Nachrichten Juli 2017


GESELLSCHAFT: Bei Bewerbungen zählt die Herkunft - nicht das Führungszeugnis

Amsterdam. EF/VK/NRC. 06. Juli 2017.

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Für viele junge Menschen gestaltet sich die Jobsuche in den Niederlanden schwierig, vor allem, wenn es sich um junge geringqualifizierte Menschen handelt, Doch wie groß ist die Chance, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden, wenn man zudem auch noch vorbestraft ist?, Quelle: Dirk Vorderstraße/CC BY-NC 2.0

Obwohl die Arbeitslosenquote in den Niederlanden sinkt und mittlerweile laut dem Centraal Bureau voor de Statistiek (CBS) im Mai 2017 bei 5,1 Prozent lag, sind noch immer viele Menschen in den Niederlanden auf der Suche nach einer Anstellung. Doch welche Faktoren spielen außerhalb der Qualifikationen eine Rolle? Am Mittwoch veröffentlichte die Tijdschrift voor Criminologie eine Studie, in der der Einfluss einer Vorstrafe bei der Jobsuche in den Niederlanden näher unter die Lupe genommen wird. Haben Menschen, die bereits einen Eintrag im Strafregister haben überhaupt noch eine Chance auf einen Arbeitsplatz?

Ein Mann möchte sich in den Niederlanden auf einen Job bewerben. Beim Ausfüllen der Bewerbungsunterlagen möchte er allerdings ehrlich sein und schreibt in seinem Motivationsschreiben, dass er vor einiger Zeit aufgrund einer Schlägerei verurteilt wurde. Ob er nun eine positive Reaktion bekommt, hängt laut dieser Studie in vielen Fällen gar nicht von seinem Vorstrafe ab, sondern von einem ganz anderen Faktor: seinem Namen. Aus der am Mittwoch veröffentlichten Studie geht nämlich hervor, dass freie Arbeitsstellen für Straftäter niederländischer Herkunft leichter zugänglich sind als für Bewerber mit Migrationshintergrund ohne Eintrag im Führungszeugnis.

Die Studie der niederländischen Zeitschrift für Kriminologie basiert auf der Frage, wie schwierig sich die Jobsuche für einen niederländischen Straftäter in seinem eigenen Land gestaltet. Insgesamt waren an dieser Studie vier Wissenschaftler, darunter drei Kriminologen und ein Soziologe, von der Vrije Universiteit und dem Nederlands Studiecentrum Criminaliteit en Rechtshandhaving in Amsterdam, der Radboud Universiteit in Nijmegen und der Universiteit Utrecht beteiligt. Die ethnische Herkunft eines Bewerbers war dabei lediglich eine von vielen Variablen dieser Studie. Nach einer ausführlichen Analyse scheint jedoch die Abstammung von größerem Belang zu sein als die Eintragungen im Führungszeugnis. „Wir wussten aus vorherigen Studien natürlich schon, dass die Herkunft eine Rolle spielt, aber wir haben nicht damit gerechnet, dass diese eine so große Rolle spielt“, sagte die zur Forschungsgruppe gehörende Kriminologin Chantal van den Berg (VU).

Um herauszufinden, inwiefern ein Eintrag im Führungszeugnis die Chancen auf ein Stellenangebot verändern und ob es Unterschiede bezüglich der Art der Straftat gibt, starteten die vier Forscher einen Feldversuch.  Sie verschickten 520 fiktive Bewerbungsschreiben mit beigefügtem Lebenslauf an reale Firmen mit offenen, im Internet veröffentlichten Stellen. Die Arbeitsbereiche, für die sich der fiktive Kandidat bewarb, erstreckten sich dabei auf geringqualifizierte Tätigkeiten im Bereich Bau, Technik und Logistik. Die Betriebe, die diese fiktiven Bewerbungsunterlagen erhalten haben, wurden zuvor nicht über diese Studie informiert und wussten nicht, dass sie an einem Experiment teilnahmen.

