Nachrichten August 2017


WIRTSCHAFT: Brexit-Effekt - Von London nach Amsterdam

Amsterdam/London. Franziska Seufert/VK/NRC. 08. August 2017.

Schon vor dem Britischen EU-Referendum im Juni 2016, wurde ein ‚Brexodus‘ von Unternehmen aus dem Vereinigten Königreich (VK) vorausgesehen, sollten die Briten für einen Austritt aus der Europäischen Union stimmen. Damit einhergehend wurde vor einem Arbeitsplatzverlust für bis zu 100.000 Londoner gewarnt. Nachdem das Referendum zugunsten des Brexit ausfiel, kommt die Frage auf, wie es jetzt, gut ein Jahr später, wirklich um den Abzug von Banken und anderen Unternehmen steht.

Es gibt viele Unklarheiten in Bezug auf den Brexit und die daraus resultierenden Konsequenzen, sodass noch kein eindeutiges Urteil möglich ist – über den Brexit generell und speziell den sogenannten Brexodus. Tatsache ist jedoch, dass schon mehr als dreißig Unternehmen einen Umzug beziehungsweise Teilumzug in andere EU-Länder geplant haben. In den letzten Monaten verkündete eine Reihe von Unternehmen, vor allem aus dem Wirtschaftssektor, seine Tätigkeiten von London in einen der verbleibenden 27 EU-Mitgliedsstaaten zu verlegen. Zum Beispiel wählte die Bank of America Dublin, Citigroup möchte nach Frankfurt und EasyJet nach Wien. Solche Ankündigungen lassen ein paar vorläufige Folgerungen zu.

Der mit dem Brexit drohende Austritt aus dem internen EU-Markt bewirkt, dass sich die Unternehmen eben diesem zuwenden. Obwohl bisher keines der Unternehmen von einem kompletten Umzug spricht, wurde die Gründung von Zweigstellen und Tochterunternehmen angekündigt, oder die Verstärkung einer anderen, bereits existierenden Filiale. Gerade, weil die Unternehmen London (noch) nicht vollständig verlassen wollen, scheint der Arbeitsplatzverlust in London nicht so bedrohlich wie befürchtet. Die meisten Unternehmen warten jedoch den weiteren Verlauf der Verhandlungen zwischen dem VK und der EU ab. Dies bedeutet aber nicht, dass sie nicht zu einem späteren Zeitpunkt zugunsten eines anderen Standortes Arbeitsplätze abbauen, um nicht die Vergünstigungen, Zuschüsse und Möglichkeiten zu verlieren, die eine EU-Niederlassung mit sich bringt.

Da es sich besonders um wirtschaftliche Vergünstigungen, und vorteilhafte Handelsregelungen im Binnenmarkt handelt, ist es nicht verwunderlich, dass zur Zeit vor allem im Wirtschafts- und Versicherungssektor über Unternehmensverlagerung nachgedacht wird. Große Banken bevorzugen dabei besonders Frankfurt und Dublin als Standort, während zum Beispiel Luxemburg viele Versicherungen und Vermögensverwalter anlockt. Steven Maijoor, Vorsitzender der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA), warnt in diesem Zusammenhang sowohl vor einem Konkurrenzkampf zwischen den Mitgliedstaaten zur Anwerbung der Londoner Unternehmen, als auch vor dem Entstehen neuer Briefkastenfirmen.

Auch Amsterdam mischt mit in den Verhandlungen zwischen London und potenziellen neuen Standort-Städten. Laut der niederländischen Zeitung NRC Handelsblad ist die Stadt mit rund sechzig Unternehmen im Gespräch. Dabei handelt es sich nicht nur um Unternehmen aus dem Wirtschaftssektor, sondern auch um u.a. Werbeagenturen. Besonders attraktiv fänden es die Stadt Amsterdam und das niederländische Kabinett die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) für sich zu gewinnen. Bis jetzt haben sich MarketAxess Holdings Inc., die Royal Bank of Scotland (RBS) und die amerikanische Handelsplattform Tradeweb, sowie ein paar kleinere Unternehmen mit vergleichsweise wenigen Angestellten für Amsterdam entschieden.

MarketAxess ist eine der weltweit größten Handelsplattformen. Geschäftsführer Rick McVey sagte gegenüber The Financial Times, dass man Amsterdam gewählt habe, auf Grund der zentralen Lage der Niederlande in Europa und wegen der positiven Einstellung der Aufsichtsbehörden gegenüber Handelsplattformen. Er sagt: „Mit voranschreitender Zeit müssen wir uns auf die unsichere Zukunft einstellen. Wir hoffen, dass es einen Übergangsdeal geben wird, aber wir bereiten uns auf das Schlimmste vor. Wir sind bereit kurz vor dem Brexit umzuziehen.“ Der Marktwert des Unternehmens wird auf rund 6 Milliarden Euro geschätzt. Wie viele Arbeitsplätze in Amsterdam geschaffen werden können ist noch nicht klar, wohl aber, dass es für die Stadt nur von Vorteil sein kann.

Auch die zweite Handelsplattform, Tradeweb, wählt einen ‚post-Brexit-Standort‘ in den Niederlanden auf Grund guter Infrastrukturen und der Erfahrungen der Aufsichtsbehörden mit speziell (elektronischen) Handelsplattformen. In Amsterdam haben zum Beispiel die DNB (De Nederlandsche Bank) und der AFM (Autoriteit Financiele Markt) schon recht gute Arbeitsbeziehungen mit (kleineren) ansässigen Handelsplattformen. Bis jetzt hat das amerikanische Unternehmen in Europa nur die Niederlassung in London. Durch den Brexit würde es also wahrscheinlich seine Handelsberechtigung für die EU verlieren.

Trotz der scheinbar großen Anziehungskraft Frankfurts für Banken, kündigte mit der RBS das erste große Unternehmen aus dem Wirtschaftssektor seine Auslagerung in die Niederlande an. Für die schottische Bank bedeutet dies eine Rückkehr nach Amsterdam. 2007 hatte die RBS dort zusammen mit anderen europäischen Banken ein niederländisches Geldinstitut aufgekauft. Erst 2015 wurden dann ausgerechnet die Tätigkeiten auf dem niederländischen Markt nahezu komplett eingestellt. Die Schotten besprechen nun mit der DNB, die als Aufsichtsbehörde fungiert, wie sie die Aktivitäten wieder aufnehmen kann, um auch in Zukunft noch Kunden auf dem EU-Markt bedienen zu können.

Die Niederlande haben strenge Regelungen was Boni von Topmanagern im Wirtschaftssektor angeht. Boni dürfen nicht höher sein als 20 Prozent des Einkommens, im Gegensatz zu den 100 Prozent in den anderen EU-Staaten. Dies wird als Grund genannt, warum die Niederlande keine anderen (großen) Banken anlocken kann, so, wie zum Beispiel Frankfurt oder auch Dublin. Die schottische Bank hat jedoch schon eine Genehmigung in den Niederlanden, welche viel Geld kosten, sodass es rentabel sei zurück zukommen, erklärt Constant van Tuyll van Serooskerken, Wirtschaftsexperte in einem Anwaltsbüro.

Die Vorteile der niederländischen Haupstadt lägen anderswo, erklärt Wethouder für Wirtschaftliche Angelegenheiten, Kajsa Ollongren. Amsterdam könne mit seinem lebenswerten Wohngefühl, seiner digitalen Infrastruktur und guten Verbindung zum Rest von Europa punkten.


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