Nachrichten November 2017


WIRTSCHAFT: Die Wirtschaft wächst - die Löhne nicht

Amsterdam. SB/VK/NRC. 07. November 2017.

Scheine Big
Die gute wirtschaftliche Entwicklung in den Niederlanden ist erfreulich, viel zu häufig jedoch merken die Niederländer davon nur wenig im Portemonnaie, Quelle: Jurijn Timon de Vos/NiederlandeNet

Um satte 3,3 Prozent wächst die niederländische Wirtschaft voraussichtlich im Gesamtjahr 2017. Das sind gute Nachrichten - allerdings nicht für alle. Ein erheblicher Teil der niederländischen Arbeitnehmer merkt vom wirtschaftlichen Aufschwung nämlich nichts und das geht schon seit Jahren so: Die Löhne bleiben strukturell hinter dem Wirtschaftswachstum zurück. Was sind die Gründe dafür und wer sind die Gewinner und die Verlierer dieser Entwicklung?

Von 100 werktätigen Niederländern arbeiten 97 in einem Sektor, indem die Löhne seit der Jahrtausendwende langsamer gestiegen sind als die Wirtschaftsleistung. 19 von 100 Niederländern arbeiten gar in einem Sektor, indem die durchschnittliche Kaufkraft im letzten Jahr geringer war als im Jahr 2000 und das obwohl seit dem Jahr 2000 das reale Bruttoinlandsprodukt in den Niederlanden durchschnittlich um 1,3 Prozent pro Jahr gestiegen ist. Die niederländische Tageszeitung De Volkskrankt hat sich einmal verschiedene Gründe dafür angesehen, wie diese Entwicklung zu erklären sein könnte.

Unter der Überschrift „Die Zeit der großen Erfindungen sind vorbei“ bemüht der Autor des Volkskrant Artikels, Jonathan Witteman, einen breiten wirtschaftstheoretischen Ansatz zur Erklärung dieses Trends. Der durchschnittliche Niederländer verdient im Jahr rund 37.000 €. Geht man nach der Logik des Ökonom Tyler Cowen, würde ein Niederländer heutzutage durchschnittlich 67.000 € verdienen, wäre die Arbeitsproduktivität genauso stark gewachsen, wie vor dem Krisenjahr 1973. Das Jahr der ersten Ölkrise markierte nämlich einen Wendepunkt in den westlichen Ökonomien - seit dieser Zeit ist die Arbeitsproduktivität weniger stark gewachsen als vor der Krise. Witteman gibt dafür ein einfaches Beispiel: Je mehr LED-Lampen, Bügeleisen oder Telefone ein Philips-Mitarbeiter in einer Stunde produzieren kann, desto mehr Gewinn kann sein Betrieb machen. Je mehr Gewinn ein Betrieb macht, desto stärker können potentiell die Löhne steigen. Die Möglichkeiten des immer schnelleren Produzierens, können sich allerdings nicht mehr so sprunghaft entwickeln, wie es zu Beginn und während der Blütezeit des industriellen Zeitalters der Fall gewesen ist. Geht man nach dem Ökonom Robert Gordon, der das vielbeachtete Buch „The Rise and Fall of American Growth verfasst hat, liegt die Zeit des rasanten Fortschritts hinter uns. Seltsam könnte dies in Zeiten der digitalen Revolution anmuten, schreibt Witteman, aber so beeindruckend, wie die Quantensprünge in diesem Sektor auch sein mögen, die dadurch geschaffene Produktivitätssteigerung bliebe bis jetzt auf relativ wenige spezifische Sektoren begrenzt, so wie etwa die Computerindustrie und den Telekommunikationssektor. Verglichen mit den Produktivitätssteigerungsraten zwischen 1870 und 1970  fallen die Raten, die im Zeitalter des Internets erreicht werden können eher unspektakulär aus.
Eine weitere Erklärung steht unter der Überschrift „Der Faktor Arbeit ist kein Machtfaktor mehr“. Hier schreibt Witteman, dass von jedem Euro, den ein Betrieb erwirtschaftet hat, 73 Cent an Arbeitnehmer und Selbstständige ausgezahlt wird. Mitte der 90er Jahre waren es noch 81 Cent. Arbeitgeber, so scheint es, behalten mehr des Gewinnes in eigener Hand als früher und das wirkt sich nachteilig auf die Löhne aus. In diesem Kontext spielt wiederum der Niedergang der Gewerkschaften eine große Rolle, der in den Niederlanden seit einigen Jahren zu beobachten ist. Waren 1960 noch vier von zehn Arbeitnehmern Mitglied einer Gewerkschaft, sind es im Jahr 2017 weniger als zwei von zehn. Arbeitnehmer können so immer weniger Druck ausüben und das auch, weil Globalisierung und Technisierung immer mehr Konkurrenz für sie auf dem Markt bedeuten.