Bei dem fiktiven Bewerber in den Bewerbungen handelte es sich immer um einen 20-jährigen Mann, der in den Niederlanden geboren wurde. Die Variablen in den Lebensläufen war ein oder kein Eintrag ins Führungszeugnis, die Art der Straftat (Gewalt-, Vermögens- oder Sexualdelikt), wie weit die Straftat zurückliegt (ein Jahr oder drei Jahre) und die Herkunft des Mannes. Um die ethnische Zugehörigkeit anzudeuten, verwendeten die Forscher zum Teil einen ‚eindeutig niederländischen Namen‘ und zum Teil auch einen ‚arabisch klingenden Namen‘.

In den Niederlanden ist niemand dazu verpflichtet, in einem Bewerbungsschreiben anzugeben, ob er oder sie bereits für eine Straftat verurteilt wurde. Um das Anschreiben dennoch so authentisch wie möglich zu gestalten, haben sich die Forscher dazu entschieden, dass der Bewerber nur kurz erwähnt, um was für ein Delikt es sich handelt (Schlägerei, Diebstahl oder Sexualdelikt). Die verhängte Strafe, eine taakstraf, vergleichbar mit dem Ableisten von Sozialstunden in Deutschland, wurde ebenfalls genannt. Die Intention, die taakstraf zu erwähnen, bestand darin, anzudeuten, dass es sich bei dieser Straftat eher um ein relativ leichtes Vergehen handelte.

Das Resultat dieser Studie spricht Bände: Ohne einen Eintrag ins Führungszeugnis bekommt der Bewerber mit einem eindeutig niederländischen Namen 3,5-mal öfter eine positive Reaktion auf das Bewerbungsschreiben (32 Prozent) als derjenige, mit dem arabisch klingendem Namen (9 Prozent). Bei vorbestraften Bewerbern war das Verhältnis in etwa dasselbe. Auffällig sind die Ergebnisse erst dann, wenn die Forscher die positiven Reaktionen auf die Bewerbungsschreiben des vorbestraften Mann niederländischen Namen denen des Mann ohne Vorstrafe, aber mit arabischem Namen gegenüberstellen. „Wir haben erwartet, dass Bewerber mit einer Vorstrafe geringere Chancen auf ein Bewerbungsgespräch hätten“, sagte Van den Berg. „Aber das war kaum der Fall.“  Die Resultate zeigen nämlich, dass die Chancen der vermeintlichen Niederländer trotz ihrer Vorstrafe dreimal so hoch waren wie die eines Mannes mit scheinbar arabischer Herkunft ohne Vorstrafe. „Die haben selbst dann noch weniger Chancen, eingeladen zu werden“, sagt Van den Berg. „Ich will dies nicht verallgemeinern, weil es sich nur um eine eingeschränkte Stichprobe aus dem Jahr 2013 handelt, aber es ist dennoch alarmierend.“

Stijn Baert, Arbeitsökonom der Universiteit Gent in Belgien, veröffentlichte zuvor eine ähnliche Studie, in der es um die Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt in Flandern ging. Aus dieser Studie ging hervor, dass nicht nur ein ausländisch klingender Name, sondern auch Faktoren wie Lebensalter oder Behinderungen für Arbeitgebern eher zu den Ausschlusskriterien gehören als ein Eintrag im Führungszeugnis. „Jede Form von Arbeitsmarktdiskriminierung ist besorgniserregend und es ist wichtig, festzustellen, dass es diese wirklich gibt“, sagt Baert. Ihm zufolge sei die Studie zwar gut und sorgfältig durchgeführt worden, die Stichprobe aber sei nicht besonders groß. Man müsse daher mit genauen Zahlen vorsichtig sein, so Baert. Von einem anonymen Bewerbungsverfahren ist der Arbeitsökonom allerdings auch nicht vollends überzeugt. Zwar halte er ein solches Bewerbungsverfahren für einen guten Plan, wissenschaftliche Studien zeigen jedoch, dass ein derartiges Verfahren nicht den Erfolg birgt, den es verspricht. Den Grund dafür sieht Baert darin, dass die Anonymität bereits im Bewerbungsgespräch nicht mehr gewährleistet werden kann. Darüber hinaus würde auch positive Diskriminierung, also das Bevorzugen gesellschaftlich Benachteiligter, durch ein anonymes Bewerbungsverfahren ausgeschlossen. 


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