Nachrichten Juli 2017


GESELLSCHAFT: Die dunklen Seiten der niederländischen Geschichte - Gedenken kann man nicht erzwingen, aber man kann Unrecht sichtbar machen

Amsterdam. SB/NRC/VK/Trouw. 05. Juli 2017.

Pvda Kete Koti Big
Einmal im Jahr ist die Sklavereivergangenheit in den Niederlanden ein Thema - nämlich beim Befreiungsfest Keti Koti, viele Menschen finden allerdings dass das zu wenig ist, Quelle: Partij van de Arbeid/CC BY 2.0

Am vergangenen Samstag waren hunderte Menschen in den Amsterdamer Oosterpark gekommen, um dort „Keti Koti“ zu feiern – ein jährlich stattfindendes Fest, bei dem die Abschaffung der Sklaverei gefeiert wird. Die Sklaverei und die Niederlande - es ist ein dunkles Kapitel in der Geschichte unserer Nachbarn und es hat lange gedauert bis die Niederländer sich dieser unangenehmen Vergangenheit geöffnet und gestellt haben. Anno 2017 wird das Thema zwar nicht mehr ignoriert, aber es vermag die Menschen immer noch nicht zu berühren. Das muss sich ändern, meinen viele Nachfahren von Sklaven, Experten und Journalisten.

Am 01. Juli 1863 schafften die Niederländer die Sklaverei in den großen Kolonien Surinam und den Niederländischen Antillen ab. 45.000 Sklaven bekamen ihre Freiheit. Die „Halter“ der Sklaven bekamen damals pro Person 300 Gulden als Kompensation für die weggefallenen Arbeitskräfte zugesprochen. Allein zwischen 1650 und 1830 hatten Sklavenhändler rund 200.000 Menschen von Afrika nach Surinam verschifft, die sogenannten „Salzwasserneger“. Der erste Juli: Ein denkwürdiger Tag in der niederländischen Geschichte sollte man meinen – davon war allerdings viele Jahre wenig zu spüren. Ein Jahrhundert nach dem offiziellen Sklavereiverbot am 01. Juli 1963 war davon nicht einmal in den Zeitungen zu lesen. Dort ging es um den Unfrieden zwischen China und Russland, um die Amtseinführung von Papst Paulus VI, schreibt Sander van Walsum von der Zeitung de Volkskrant, die Sklaverei hingegen sei einfach kein Thema gewesen. Es war die Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs.

Hat sich seit dem etwas geändert? Ja. Seit 2002 gibt es ein nationales Monument zur Sklavereivergangenheit, an dem jährlich eine Gedenkfeier stattfindet. Das Amsterdamer Reichsmuseum zeigt eine große Ausstellung zum Thema und im Lehrplan in den Schulen steht es mittlerweile auch. Aber reicht das – Ein lokales Fest einmal im Jahr? Warum gibt es keinen nationalen Gedenktag, ähnlich wie der Bevrijdingsdag und die Dodenherdenking am 4. und 5. Mai, an denen das ganze Land gemeinsam feiert und trauert. Wäre das bei so viel zugefügtem Leid nicht das Mindeste? Diese Frage stellen sich dieser Tage nicht wenige Menschen. Es ist allerdings schwierig Menschen ein ehrliches Gedenken aufzuoktroyieren. Das nationale Gedenken an die Getöteten im Zweiten Weltkrieg (Dodenherdenking) wurde nicht ins Leben gerufen, um die Niederländer an eine historische Episode zu erinnern, die sie sonst vergessen würden, sie drückt gerade das von vielen empfundene Bedürfnis aus zu Gedenken. Dieses Bedürfnis gebe es mit Bezug auf die Sklavereivergangenheit nicht, so Sander Walsum in seinem Montag erschienenen Kommentar.

