Nachrichten Dezember 2017


BILDUNG: In den Niederlanden drohen Lehrerstreiks

Dokkum. SB/VK/NRC/Trouw. 07. Dezember 2017.

Sessel Tweede Kamer Big
In der Tweede Kamer wurde die vergangenen zwei Tage der Bildungshaushalt diskutiert, nun drohen den Niederlanden vermehrt Lehrerstreiks, Quelle:NiederlandeNet/CC BY-NC-SA 2.0

Der Bildungssektor in den Niederlanden ist in Aufruhr. Aufgekeimt war der Protest bereits vor etlichen Monaten bei den Grundschullehrern. Mittlerweile sind alle Bildungsbereiche betroffen. Von den weiterführenden Schulen bis hin zu den Universitäten bilden sich Aktionskomitees. Mehr Personal, weniger Arbeitsbelastung und höhere Löhne lauten die Kernforderungen, doch die Politik stellt sich quer. Nun drohen den Niederlanden vermehrt Lehrerstreiks.

Am Anfang stand „PO in Actie“, eine Initiative, die sich aus rund 36.000 Lehrerinnen und Lehrern zusammensetze und die sich auf die Fahnen geschrieben hatte, den Grundschullehrern das Leben zu erleichtern. Die Arbeitslast sei zu hoch und das Gehalt im Vergleich zu den Kollegen an den weiterführenden Schulen zu gering, so die Kritik. Breits im April hatten die Initiatoren ein Manifest an die Tweede Kamer geschickt. Da aus der Sicht der Betroffenen von der Politik zu wenig Entgegenkommen gezeigt wurde, kam es am 27. Juni zum ersten großen Streik in den Niederlanden. Eine Unterrichtsstunde entfiel an vielen Schulen im Land aufgrund dieses ersten Streiks, der demgemäß noch als Warnung  zu verstehen war. Wenn es die neue Regierung versäumen sollte, etwas an der Situation zu ändern, könnte es durchaus noch zu längeren Streiks kommen, so die Aktionsführer im Frühsommer. (Lesen Sie hier mehr über den Streik und die Hintergründe am 27. Juni).

Die Drohungen zeigten Wirkung: 270 Millionen Euro für höhere Gehälter und weitere 450 Millionen Euro für eine Minderung der Arbeitsbelastung von Grundschullehrern,  so steht es im Regierungsvertrag des Kabinetts Rutte III. Ein großer Sieg für die Streikenden? Nein. Denn diese hatten zusätzliche 1,4 Milliarden von der Politik gefordert und deswegen ein Ultimatum an die Regierung gestellt, die geforderten 1,4 Milliarden doch noch für den Sektor frei zu machen. Gestern lief dieses Ultimatum aus. Nun soll am 12. Dezember erneut gestreikt werden. Grund- und Sonderschulen werden für einen Tag im ganzen Land die Türen schließen.

Trotz der Zugeständnisse von Seiten der Politik hat sich die Lage im Bildungssektor eher verschärft als beruhigt. Mittlerweile sind es nämlich nicht nur die Grundschullehrer, die Druck machen. Nach „PO in Actie“ gibt es nun auch „VO in Actie“, „MBO in Actie“ und „WO in Actie“. Von den Grundschulen bis hin zu den Universitäten werden Missstände beklagt und die Zuständigen Minister beteuern, wenig dagegen tun zu können. Bildungsminister im Bereich Schule, Arie Slob  (ChristenUnie), war selbst elf Jahre lang Lehrer, allerdings macht er seinen ehemaligen Kollegen wenig Hoffnung. Er könne nicht mehr Mittel freimachen, als im Koalitionsvertrag niedergeschrieben wurde. Ähnliche Töne sind von der Bildungsministerin (weiterführende Bildung) zu hören – die Mittel des Kabinetts seien bereits verteilt. Den Haag hat also eine klare Linie: „Sorry, kein Geld“. Das neue Kabinett und die Beschäftigten in der Bildung - sie haben keinen guten Start. Die breite Aktionsfront hat bereits angekündigt, sollte nach dem Streik am 12. Dezember noch immer keine positive Reaktion von Seiten der Politik kommen, regionale „Staffelstreiks“ zu organisieren, „wenn nötig bis zum nächsten Prinsjesdag“, so ein Sprecher der Initiative.

Bei den vorangegangenen Streiks am 27. Juni und 5. Oktober dieses Jahres hatten die Lehrer eine gute Ausgangsposition, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Einer Umfrage zufolge standen bei dem Streik im Oktober noch 83 Prozent der Eltern hinter den Lehrern. Für den nächsten Streik ist dieser Rückhalt auf 48 Prozent geschrumpft. Die Eltern gaben bei der Umfrage von „Ouders & Onderwijs“ (Eltern und Bildung) an, dass ihre Kinder nicht noch länger die Leidtragenden dieses Zwistes sein sollten. Dabei äußerten die Eltern mehr Verständnis für die Forderung nach einer Arbeitsentlastung als für eine Erhöhung des Gehalts. Thijs Roovers, Sprecher der PO-Front, versucht allerdings, klar zu machen, dass die Streiks gerade im Interesse der Kinder seien, denn durch das knappe Personal fielen jede Woche viele Unterrichtsstunden aus und teilweise müsste der Unterricht jetzt schon  von noch nicht fertig ausgebildeten Studenten übernommen werden. „Lehrer streiken nicht, weil sie ein größeres Auto haben wollen, sondern für das Wohl der Kinder.“ Für Thijs Roovers ist es entscheidend, die prekäre Situation an niederländischen Schulen als  gesellschaftliches Problem offenkundig zu machen.

Gestern und heute wurde in der Tweede Kamer der Bildungshaushalt für die kommenden Jahre diskutiert  („onderwijsbegroting“). Tatsächlich dürfte hier auf das Kabinett viel Arbeit zukommen. Chancengleichheit herstellen, den Lehrermangel bekämpfen und die Segregation im Schulwesen bekämpfen - all das sind keine leichten und vor allem keine billigen Aufgaben.


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