Praktisch gesehen bedeutet die „Stagnation“ der Kaufkraft allerdings, dass es Berufsgruppen gibt deren Kaufkraft in den vergangenen 16 Jahren stark gestiegen ist und das es auf der anderen Seite Sektoren gibt, die besonders stark von der strukturellen Ungleichheit zwischen Lohn- und Wirtschaftsentwicklung betroffen sind. Zu den Gewinnern zählen vor allem Hersteller von Schiffen, Flugzeugen, Zügen und anderen Fahrzeugen. Bezogen auf die Kaufkraft konnten rund 17.000 Niederländer in diesem Sektor ihre Kaufkraft um gut 34 Prozent steigern. Auch Banker konnten trotz der Krise ihren realen Lohn seit dem Jahr 2000 um rund 20 Prozent steigern. Ebenso gehörten Arbeiter der Pharmazie-, Elektro- und Telekommunikationsbranche zu den Gewinnern. Am meisten aber verdienen die 9.000 Niederländer, die ihr Geld mit Erdöl und Erdgas verdienen. Sie verdienen durchschnittlich 48,40€ pro Stunde.

Zu den Verlierern gehören vor allem all diejenigen die im Bereich Sport und Gastronomie ihr Geld verdienen. Mitarbeiter im Fitnesssektor bekommen sogar fast einen Euro weniger Stundelohn als „Regalauffüller“ im Supermarkt, wie eine kürzlich durchgeführte Studie von 300 Sportstätten zeigte. Das ist durchaus erstaunlich, wo doch gerade der Fitnesssektor im Moment einen ungekannten Aufschwung erlebt. Fitness ist in den Niederlanden immerhin Volkssport Nummer eins. Fast drei Millionen Niederländer sind Mitglied in einem Fitnessstudio. Jährlich machen die 1.850 Fitnesscenter in den Niederlanden über eine Milliarde Euro Umsatz. Warum werden die Mitarbeiter also so schlecht bezahlt? Ein Grund ist, dass der Fitnesssektor keinen cao, also keinen gesetzlich festgelegten Tarifvertrag hat. Die Arbeitnehmer sind also in Sachen Lohn vollständig von den Eigentümern der Studios abhängig. Außerdem sind viele Konsumenten nicht bereit mehr als 200 €im Jahr für Sport auszugeben. Wo das bei klassischen Sportvereinigungen häufig kein Problem ist, weil diese oft subventioniert werden und viele Freiwillige beschäftigen, können Sportunternehmen nicht auf solche Mittel zurückgreifen. Sie sind den freien Kräften des Marktes ausgesetzt und müssen sich gegen viel Konkurrenz behaupten, was sich allzu oft in Niedriglöhnen für die Mitarbeiter widerspiegelt. Dennoch: Es gibt etliche Sektoren in denen es viele Konkurrenten gibt und die Mitarbeiter trotzdem adäquat bezahlt werden. Die Frage weshalb ausgerechnet in diesem Sektor die Löhne derartig stark zurückbleiben, bleibt also vorerst noch teilweise im Dunklen. In der Gastronomie ist die Kaufkraft der Angestellten seit der Jahrtausendwende gar um 9 Prozent gesunken.

Zwar hat sich mittlerweile eine breite Front aus Institutionen wie der Nederlandsche Bank und dem Centraal Planbureau formiert, die eine Anpassung der Löhne in Form einer Lohnsteigerung von mindestens drei Prozent fordert, getan hat sich bis jetzt aber noch nichts - und das obwohl sogar Ministerpräsident Rutte und der Arbeitgeberpräsident Hans de Boer in diese Presche schlagen.


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