Aber auch an der jetzigen Form des Keti Koti, dem surinamischen Fest der „gebrochenen Ketten“, gibt es Kritik. Silvana Simons, eine nicht unumstrittene Politikerin die selbst Surinamische Wurzeln hat, sagte: „Ich verstehe nicht weshalb ein Minister für Sicherheit und Justiz hier eine Rede hält. Warum ist Premier Rutte nicht hier? Seine Anwesenheit wäre das Mindeste.“ (Rutte befand sich zu diesem Zeitpunkt übrigens auf der europäischen Staatsgedenkfeier für den verstorbenen Altkanzler Helmut Kohl). Und Henry Bogha ein 72-Jähriger Aktivist und Mitorganisator meint: „Ich empfinde das als Spaßfest auf Kosten unserer Ahnen. Man darf nicht vergessen, dass viele Menschen in den Camps und Plantagen so hart arbeiten mussten, dass sie tot umfielen. Menschen bekamen andere Namen zugewiesen, wussten nicht mehr, wo sie einst herkamen. Unsere Geschichte wurde zerstört. Ich finde es auch unangemessen, dass das Fest größtenteils von Weißen organisiert wird.“

Aus alldem ist herauszuhören, dass Betroffene sich zu wenig repräsentiert und entschädigt fühlen in der niederländischen Gesellschaft. Das zeigte sich immer wieder auch bei der Debatte um den „zwarte Piet“, den dunkelhäutigen Gehilfen von Sinterklaas, den viele Schwarze als diskriminierend erfahren. Aber auch beim Keti Koti kochen die Emotionen jedes Jahr wieder hoch. Mal fallen die Konflikte größer, mal kleiner aus, aber Konflikte gibt es eben immer.

Eine Lösung könnte ein eigenes Museum zur Sklavereivergangenheit des Landes sein, meint zum Beispiel Antoin Deut, Direktor des nationalen Instituts für die niederländische Sklavereivergangenheit. Deut betont, dass die Kolonialgeschichte des Landes nie ehrlich zu Papier gebracht wurde. Ein Museum sollte sich daher vielen offenen, oder unbekannten Fragen widmen: Wie sahen die parlamentarischen Debatten rund um die Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert aus? Wie äußerte sich das Thema in der niederländischen Gesellschaft? Wie zieht das Thema sich durch bis hin zu den heutigen Rassismusdebatten? Das neue Kabinett, so der Institutsleiter weiter, müsse sich für die Gründung eines solchen nationalen Museums stark machen, denn: „Wir können natürlich die toleranten Niederlande sein, von der wir glauben, dass wir es sind, aber erst müssen die Leichen aus dem Keller und die Sklaverei ist eine davon.“

Immer nur die glänzenden Seiten der Geschichte betrachten, das geht auf Dauer nicht gut, schon gar nicht, wenn die heutige Gesellschaft so offensichtlich von der Vergangenheit geprägt ist. Es leben heute immerhin ca. 350.000 Surinamer in den Niederlanden. Die Vorderung die Vergangenheit noch mehr sichtbar zu machen ist daher richtig und es tut sich dahingehend auch etwas. Aktuell wird ein in Paramaribo unterhaltene, 43 Bücher umfassende, Sklavenregister digitalisiert. Dieser Register war im Jahr 1926 als Reaktion darauf entstanden, dass sich viele Sklavenhändler nicht an das 1808 eingeführte Verbot des Transatlantischen-Sklavenhandels hielten. Ab diesem Zeitpunkt wurden sowohl Sklaven als auch deren „Besitzer“ registriert. Diese 30.000 Seiten umfassen rund 80.000 Namen und enthalten auch Lebensereignisse, wie Geburt und Tod. Nirgendwo in der Welt finde man so detaillierte Informationen darüber, was es mit Menschen macht, wenn man man ihnen alle Rechte nimmt, sagt Coen van Galen von der Radboud Universität Nijmegen: „Niederländer sind Pedanten. Sie haben viel mehr aufgeschrieben als nötig gewesen wäre.“ Das Register wird von Freiwilligen in Surinam und in den Niederlanden digitalisiert. 2018 soll die Datensammlung fertig werden.

Gedenken kann man nicht erzwingen, aber man kann Unrecht sichtbar machen. Es ist gut, dass diese Einsicht mit den Jahren gewachsen ist.


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