Nachrichten april 2017


WIRTSCHAFT: Niederländische Supermärkte wollen Vier-Jahres-Verträge anbieten

Utrecht. EF/Trouw/NRC/VK. 18. April 2017.

Supermärkte wollen mit der sogenannten tussenbaan ein neues Arbeitsverhältnis schaffen, das eine Zwischenform zwischen einer Festanstellung und einem befristeten Vertrag darstellt. Der Sinn hinter dieser Regelung ist es, einen Mittelweg zwischen den beiden Vertragsarten zu finden und die Kluft zwischen festangestellten und zeitweilig beschäftigen Arbeitnehmern zu verringern. Sie sind vor allem für Berufseinsteiger, ältere Menschen, Arbeitslose und Quereinsteiger konzipiert.

Für viele Arbeitgeber sind Festanstellungen ein kostspieliges Unterfangen, da Arbeitnehmer mit unbefristeten Arbeitsverträgen Zuschüsse für Weiterbildungen und eine gesunde Lebensführung erhalten. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Zahl der befristeten Verträge, auch Flex-Verträge genannt, in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Mit der tussenbaan wollen die Arbeitgeber nun von der  maximalen Dauer eines befristeten Arbeitsvertrages Gebrauch machen und diesen Arbeitnehmern gleichzeitig mehr Sicherheit bieten. Aus diesen Überlegungen resultiert letztendlich das Konzept eines vier Jahre gültigen Vertrages, der zugleich auch bezahlte Weiterbildungsmöglichkeiten beinhaltet. In diesem Zusammenhang richten jetzt sowohl Arbeitsmarktexperten, Arbeitgeber, Arbeitnehmer als auch Politiker ihr Augenmerk auf die Supermärke. Die Lebensmittelbranche plant als erste Branche, diesen Vier-Jahres-Vertag einzuführen. Die Diskussion über Flexibilität auf dem Arbeitsmarkt bekommt hierdurch eine neue Dimension.

In Supermärkten arbeiten laut Patricia Hoogstraaten, Direktorin des niederländischen Arbeitgeberverbandes Vakcentrum, einer niederländische Branchenorganisation für Arbeitgeber von Supermärkten und Lebensmittelgeschäften, drei verschiedene Gruppen von Menschen. Dazu gehören Schüler und Studenten, die dort eine Nebenbeschäftigung ausüben, Arbeitnehmer, die ihr ganzes Leben lang in der Lebensmittelbranche arbeiten und Menschen, die nur zeitweilig in einem Supermarkt angestellt sind. Für diese letzte Gruppe Menschen fordert man nun, so Hoogstraaten, mehr Sicherheit und möchte zugleich die Flexibilität erhalten. Außerdem habe man so die Möglichkeit, Arbeitnehmer länger an den Betrieb zu binden.

Seit der Einführung des Gesetzes Wet werk en Zekerheid im Jahr 2015 besteht die Möglichkeit auf einen Arbeitsvertrag mit einer Befristung von maximal vier Jahren unter der Voraussetzung, dass Arbeitnehmer in diese Verträge einwilligen. Ein befristeter Arbeitsvertrag über einen Zeitraum von vier Jahren stand bislang nur selten zur Debatte. Für Supermärkte jedoch sei diese Option nun durchaus von Nöten, denn in keiner anderen Branche ist die Kluft zwischen Arbeitnehmern mit festen und Flex-Verträgen so groß. Während rund 25 bis 30 Prozent der Arbeitnehmer in der Supermarktbranche festangestellt sind, habe die Mehrheit der über 300.000 Arbeitnehmer laut Nanda Troost, Redakteurin der niederländischen Tageszeitung de Volkskrant, lediglich einen Jahresvertrag erhalten. „Für sie ist diese Zwischenform auf jeden Fall eine Verbesserung“, so Wessel Breunesse, Vorsitzender der niederländischen Gewerkschaft CNV (Christelijk Nationaal Vakverbond) Vakmensen.

