Nachrichten Juni 2017


BILDUNG: Streik am 27. Juni - Die Grundschullehrer gehen auf die Barrikaden

Den Haag. SB/NRC/VK 07. Juni 2017.

Grundschule
In den Niedelranden besuchen Kinder die basisschool von ihrem 4. Lebensjahr an bis sie 12 sind, das Problem ist, dass immer weniger Lehrer diesen Job machen wollen, Quelle: Waag Society/CC BY-NC-SA 2.0

Die Grundschullehrer in den Niederlanden sind sauer. Die Arbeitslast sei zu hoch und das Gehalt im Vergleich zu den Kollegen an den weiterführenden Schulen zu gering. Am Dienstag den 27. Juni sind alle Grundschullehrer aufgerufen die Arbeit niederzulegen. Vorerst nur für die erste Stunde. Wenn es die neue Regierung versäumen sollte, etwas an der Situation zu ändern, könnte es aber durchaus noch zu längeren Streiks kommen – zu mindestens in der Theorie.

Einer von fünf Grundschullehrern in den Niederlanden leidet unter Burnout-Symptomen. Das wurde aus einer nationalen Studie, die zwischen 2011 und 2015 vom Centraal Bureau voor de Statistiek durchgeführt wurde, ersichtlich. In keiner anderen Berufsgruppe ist die Zahl der chronisch Überarbeiteten so hoch. Im Durchschnitt aller Arbeitnehmer ist „nur“ etwa jeder achte von Burnout-Symptomen betroffen. Aber nicht nur das macht den Beruf des Grundschullehrers für viele unattraktiv. Auch die Tatsache, dass Grundschullehrer im Vergleich zu ihren Kollegen an weiterführenden Schulen weniger verdienen, empfinden viele Pädagogen als ungerecht. Mit einem Ausgangsgehalt von monatlich 2.346€ verdienen die Grundschullehrer in den Niederlanden auch rund 30 Prozent weniger als der durchschnittliche Akademiker.

In den Niederlanden ist das Schulsystem anders aufgebaut als in Deutschland. Hier geht die Grundschule nicht von der 1. bis zur 4. Klasse, sondern von der 1. bis zur 8. Gruppe. Eingeschult werden die Kinder mit dem vierten Lebensjahr, bis sie 12 sind, besuchen sie dann die sogenannte basisschool. Das Ziel des acht Jahre langen gemeinsamen Unterrichtes ist, die emotionale, geistige und kreative Entwicklung der Kinder zu fördern und dabei gleichzeitig soziale, kulturelle und körperliche Fähigkeiten zu vermitteln. Eine große Aufgabe also, die nach Ansicht der Lehrer nicht genug Wertschätzung erführe. (lesen Sie hier mehr über das Schulsystem in den Niederlanden)

Bereits im April diesen Jahres, hatte die PO in Actie, eine Initiative, die damals von 36.000 betroffenen Lehrerinnen und Lehrern unterstützt wurde, ein Manifest an die Tweede Kamer geschickt. Staatssekretär für Bildung, Sander Dekker, hatte daraufhin in der Tweede Kamer gesagt, dass „eine Klasse mit Pubertierenden etwas anders sei [als jüngere Kinder]“ und damit suggeriert, dass das Unterrichten an einer Grundschule weniger herausfordernd sei und der Unterschied im Gehalt damit gerechtfertigt. Als „Geringschätzung und Fehleinschätzung“ hatte das die Initiative PO in Actie bezeichnet. Sie verlangten von Dekker eine Entschuldigung. Trotz der erhitzten Gemüter war es damals noch nicht zu einem Streik gekommen.

Nun allerdings will das Aktionsbündnis wieder Bewegung in die Sache bringen. Am 27. Juni will es an „noch-Premier“ Rutte auf dem Malieveld in Den Haag 100.000 Unterschriften übergeben. Konkret fordert PO in Actie 1,8 Milliarden Euro pro Jahr für „weniger Arbeitslast und eine fairere Bezahlung in der Primärbildung“. 1,8 Milliarden Euro sind keine Peanuts. Trotzdem unterstützen die Gewerkschaften und der PO-Rat, die Arbeitgeberorganisation der Grundschulen, die Forderung. Denn sonst sieht es für die Zukunft düster aus: „Höhere Gehälter sind überlebenswichtig, um das Grundschullehramt reizvoller zu machen. 2025 erwarten wir einen Mangel von 10.000 Lehrkräften.“ Die Einigkeit unter den verschiedenen Parteien sei also groß, so Thijs Roovers, ein betroffener Grundschullehrer: „Wenn unsere Forderungen in einem neuen Koalitionsvertrag ignoriert werden sollten, werden wir streiken.“

