, so der RVS. Die Richter stehen in diesem Fall vor dem großen Dilemma, abzuwägen, welches Recht mehr Gewicht habe: das Patentrecht eines Pharmaunternehmens oder aber das Recht auf bezahlbare Gesundheitsversorgung für Patienten? 

Zu diesem Thema legten die linken niederländischen Oppositionsparteien GroenLinks, SP und PvdA am Dienstag ein Initiativschreiben vor, in dem sie dafür plädieren, die Machtposition der großen Pharmaunternehmen zu verringern. Insgesamt stellen sie 20 Pläne vor, mithilfe derer Medikamente in Zukunft bezahlbar werden sollen. Einer dieser Pläne betrifft beispielsweise die endlose Patentverlängerung für bestimmte Medikamente. Ihnen zufolge sollte ein Folgepatent nach insgesamt zwei Jahren ablaufen.


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