Die bisherigen Verhandlungen zwischen den Gewerkschaften und der Lebensmittelbranche verliefen alles andere als reibungslos. Schlussendlich unterzeichnete nur die niederländische Gewerkschaft CNV den Vier-Jahres-Vertrag mit der Bitte, auch weiterhin über die zukünftige Entwicklung nachzudenken. „Es war notwendig, sich von der traditionellen Debatte mit den Vor- und Nachteilen von Festanstellungen und Flex-Verträgen zu distanzieren, sodass wir zu neuen Lösungsvorschlägen kommen können, sagt Breunesse. Arbeitnehmer erhalten durch diese neue Art des Arbeitsverhältnisses Zuschüsse für Weiterbildungen, sodass sie nach Ablauf des Arbeitsverhältnisses einfacher eine neue Arbeit finden können. Dies sei besonders wichtig für Menschen, die bereits lange auf Arbeitssuche sind. Ton Wilthagen, Professor an der Universität Tilburg, sieht ebenfalls viele Vorteile in dieser Zwischenform. Schließlich könne man dadurch, sofern diese Verträge gut umgesetzt würden, die Arbeitsbedingungen für viele Menschen mit einer schwachen Position auf dem Arbeitsmarkt erheblich verbessern. Für sie ergebe sich dadurch eine bessere Perspektive auf eine langfristige Anstellung. Gleichzeitig ebne es ihnen einen Weg für eine neue Arbeitsstelle.

Für die Gewerkschaft CNV ist der Vier-Jahres-Vertrag sehr willkommen. Die Arbeitnehmer haben damit die gleichen sozialen Rechte, wie ihre Kollegen, die sich in einer Festanstellung befinden. Die Gewerkschaft betonte dennoch, dass diese Verträge nicht zu noch weniger unbefristeten Arbeitsverträgen führen dürften. Wilthagen äußerte diesbezüglich ebenfalls Bedenken. Schließlich sei ein befristeter Vertrag trotz Weiterbildungszuschüssen noch immer kostengünstiger als eine Festanstellung. Diese Intention habe der allgemeine Arbeitgeber, so CNV, aber nicht. Es ist denkbar, dass diese Entwicklung sogar zu mehr unbefristeten Arbeitsverträgen führe, da ein Arbeitgeber nach vier Jahren durchaus die Qualitäten eines Angestellten kennen lernen durfte. Für Breunesse wäre dies eine optimale Entwicklung. Allerdings könne man die Folgen nicht genau einschätzen. Bei dem Vier-Jahres-Vertrag handele es sich schließlich um eine neue Form des Arbeitsverhältnisses. Die Folgen bleiben abzuwarten.

Die Gewerkschaft CNV geht nicht davon aus, dass dieser Lösungsvorschlag von anderen Branchen als der Supermarktbranche angenommen wird. Für viele Gewerkschaften sei ein befristeter Vier-Jahres-Vertrag keine Option. Eine Festanstellung sei für alle Gewerkschaften die Norm, so Breunesse. Bei Supermärkten gebe es allerdings wenig zu verlieren, da sowieso nur ein geringer Teil des Personals über eine Festanstellung verfügt. 

Arbeitgeber stehen dieser Entwicklung durchaus positiv gegenüber. Der niederländische Branchenverband VNO-NCW (Verbond van Nederlandse Ondernemingen und Nederlands Christelijk Werkgeversverbond) plädiert bereits seit längerer Zeit für eine solche Zwischenform und auch der niederländische Arbeitgeberverband AWVN (Algemene Werkgeversvereniging Nederland) geht nicht davon aus, dass diese Form des Arbeitsvertrages ein Einzelfall bleibt. Diese Art des Arbeitsverhältnisses könne nun öfters diskutiert werden, vor allem in den Branchen, in denen es laut Meinung der Gewerkschaften zu viele Flex-Verträge gebe, so Jannes van der Velde, Pressesprecher des Arbeitgeberverbands AWVN. Ob dies schließlich zu mehr oder weniger unbefristeten Verträgen führe, könne er jedoch nicht einschätzen.


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