Nachrichten april 2017


WIRTSCHAFT: Mögliche Fusion Pon Holdings und Accell Group - Zusammen können sie den weltweiten Fahrradmarkt beherrschen

Almere/Heerenveen. SB/Trouw/NRC/VK. 12. April 2017.

Gazellebig
Die Fahrräder von Gazelle jeder kennt sie, seit 2011 gehört die Marke zu Pon Holdings und die wollen den Fahrradmarkt jetzt noch weiter erobern, Quelle: huubvanhughten / www.hollandfiets.de/CC BY 2.0

Am Dienstag bestätigte der niederländische Fahrradproduzent Accell Group, ein Übernahmeangebot von Pon Holdings erhalten zu haben. Es geht dabei um die niederländischen Fahrradfabrikanten Sparta und Batavus, die sich in den Händen der Accell Group befinden. Sollten die Unternehmen tatsächlich fusionieren, könnte eine neue Fahrradgroßmacht entstehen, die sogar dem taiwanesischen Fahrradriesen Giant den Rang ablaufen könnte.

Das im niederländischen Almere niedergelassene Unternehmen Pon Holdings hat der Accell Group 32,72€ pro Anteil angeboten, um zusammen zum größten Fahrradproduzenten der Welt zu werden. Das Angebot übersteigt damit den Wert des Unternehmens um beinahe ein Viertel bei Börsenschluss am Montag. Insgesamt beliefe sich das Übernahmeangebot auf 846 Millionen Euro. Viel Geld, aber zusammen könnten die Unternehmen einen Umsatz von 1,7 Milliarden Euro machen und damit zum größten Fahrradhersteller weltweit werden. Eigentlich sollte das Angebot erst einmal intern unterbreitet werden, es war allerdings durch ein Leck frühzeitig an die Öffentlichkeit gelangt. Accell hat nun angekündigt, dass Angebot sorgfältig prüfen zu wollen. Einen Beschluss gibt es bisher nicht und auch wenn Accell zustimmen sollte, müsste zunächst noch die Regulierungsbehörde ihr O.K geben.

Wie die niederländische Tageszeitung de Volkkrant zusammengetragen hat, ist Pon ein niederländischer Familienbetrieb, der im Jahr 1895 in Amersfoort von Mijndert Pon gegründet wurde. Der Stammvater der Dynastie hatte damals mit dem Import von Fahrrädern und Nähmaschinen von der (damals noch deutschen Marke) Opel begonnen. Ab 1920 verkaufte Pon auch Autos von Opel bis General Motors die Marke übernahm. In den 30er Jahren fanden die beiden Söhne von Mijndert, Ben Senior und Wijnand Senior, schließlich einen neuen Lieferanten: Volkswagen. Nach Ende des Krieges gelang es den Pon, das Exklusivrecht als einziger niederländischer Importeur zurückzuerhalten. Später begann Pon auch mit der Produktion und dem Vertrieb von Fahrrädern und einem eigenen Moped (Ponette). In den 80er Jahren fokussierte sich Pon dank der Expansion von VW mit Seat, Skoda, Audi, Man und Porsche dann wieder mehr auf den Automarkt. Pon wurde so zum größten Autohändler in den Niederlanden. Jedes fünfte verkaufte Auto wurde bei unseren Nachbarn von Pon importiert.
Im Jahr 2011 besann man sich das Unternehmen wieder mehr auf den Fahrradmarkt. Pon Holdings stieg mit der Übernahme von Gazelle wieder in die Branche ein. Noch im selben Jahr folgte die Übernahme vom deutschen Fahrradhersteller Derby Cycle. Im Jahr 2015 folgte die Übernahme von Santa Cruz Bicycles und Faraday Bicycles. Auch wenn Pon Holdings noch immer eher mit dem Verkauf von Autos assoziiert wird, ist der „stille multinational“, der weniger bekannt ist als Unilever, AkzoNobel oder Philips, mittlerweile zu einer echten Größe auf dem Fahrradmarkt geworden. Pon produziert und vertreibt mittlerweile 800.000 Fahrräder. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen heute 16.000 Mitarbeiter und hat fast 500 Niederlassungen in 32 Ländern.

Letztes Jahr war der Markt für Neufahrräder in den Niederlanden 900 Millionen Euro wert. Mehr als 900.000 neue Fahrräder wurden insgesamt gekauft. Glaubt man Analysten der Bank Degroof Petercam, einem der wichtigsten unabhängigen Finanzdienstleister der Benelux-Staaten, kämen Pon und Accell in den Niederlanden zusammen auf einen Marktanteil zwischen 40 und 50 Prozent.
Beide Betriebe stellen Fahrräder für das Mittel- und Luxussegment her und sind in den letzten Jahren stark gewachsen. Trotzdem sitzt ihnen die Konkurrenz aus Asien im Nacken. Analyst Joost van Beek von Theodoor Gilissen, einer Privatbank, meint: „Fahrräder herstellen ist noch immer zu einem großen Teil Handwerk. In Asien sind die Löhne niedriger.“ Ihm zu Folge wäre es nur logisch, wenn sich Pon und Accell zusammentuen, um so beispielsweise beim Einkauf von Gangschaltungen und Elektromotoren Vorteile zu haben.

Das größte Potential aber sehen Experten auf dem Markt für Elektrofahrräder. Die Accell Group beansprucht für sich, der größte Verkäufer für elektrische Fahrräder in den Niederlanden zu sein, zusammen könnten Pon und Accell sogar globaler Marktführer in diesem Segment werden. Beide Betriebe investieren schon seit Jahren in neue und innovative Technologien auf diesem Gebiet. Außerdem wächst der Markt für E-Fahrräder schnell, vor allem in globalisierten, warmen und bergreichen Ländern liegt hier ein enormes Marktpotential. Eine Zusammenarbeit der beiden Fahrradproduzenten könnte sich also durchaus rentieren, denkt Marktanalyst Frank Claassen, ebenfalls von der Bank Degroof Petercam: „Wenn sich in traditionellen Fahrradländern wie Frankreich und dem vereinigten Königreich das E-Fahrrad auch durchsetzen sollte, ist so eine Kombination bestens dafür geeignet das zu bedienen.“ Die Zusammenarbeit würde sich vor allem in Bereichen wie Logistik, Service und Kosteneinsparungen bezahlt machen.

Bis es soweit ist, müssen aber noch einige Hürden genommen werden. Die Aufsichtsbehörde müsste einer Fusion beispielsweise zustimmen und dürfte noch einmal besonders kritische darauf achten, ob eine Fusion mit einem geschätzten Marktanteil von weit über 30 Prozent überhaupt rechtens ist. Auch müssten die Anteilseigner von Accell einer Übernahme zustimmen.
Die Gewerkschaft der Metaller FNV Metaal steht der Fusion kritisch gegenüber. Sie befürchtet, dass Mitarbeiter entlassen werden.


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