Warum aber verdienen Grundschullehrer in den Niederlanden eigentlich so viel weniger als ihre Kollegen an weiterführenden Schulen? Das lässt sich mit einem Blick in die Geschichte erklären. Frank Cörvers, Professor für den Arbeitsmarkt im Sektor Bildung an der Universität Tilburg erklärt: „Bis in die 70er und 80er Jahre machte man in der Bildung Karriere, in dem man in den niedrigeren Klassen begann und dann in die höheren Klassen oder gar die universitäre Lehre überwechselte. Das ist heute schwierig, da die Lehramtsausbildung auf die spezifischen Sektoren zugeschnitten ist. Und in der Tat konnte man im Lehrerberuf die „Soziale Leiter“ hochklettern, die unterste Stufe bildete der Grundschulunterricht. Als 1985 die Vorschule und Grundschule zusammengelegt wurden, änderte sich das System, aber nicht, wie es hätte sein sollen, das Image der Grundschullehrer. Dabei, so Cörvers, sei es wichtig, dass „Kinder von klein an guten Unterricht bekämen. Die Lehrkraft in der Grundschule ist vielleicht sogar noch wichtiger als die in den weiterführenden Schulen. Die Unterschiede in der Entlohnung und gesellschaftlichen Wertschätzung sind Reliquien aus der Vergangenheit.“

Wie stehen nun aber die Chancen, dass die Grundschullehrer ihre Forderungen durchsetzen können? Trotz der aus dem Mangel an nachrückenden Lehrern hervorkommenden Druckmittel nicht allzu gut. Denn es gibt branchenspezifische Hürden, die die Organisation eines Streiks schwierig gestalten. Die Gewerkschaft AOb (allgemeiner Bildungsverbund)beispielsweise, gibt sich  zurückhaltend. Das hat allerdings rein gar nichts mit den formulierten Zielen zu tun, die der Verbund uneingeschränkt unterstützt, sondern mit der Befürchtung, dass die Bereitschaft zum Streiken nicht ausreichen könnte. „10.000 Gefällt-mir-Angaben auf Facebook ist dann doch noch mal etwas anderes als 29.000 auf dem Malieveld. Wenn ich eine Rede auf einem leeren Feld halten muss, dann habe ich ein Problem. Lehrer gehen nicht schnell auf die Straße“, meint AOb-Vorsitzende Liesbeth Verheggen.
Das letzte Mal, dass im Bildungsbereich gestreikt wurde, war 2012. 50.000 Dozenten waren nach Amsterdam gekommen, um gegen Einsparungen zu demonstrieren. Da allerdings sei es um die Schüler gegangen und nicht um Lohn, so Verheggen. Die Lehrer wollen ihre Schüler mit ihren Forderungen nicht benachteiligen, Streiken sei daher das äußerste Mittel. Deswegen sei es unbedingt notwendig, um realistisch einzuschätzen, ob tatsächlich so viele dazu bereit seien, zu Ungunsten des Unterrichts auf die Straße zu gehen.

Thijs Roovers von PO in Actie sieht das anders: „Unser Anliegen wird breit getragen, gerade weil es uns auch im die zu großen Gruppen und mehr Unterstützendes Personal geht.“ Er versteht dennoch, warum der AOb eine gewisse Zurückhaltung an den Tag legt, schließlich sitze die Gewerkschaft an verschiedenen Tischen und muss auch die Interessen der weiterführenden Schulen vertreten, die durch die 1,8 Millarden angetastet werden könnten. Roovers geht sogar so weit zu glauben, dass die PO in Actie möglicherweise sogar die neue Gewerkschaft der basisschoolen wird.
Und die Politik? Nun, sowohl die VVD, der CDA als auch die D66, die im Moment noch immer auf der Suche nach einem geeigneten Koalitionspartner sind, wollen mehr für Bildung ausgeben. Von den konkreten Forderungen die die Grundschullehrerinnen und Lehrer hervorbringen hat allerdings keiner etwas im Programm stehen. 

Es wird also spannend, was am 27. Juni tatsächlich passiert.


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