Nachrichten März 2015


GESUNDHEIT: Niederlande als Vorbild im Kampf gegen Krankenhauskeime

Berlin/Den Haag. AF/BMG/ecdc/eursafety.eu/Handelsblatt/RIVM/Stern/Zeit. 24. März 2015.

Arzt Stethoskop
Was machen niederländische Kliniken anders?, Quelle: Alex Proimos/cc-by-nc

Der deutsche Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) hat am Montag einen 10-Punkte-Plan zur Bekämpfung multiresistenter Krankenhauskeime vorgelegt. Deutsche Medien wie Tagesschau und Deutschlandfunk verweisen in diesem Zusammenhang auf die vorbildlichen Präventionsmaßnahmen in niederländischen Krankenhäusern. Schützen die Niederlande Patienten wirklich besser vor multiresistenten Bakterien als Deutschland? Hier die wichtigsten Fakten:

Um welche Keime geht es?

Das Hauptaugenmerk der Medien liegt auf dem Methillicin-resistenten Staphylococcus aureus – kurz MRSA. Ein gesunder Mensch merkt meist nichts, wenn er mit dem Bakterium in Kontakt kommt, doch bei immungeschwächten Personen kann er schwere bis tödliche Infektionen verursachen. Die meisten Antibiotika wie Penicillin sind dabei unwirksam. Neben dem MRSA gibt es noch viele weitere antibiotikaresistente Bakterien wie beispielsweise Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) oder Bakterien, die Extended-Spectrum-Beta-Laktamasen (ESBL) bilden und damit bestimmte Antibiotika spalten. Man vermutet, dass die Resistenzen aufgrund von häufigem Antibiotika-Einsatz bei Mensch und Nutztier entstehen.

Wie weit sind antibiotikaresistente Keime verbreitet?

Laut dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) hatten die Niederlande 2013 gemeinsam mit Norwegen (0,7 Prozent) und Schweden (1,0 Prozent) die geringste MRSA-Durchseuchung der Bevölkerung in Europa. Tests an Bakterienisolaten zur Antibiotikaempfindlichkeit ergaben, dass in den Niederlanden im Jahr 2013 nur 1,2 Prozent der untersuchten Isolate resistent waren. In Deutschland waren es 12,7 Prozent. Auch bei der VRE-Rate liegen die Niederländer mit 0,2 Prozent vor den Deutschen (0,5 Prozent).

Was machen niederländische Kliniken anders?

Die Niederlande verwenden mehr Energie auf Kontrolle und Prävention. Dort hat beispielsweise jede Klink einen Krankenhaushygieniker. Dessen Aufgabe besteht darin, Krankenhausinfektionen zu verhindern, zu erkennen und zu bekämpfen. Deutsche Krankenhäuser mit weniger als 400 Betten – etwa zwei Drittel aller Kliniken – müssen keine hauptamtlichen Hygieniker anstellen.

Des Weiteren werden in den Niederlanden alle Risikopatienten bei der Krankenhausaufnahme auf antibiotikaresistente Keime getestet. „Heute untersuchen wir sämtliche Risiko-Patienten – egal, ob sie Infektionssymptome aufweisen oder nicht –, auf die ‚Big Five‘ der multiresistenten Erreger“, erklärte Alex Friedrich, Professor für Hygiene an der Universität Groningen und Projektleiter des EurSafety Health-net, im Februar gegenüber Stern. Die Untersuchung geschieht am besten vor einer stationären Aufnahme. Ist der Patient jedoch bereits im Krankenhaus, wird er isoliert, bis das Ergebnis bekannt ist, um eventuelle Ansteckungen anderer zu verhindern. Wurde bei einem Patienten beispielsweise MRSA entdeckt, wird dieser – unter Einhaltung von strengen Kleidungs-, Hygiene- und Putzvorschriften – isoliert gepflegt. Diese Vorschriften für Risikopatienten gelten so auch in Deutschland. Auch Krankenhaus-Mitarbeiter werden in den Niederlanden regelmäßig auf MRSA untersucht, in Deutschland hingegen gibt es keine generelle Empfehlung zum Screening von Mitarbeitern.

MRSA ist in den Niederlanden seit 2007 meldepflichtig, in Deutschland erst seit 2009. Auf der Website des Rijksinstituut voor Volksgezondheid en Milieu (RIVM) können alle MRSA-Meldungen im Land – geordnet nach verschiedenen MRSA-Typen – eingesehen werden. So können Patienten Einblick in den Hygienezustand in ihrer Region nehmen. Zudem gibt es in den Niederlanden eine zentrale Datenbank, auf die landesweit jeder Krankenhaushygieniker Zugriff hat.

Niederländische Veterinär- und Humanmediziner werden außerdem bei der Verwendung von Antibiotika von Seiten des RIVM kontrolliert. Tatsächlich ist der Verbrauch von Antibiotika in niederländischen Krankenhäusern im Jahr 2013 von 11,34 auf 10,81 DDD pro1000 Einwohner gesunken. Im Bereich der Tiermedizin ist der Antibiotika-Kauf seit 2009 um ganze 58 Prozent zurückgegangen.

Orientiert sich Gröhes 10-Punkte-Plan an den Niederlanden?

In vielen Punkten orientiert sich der 10-Punkte-Plan an bewährten Kontroll- und Präventionsmaßnahmen, wie sie auch in den Niederlanden durchgeführt werden. Gröhe will die Meldepflicht verschärfen und das Klinikpersonal schulen, um unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika zu verhindern. Patienten sollen künftig vor planbaren Krankenhausaufenthalten auf multiresistente Keime untersucht werden. Die Kliniken werden fortan verpflichtet, bestehende Hygieneregeln konsequenter umzusetzen; wie dies gelingt, soll veröffentlicht werden. Tier- und Humanmedizin sollen besser zusammenarbeiten und Resistenzen und Verbrauch von Antibiotika soll überwacht werden.

In der deutsch-niederländischen Grenzregion weiß man schon länger, dass man von den Nachbarn im Westen bei der Krankenhaushygiene lernen kann. Bereits 2005 wurde ein erstes grenzüberschreitendes Präventionsnetz (EUREGIO MRSAnet) gegründet. 2009 folgte dann das Euregio-Projekt EurSafety Health-net, das Wissen und Maßnahmen im Gesundheitssektor zwischen den Ländern synchronisieren möchte, um damit die Patientensicherheit zu erhöhen. „Nachdem Studien Ende der 90er Jahre zeigten, dass die Prävalenzraten für MRSA in Ländern wie zum Beispiel den Niederlanden und Dänemark bis zu 20 Mal niedriger sind als in Deutschland, stand für mich fest, dass eine Kooperation mit diesen Ländern in einem Europa der Zukunft unerlässlich ist, um eine Harmonisierung der Versorgungsqualität zu erreichen“, so Projektleiter Professor Alex Friedrich auf der Homepage des Projekts.


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